100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Auf dem Weg nach links

Nach dem Kapp-Putsch macht sich auch die USPD bereit für den Reichstagswahlkampf. Die Anerkennung des Parlamentarismus ist jedoch nur taktischer Natur. Die Hauptredner dieser Parteiversammlung in Jena sind sich mit dem Publikum einig, dass man gemeinsam mit der KPD durch eine „rücksichtslose“ Bekämpfung der bürgerlichen Parteien den Sozialismus errichten werde. Wenige Monate später wird sich die Parteimehrheit der KPD anschließen.

USPD-Wahlwerbung von 1919

Unsere Gebiets-Generalversammlung.

[…] Die Nachmittagssitzung begann mit einem Referat des Gen. Höllein (Jena). In eindringlichen und gehaltvollen Ausführungen brachte er alle unsere prinzipiellen Grundlagen, unsere gegenwärtige Stellung und unsere nächsten Aufgaben klar zum Bewußtsein. An Hand der Parteientwicklung und der früheren Parteitage der einheitlichen Sozialdemokratie wies er nach, wie immer ein radikaler Flügel innerhalb der Partei bestanden hat, in dem die Gedanken der alten revolutionären Führer (Marx, Engels, Lassalle, Bebel) lebendig und wirksam blieben, als das Gros der Partei in Reformismus und Bonzentum verköcherte. Diese Gruppe hielt vor allem auch den Gedanken der Massenaktion hoch, besonders den des Massenstreiks, der von den Parteifunktionären und Gewerkschaften immer wieder für sinnlos und undurchführbar erklärt würde. Die jüngsten Tage nun hätten für jeden klar bewiesen, wie ausschlaggebend die Bedeutung des Generalstreiks für die Erkämpfung der proletarischen Ziele sei. Gegen dieses wirtschaftliche Kampfmittel könne selbst die Brachialgewalt des Militarismus auf die Dauer nicht bestehen, vollends dann nicht, wenn es uns gelingt, Waffen in die Hände des Proletariats zu bringen. Im Anschluß hieran erörterte er die Stellung in den anderen Parteien im Wahlkampf: sämtliche bürgerliche Parteien, einschließlich der Demokraten, müssen selbstverständlich mit rücksichtloser Stärke bekämpft werden. Zu der Bekämpfung der SPD, seu auch er dafür, daß eine persönliche Kampfesweise nach Möglichkeit vermieden werde. Dabei müßten aber die prinzipiellen Gegensätze zwischen dem Reformsozialismus und unserem revolutionärem Standpunkt mit aller Schärfe herausgearbeitet werden. Und der Kampf müsse sich gerade im Interesse eines eventuellen späteren Zusammenarbeitens, auch gegen solche Führer richten, die durch ihre Vergangenheit unwiderruflich zu Renegaten des Sozialismus gestempelt wären. Von der KPD. Trennen uns keine prinzipiellen Gegensätze mehr, nachdem diese Partei sich von den Wirrköpfen der KAPD. getrennt habe und auch zum Parlamentarismus heute dieselbe Stellung einnehme wie die USP. Nur wenn minderwertige lokale Größen der KPD. sich uns gegenüber einer schmutzigen Kampfestaktik bedienten, würden wir sie energisch dafür schütteln müssen. Der Referent faßte seine Ausführungen dahin zusammen: wir führen den Wahlkampf nicht um Mandate, sondern zur grundsätzlichen Aufklärung der Massen über den Sozialismus. Wir haben auch dafür zu sorgen, daß die starken Einigungsbestrebungen im Proletariat, die wir als eine begründete und berechtigte Auswirkung der jüngsten Erfahrungen an sich mit Freuden begrüßen, nicht dazu mißbraucht werden, die prinzipiellen Gesichtspunkte zu verschleiern und den notwendigen Klärungsprozeß in den Köpfen des hand- und kopfarbeitenden Proletariats aufzuhalten.

Das zweite Referat zu diesem Thema hatte Genosse Böhme. Auf die Ausführungen Hölleins zunächst kurz eingehend, bemerkte er, daß wir solange keine direkte Kampfgemeinschaft mit der KPD. eingehen können, wie diese noch organisatorisch von uns getrennt ist. Gegen die SPD. ist der sachliche Kampf mit aller Schärfe zu führen. Unser Weg führt geradeaus zum Ziele! – Er bespricht sodann die Frage der Kandidatenaufstellung zur Reichstagswahl. Unser Augenmerk ist darauf zu richten, daß eine wirklich arbeitsfähige Reichstagsfraktion zustande kommt. Der Referent macht hierauf praktische Vorschläge über die Organisation der Wahlarbeit im Gebiet und die Deckung der damit verbundenen hohen Kosten. Es sind Sammellisten in Umlauf zu setzen; weiter ein monatlicher Extra-Beitrag ist für die Monate April-Juni einzuführen. Die Kosten für die Referenten sollen die Ortsgruppen tragen.

Vor Eintritt in die Diskussion wird eine Redezeit von 2 Minuten festgesetzt.

Gen. Benewitz-Weimar tritt für die Einführung von Extra-Pflichtbeiträgen ein. – Gen. Korsch-Jena stellt fest, daß kein prinzipieller politischer Gegensatz zwischen uns und den Kommunisten besteht. – Poller-Jena: Wir wollen nur eine Politik auf Grundlage der Tatsachen führen. Von den Kommunisten trennt uns in Wirklichkeit nichts. – Buhler-Bürgel: Nach links kann es für uns keine Kampfgegnerschaft, sondern nur eine Kampfgemeinschaft geben! Im übrigen müsse davor gewarnt werden, in den alten Fehler der SP.-Korruption zu verfallen. Gegenseitiges Vertrauen und Aufrichtigkeit getragen von rein proletarisch-sozialistischen Empfinden, muß unser erstes Gebot sein. – Gen. Böhme geht in seinem Schlußwort kurz auf die Diskussion ein. Wenn jeder im Wahlkampfe, auf den richtigen Platz gestellt, seine Pflicht erfüllt, wird uns ein Erfolg sicher sein. Vor allem muß die Finanzierung gut durchgeführt werden.

Gen. Höllein begrüßt den einheitlichen Geist der Auffassung über unsere Aufgaben. Wir können unsere Politik und unsern Kampf nicht nach unserm Willen bestimmen. Sie hängen mit ab von den Aktionen unserer Gegner. Er schildert den Werdegang der Opposition in der alten Partei, skizziert die Stellungen der verschiedenen Parteitage und stellt dann gegenüber die Entwicklung unserer Partei. Jetzt ist alles im Fluß; die Revolution schreitet unaufhaltsam weiter. Das Proletariat ist mobilisiert und gewappnet: unsere große Aufgabe ist es, die ganze in Fluß befindliche Gesellschaft neu zu gestalten! – Gen. Höllein widerlegt Kloses Angriff auf Crispien, er habe den direkten Anschluß an die 3. Internationale sabotiert und bittet im weiteren Verlauf seiner Ausführungen, den Gen. Wurm wieder kandidieren zu lassen. – Nun wollen wir alle Kräfte sammeln zur Arbeit. Vom kleinem gelangen wir durch große Erfolge zum Ziele! –

[…]

Quelle:

Neue Zeitung. Unabhängiges Sozialistisches Organ vom 28.4.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Unabhängige_Sozialdemokratische_Partei_Deutschlands#/media/Datei:Uspd1919.jpg