100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Bitte kein „Kampf aller gegen alle“

Die Weimarische Landes-Zeitung berichtet über das gestrige Treffen des Volksrates. Einzelne Parlamentarier waren aus ungewöhnlichen Gründen verhindert. Der Führer der DNVP, der in den Putsch verwickelt war, meldet sich „krank“. Ein anderer Abgeordneter ist in Haft. Arnold Paulssen legte dann die Haltung des Staatsrates dar und versucht für ein neues Vertrauen zwischen allen Bevölkerungskreisen zu werben.

Die Grabstätte Paulssens in Weimar

Tagung des Volksrats von Thüringen.

(Aussprache über die politische Lage.)

W e i m a r , den 31. März 1920.

Nachdem am Dienstag eine Sitzung des Staatsrats für Thüringen stattgefunden hatte, trat der Volksrat heute Mittwoch, vormittags 10:00 Uhr, zu einer Sitzung zusammen, um eine Aussprache über die gegenwärtige politische Lage vorzunehmen. Man mußte sich von vornherein klar sein, daß wesentlich Neues nicht zu hören sein konnte, nachdem die einzelnen Landesparlamente zu den März Ereignissen Stellung genommen und auch der weimarische Landtag in langen Auseinandersetzungen die Putschangelegenheit und ihre Folgen erörtert hatte. Heute waren es teilweise dieselben Persönlichkeiten, die an der politischen Aussprache teilzunehmen hatten. Auf der Rechten fehlte der Führer, Freiherr v. E i ch e l – S t r e i b e r , der erkrankt ist. Für Bürgermeister Krämer, der inhaftiert ist, ist dessen Ersatzmann T h o m a s erschienen. Auch für den Abg. v. Eichel-Streiber und den Abg. Krütze sind Ersatzmänner erschienen. Die Unabhängigen sind vollzählig am Platze, auch ein Gothaer, die erregte parlamentarische und politische Tage hinter sich haben. Von den Mitgliedern des Staatsrates sind die meisten anwesend.

[…]

Staatsminister Dr. P a u l s s e n wiederholte in längeren Ausführungen die Darlegungen über den Putsch in Weimar, wo gerade der Staatsrat versammelt war, die er bereits im weimarischen Landtag gab. Er verlas den am Putschsonnabend erlassenen Aufruf an die Thüringer. Der Staatsrat befürchtete sofort, daß durch den Putsch die Thüringer Einheitsbestrebungen einen Stoß erleiden würden, was glücklicherweise bisher nicht der Fall war. Der Volksrat sollte am 18. März in Saalfeld zusammentreten, was aber durch den Generalstreik verhindert wurde. – Dr. P a u l s s e n legte die Thüringer Verhältnisse in Bezug auf die militärische Besetzung dar, die dadurch sehr schwierig waren, als Thüringen sozusagen militärisch in zwei Hälften geteilt ist. Die Truppen waren nicht durchweg treu, Regierungen wurden abgesetzt, Minister in Schutzhaft genommen und der Generalstreik brach in verschärfter Form aus. Ostthüringen ist gegenwärtig von Militär frei, Aktionsausschüsse bestehen und von den volkswären wird Ordnung aufrechterhalten und das Eigentum geschützt. Hier und da maßen sich aber die Aktionsausschüsse Dinge an, die außerhalb des Gesetzes liegen. (Hört, hört!) Besonders aus dem Neustädter Kreise kommen hierüber Klagen das müsse natürlich bald abgeändert werden. – Dr. P a u l s s e n besprach dann die Verhältnisse im Westen Thüringens, die viel schlimmer lagen als im Osten. In Gotha ist General Rumschöttel eingezogen, zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen und wegen derselben ist seitens des Staatsrats von Thüringen mit dem General verhandelt worden. Die meisten Verhaftungen sind deshalb aufgehoben und scharfe Befehle gegen rücksichtslose Verhaftungen ergangen. Nun kam aber die entsetzliche Nachricht aus Mechterstädt, daß 15 Arbeiter von Soldaten auf dem Transport erschossen worden seien. Die Sache ist noch sehr unklar, eine scharfe Untersuchung ist angeordnet, aber die Erregung der Arbeiterschaft wieder sehr groß, die der Ansicht war, daß sie zum Schutze der Verfassung in den Generalstreik eintrat und auch die Waffen erhob. Militär ist auch in Arnstadt und in Ilmenau eingezogen, im ersteren Ort bereits wieder abgezogen und heute wird es in Ilmenau abrücken. (Zuruf: Sie machen nun andere Orte unruhig.) Schwierige Probleme harren nun der Lösung. Mit General Rumschöttel ist vereinbart, heute nachmittag nach Weimar zu kommen, um eine klare Aussprache über die Situation in Thüringen herbeizuführen. An der Besprechung sollen auch Mitglieder des Volksrats teilnehmen. – Dr. Paulssen schloß seine Ausführungen mit der Bitte, dazu zu helfen, das Mißtrauen zwischen den verschiedenen Volkskreisen zu beseitigen. Es könne nicht so weitergehen, daß aus dem Putsch Kapp ein Kampf aller gegen alle werde.

Die Sitzung wurde auf 8 Uhr abends vertagt.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 1.4.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Arnold_Paulssen#/media/Datei:Arnold_Paulssen_Grabstein_Hauptfriedhof_Weimar.JPG