100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Auf dem rechten Auge blind

Der Kapp-Putsch hat in Mittel- und vor allem Westdeutschland gewalttätige Reaktionen aus den Reihen der Arbeiterschaft ausgelöst. Die Thüringer Tageszeitung aus Weimar hatte sich auf Seiten der Putschisten gestellt und war für zwei Wochen verboten worden. Nun erscheint sie wieder und kommentiert die linke Gewalt rege, aber verliert über den gescheiterten Rechtsputsch kein Wort.

Gradstätte von Max Hölz in Nischni Nowgorod

An unsere Leser!

Die Aufhebung des Ausnahmezustandes ermöglicht es uns, wieder zu erscheinen. Wir werden auch in Zukunft uns für eine Besserung unserer politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse einsetzen und in diesem Bestreben den Kampf mit allen verfassungsmäßigen Mitteln gegen die Mehrheitsparteien und ihre Regierungen führen.

Thüringer Tageszeitung.

*

Die rote Armee auf der Flucht.

Buer, 3. April. Wie die „Buersche Zeitung“ meldet, stießen am Donnerstag gegen 10 Uhr vormittags die Regierungstruppen von Norden her nach Süden vor. Es kam zunächst zu Plänkeleien nördlich Marl und südlich Buer in der Gegend von Ulfkotten. Die Rotgardisten mußten sich zurückziehen, worauf eine wilde, panikartige Flucht der gesamten Roten Armee auf breiter Front einsetzte. Die hinter der roten Front liegenden Gruppen waren gerade beim Abkochen, als die Regierungstruppen wie ein Sturmwind dahergerast kamen. Kein Mensch dachte mehr an das Mittagessen. In wahnsinniger Hast und unter Zurücklassung aller Waffen, zum Teil sogar unter Zurücklassung des Schuhzeugs, flüchteten die Rotgardisten. Die Straße Marl – Recklinghausen war derart mit Flüchtenden überfüllt, daß sie die Menge kaum noch fassen konnte. Ein Augenzeuge schildert der „Buerschen Zeitung“ den Rückzug, indem er sagte, es habe den Anschein gehabt, als sei eine neue Sintflut hereingebrochen. Worte vermöchten die Verwirrung und die Angst der Flüchtenden kaum zu schildern.

*

Der Schrecken im Vogtlande.

30.000 M. Belohnung für die Ergreifung des Hölz.

Die für die Ermittlung und Ergreifung des Kommunistenführers Max Hölz in Falkenstein ausgesetzte Geldbelohnung ist von der Staatsanwaltschaft beim Oberlandesgericht Dresden auf 30,000 Mark erhöht worden.

Hölz in Frankenberg.

Frankenberg, 3. April. Am Donnerstag gegen 11 Uhr vormittags traf der Kommunist Hölz mit seiner Schar hier ein. Nachdem er mit dem hiesigen Arbeiterrat gesprochen und diesem über den Zweck seiner Reise Mitteilung gemacht, fuhr er im Auto weiter, während seine Leute die Armbinden, um sich nicht als Anhänger von Hölz zu verraten, abstreifen und in einem Gasthaus zu Mittag aßen. Irgendwelche Erpressung hat Hölz hier nicht vorgenommen. Um 2 Uhr kam er wieder, um mit seiner Bande in Richtung Hainichen abzurücken. Wie es hieß, sollten Reichswehrtruppen von Chemnitz unterwegs sein, die in Frankenberg Quartier beziehen sollten. Eine halbe Stunde nach seinem Fortgang traf das amtliche Telegramm ein, daß die Belohnung auf die Wiederergreifung des Hölz auf 30,000 M. erhöht sei.

Hölz wieder verschwunden.

Chemnitz, 3. April. Von Frankenberg aus ist Hölz spurlos verschwunden. Er ist weder in Chemnitz, noch in den umliegenden Ortschaften gesehen worden, so daß bis zu den Abendstunden nicht zu ermitteln war, welches Ziel er mit seinem Auto aufgesucht hat.

Quelle:

Thüringer Tageszeitung vom 3.4.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Hoelz#/media/Datei:Nizhny_Novgorod._Grave_of_Max_Hoelz_in_Bugrovskoye_Cemetery.jpg