100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Die Nerven liegen blank

Gut ein Monat nach dem Kapp-Putsch ist sich niemand sicher, dass es nicht erneut zu einem Putschversuch kommen könnte. Während die linke Presse über weitere Machenschaften potentieller Rechtsputschisten berichtet, sorgt sich die rechte Parteienlandschaft über einen Umsturzversuch von links. Die DNVP, deren Mitglieder maßgeblich in den Kapp-Putsch involviert waren und maßgeblich für die aktuelle Unsicherheit verantwortlich sind, übt sich derweil in reichlich scheinheiligen Beteuerungen, dass sie eine verfassungstreue Partei sei.

Walther von Lüttwitz (r.) mit Gustav Noske

Völlig ungeklärte Lage im Reiche.

Putschfieber in Berlin.

Berlin, 16. April. Die Alarmzeichen der Regierung haben die Bevölkerung der Reichshauptstadt in große Aufregung versetzt. Die Spannung wird gesteigert durch die sensationellen Berichte der sozialdemokratischen und der unabhängig-sozialdemokratischen Presse, die eine Unmenge von Einzelheiten über die Putschvorbereitungen veröffentlichen und mit dem befürchteten Staatsstreich wie mit einer unabwendbaren Tatsache rechnen. Es liegen untrügliche Anzeichen dafür vor, daß gewisse dunkle Männer ein Interesse daran haben, zunächst einmal die Stimmung der Bevölkerung gründlich aufzuputschen, um alle Voraussetzungen für die Massenpsyche zu schaffen. Die Mittagsblätter erscheinen gestern mit schreienden Überschriften, die somit und sonders erfundene Geschichten melden. Das 12-Uhr-Blatt berichtete in fetten Buchstaben von der Absperrung des Regierungsviertels und von großen Rüstungstransporten, die zur „Verteidigung Berlins“ unterwegs seien. Dabei kann sich jeder Berliner mit eigenem Auge davon überzeugen, daß das Regierungsviertel nicht abgesperrt ist. Das Reichswehrministerium versichert uns, daß auch an den Rüstungstransporten kein wahres Wort sei. „B. Z. am Mittag“ brachte als große Sensation die Falschmeldung von der Verhaftung des Generals Lüttwitz und des Majors Bischoff in Pommern. Hierbei handelt es sich allerdings um verbrecherische Irreführung des offiziösen Telegraphen-Bureaus in Berlin. Die Nachricht wurde dem WTB. gegen Mittag telephonisch von einer Seite übermittelt, die sich als Reichskanzlei beilegte, der in der Regel die Weitergabe der amtlichen Nachrichten besorgte. In Kreisen der Unabhängigen Sozialdemokraten, die die hinter diesem Schwindel steckende Absicht genau zu kennen glauben, ist man der Ansicht, daß mit dieser Falschmeldung den Putschpolitikern das Zeichen zum Losschlagen gegeben werden sollte.

Die Reichsregierung ist bei der Beurteilung der gespannten Lage in der Form ihrer Auskünfte der größten Zurückhaltung beflissen. Sie gibt zu, daß die Lage nach wie vor völlig ungeklärt ist und der ernstesten Aufmerksamkeit der Regierungsstellen bedarf. Vor allem müsse vermieden werden, bei Betrachtung der Vorgänge in Pommern einer allzu großen Nervosität Raum zu geben. Für den Ausfluß nervöser Stimmung hält die Regierung die Nachricht eines Groß-Berliner Blattes, daß die Offiziere sich mit den kommunistischen Kreisen in Verbindung gesetzt hätten, um in gemeinsamer Aktion die Regierung zu stürzen und gemeinschaftlich mit Gewalt mit Sowjetrußland gegen Frankreich zu marschieren. Die Regierung ist diesen Gerüchten sorgfältig nachgegangen und kann nur sagen, daß nichts daran sei.

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München, 16. April. Die oberpfälzische Provinzialversammlung der Bayrischen Volkspartei hat nach einem Referat Dr. Heims über die allgemeine politische Lage eine sehr scharfe Entschließung angenommen, in der zunächst der bayrischen Staatsregierung gedankt wird für die entschiedene Vertretung der bayrischen Interessen gegenüber der Berliner Regierung. Die bayrische Volkspartei verurteilt den in Berlin durch nichts zu rechtfertigenden Generalstreik im März und verlangt bei der Wiederholung eines solchen verbrecherischen Ansinnens ein energisches Eingreifen der Regierung. Die Berliner Reichsregierung sei das Vollzugsorgan einer reinen Klassenherrschaft, da der unerhörten Forderung der Entwaffnung der Einwohnerwehren die Reichsregierung schon stattgab, ehe die feindlichen Staaten dies verlangten. Einer derart dem Klassenregiment verschriebenen Regierung gegenüber wird die Anwendung des Steuerstreiks empfohlen.

Die Warnung der D. N. V.

Die von uns bereits gestern kurz gemeldete Erklärung der Deutschnationalen Volkspartei hat folgenden Wortlaut:

„Sowohl in Mitteilungen, die von der Regierung ausgehen, wie auch von anderen Seiten wird die dringende Befürchtung geäußert, daß neue Putsche geplant seien. Dabei verlautet auch von der Beteiligung kommunistischer Elemente.

Die Parteileitung der Deutschnationalen Volkspartei verweist erneut auf den verfassungsmäßigen Standpunkt der Partei, die jede verfassungswidrige Handlung unbedingt verurteilt. Neue Umsturzversuche würden unabsehbares Unheil über Deutschland bringen.

Die Parteileitung der Deutschnationalen Volkspartei erwartet von ihren Parteifreunden im Lande, daß sie, wo immer sie von solchen Plänen Kenntnis erhalten sollten, ihnen mit aller Entschiedenheit entgegenwirken. Wer sich an verfassungswidrigen Unternehmungen beteiligt, für den ist in der Deutschnationalen Volkspartei kein Platz.“

Quelle:

Thüringer Tageszeitung vom 16.4.1920

 

Bilder:

https://de.wikipedia.org/wiki/Walther_von_Lüttwitz#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-1989-0718-501,_Gustav_Noske_und_Walter_Lüttwitz.jpg

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutschnationale_Volkspartei#/media/Datei:DNVP_logo_(basic).svg