100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Das Bier trifft keine Schuld

Die steigende Kriminalitätsrate erklärt die rechtsnationale Jenaische Zeitung mit den schlechten Lebensverhältnissen, und insbesondere nicht mit dem Alkoholkonsum der Bevölkerung. Dagegen sprächen Erfahrungen aus anderen Ländern.

Entsorgung von illegalem Alkohol in den USA

Steigende oder fallende Kriminalität

Große Ereignisse, wie der Weltkrieg, müssen notwendig auf die moralische Anschauung Wirkungen von großer Tragweite ausüben. Hatte sich die Kriminalität während des Krieges gerade in den alten Grenzen bewegt, so stieg die Kurve der Straftaten nach der Zurückrufung des deutschen Heeres nicht unerheblich. Ähnliche Erscheinungen lassen sich in allen Ländern feststellen. Das Anschwellen der Kriminalitätskurve wird von Leuten, die die Dinge nach der Oberflächenerscheinung zu betrachten gewohnt sind, auf die stark um sich greifende Vergnügungssucht und den Hang zum Alkoholgenuss zurückgeführt.

Es steht ohne Frage fest, daß namentlich in den Großstädten in dieser Beziehung schwer gesündigt wird, allerdings nur in Kreisen, die sich diese Tollheit leisten können. In den breiten Schichten herrscht bittere Not. Von einer extravaganten Lebensführung kann dort keine Rede sein; auch nicht von einer Unmäßigkeit im Alkoholgenuss. Konzentrierter Alkohol ist ohnehin seit Jahren im freien Handel kaum noch zu haben. Die Vereinigten Staaten und Kanada sind sogar gänzlich „ausgetrocknet“, und dennoch ist die Kriminalität in diesen Ländern nach der Feststellung des bekannten englischen Kriminalisten McKenzie keineswegs gefallen. Im Gegenteil berichtet McKenzie von einer Welle Verbrechen, die über die Länder gegangen ist und in Toronto, wo das Alkoholverbot ganz besonders streng gehandhabt wird, ihren Höhepunkt erlangt hat. Nach den Schätzungen desselben Kriminalisten ist die Kriminalität in den Städten der Union um 12 v.H. gestiegen.

Hieraus geht zur Evidenz hervor, daß der Alkohol nicht für die Erscheinung, die in den Zeitverhältnissen wurzelt, verantwortlich gemacht werden kann. Die Kriminalität wird in dem Grade sinken, wie die Lebensbedingungen sich bessern werden. Mit Moralpredigten erreichen wir ebenso wenig, wie mit der antialkoholischen Abschreckungstheorie. Nur ehrliche Arbeit kann uns aus dem großen Sumpfe, in dem wir durch den Krieg geraten sind, erretten.

Quelle:

Jenaische Zeitung vom 29. April 1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00277666/JZ_Jenaische_Zeitung_169419428_1920_04_0139.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00376238

 

Bild:

https://en.wikipedia.org/wiki/Prohibition_in_the_United_States#/media/File:5_Prohibition_Disposal(9)_(cropped).jpg