100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Die Aufteilung des Nahen Ostens

Im italienischen San Remo startet eine folgenschwere Konferenz der Entente, die einen Frieden mit der Türkei als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches aushandeln soll. Der Großteil des bisherigen osmanischen Territoriums soll den Plänen Großbritanniens und Frankreichs zufolge unter den Siegerstaaten aufgeteilt werden. Insbesondere die Annexionen von Syrien und Irak als französisches bzw. britisches „Mandatsgebiet“ haben Nachwirkungen bis heute. Die deutsche Presse fürchtet wiederum eine Verschärfung des Konflikts mit Frankreich, das 1923 tatsächlich seine Drohung wahr machen und das Ruhrgebiet besetzen wird.

Illustration des Sykes-Picot-Abkommens

Die Riviera-Konferenz in San Remo.

Die erste Sitzung.

Paris, 20. April. (WTB) Nach einer „Havas“-Meldung fand die erste Sitzung gestern vormittag 11 Uhr in San Remo statt.

Die Aufgaben der Tagung.

Paris, 20. April. Nach einer amtlichen „Havas“-Meldung wird sich die Konferenz in San Remo zuerst mit der türkischen Frage beschäftigen. Der nach San Remo gereiste politische Mitarbeiter des „Echo de Paris“ meldet, die französische Regierung sei gebunden durch das Lord Derby gegebene Versprechen, die französischen Truppen würden die Maingegend an dem Tage räumen, an dem die deutschen Truppen zurückgezogen würden.

Frankreich besteht auf der Entwaffnung Deutschlands.

Paris, 20. April. (WTB) Kriegsminister Lefèbre äußerte zu seinem Berichterstatter: Die sofortige völlige Entwaffnung Deutschlands sei das beste Mittel zur Erhaltung des Weltfriedens. Unglücklicherweise mache die Haltung Amerikas ein solches Abkommen der Entente unmöglich. Aber es gebe ein anderes Mittel, um Deutschland dazu zu zwingen, die Beschlagnahme der Kohlenbergwerke des Ruhrgebietes.

Millerands Ultimatum an Deutschland?

San Remo, 20. April. (WTB) Auf Wunsch Millerands fand am Sonntag in den Abendstunden eine neue Zusammenkunft der drei Minister statt, in der Millerand überraschend für die Bevorzugung der deutschen Frage gegenüber der türkischen eintrat. Ueber den Sitzungsverlauf wurden keine Mitteilungen gemacht. Sie verlief sehr stürmisch. Millerand soll die Stellung eines Ultimatums an Deutschlands verlangt haben. Wie tief die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Alliierten sind, ist nicht festzustellen.

Wie man Deutschland zum Gehorsam zwingen will!

Paris, 20. April. (Sonderdepesche.) Der „Petit Parisien“ schreibt: Die Franzosen und Engländer werden sich bemühen, in ihrer Haltung einig zu sein. Lloyd George will angeblich die Entwaffnung Deutschlands durch die Entziehung von Lebensmitteln erzwingen. Dagegen soll aber Frankreich sein, das befürchtet, es werde durch Nahrungsentziehung Deutschland unmöglich gemacht, seine Verpflichtungen zu erfüllen. Frankreich denkt an eine Besetzung des Ruhrgebietes. Eine solche Besetzung würde von Frankreich, England und Belgien ausgeführt.

Deutschland und der Völkerbund.

Basel, 20. April. (Sonderdepesche.) Nach einer Mitteilung des Pariser „Journals“ hat Millerand in der Kammer erklärt, daß Frankreich so lange Einspruch gegen Deutschlands Aufnahme in den Völkerbund erheben würde, bis Deutschland seine Wiedergutmachungspflicht erfüllt habe. Millerand gibt zu, daß tatsächlich Erörterungen über den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund bestehen. „Corriere della Sera“ meldet hierzu, daß Lloyd George und Nitti sich einig sind, einen Schritt zur baldigen Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund zu tun.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung vom 20.4.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Konferenz_von_Sanremo#/media/Datei:Sykes-Picot-1916_german.gif