100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Die Niederschlagung des „Söldnermilitarismus“ in Gera

Nach dem Ende des Kapp-Unternehmens in Gera berichtet das Zentralorgan der Unabhängigen – die Freiheit – über die Ereignisse. Der Volksstaat Reuß war eines der wenigen USPD-regierten Länder und dementsprechend hart waren die hiesigen Kämpfe mit putschistischen Militärs. Mehrere hundert Personen kamen in Gera allein zu schaden.

Karte des (fusionierten) Volkstaates Reuß

Die Gegenrevolution in Reuß.

Aus Gera, Reuß, wird uns geschrieben:

Als am 13. März der Kapp-Putsch in Berlin gelungen war, als die „Mächte der Vergangenheit“ zu werden, da ging im ganzen Lande die planmäßig vorbereitete Gegenrevolution zum Sturmangriff auf die Rechte und Freiheiten des werktätigen Volkes über. Abgesehen von Berlin, war den Machern des Staatsstreichs nirgends ein so schneller und voller Erfolg beschieden wie in Reuß. Aber auch in keinem Teil Deutschlands ist die mit den kühnsten Hoffnungen und Plänen auftretende Gegenrevolution so plötzlich und gründlich aufs Haupt geschlagen worden, wie in dem kleinen thüringischen Volksstaat. Die Abwehr und Zerschmetterung der machtlüsternen Bourgeoisie und des Morgenluft witternden Militarismus allein durch die Arbeiterklasse und die verfassungsmäßige Volksregierung hat dem Ländchen Reuß den Haß und Rachedurst der Reaktion zugezogen. Alldeutsche Hetzblätter vom Schlage der „Leipziger Neuesten Nachrichten“ kündigten triumphierend Strafexpeditionen gegen Reuß und Thüringen an, mit dem hier herrschenden „Bolschewismus“ müsse aufgeräumt, Ruhe und Ordnung wieder hergestellt werden. Gewissenloses, reaktionäres Denunziantentum ist hetzend am Werke und das sehnlichste Ziel der unterlegenen Putschisten ist die Aufrichtung einer Militärdiktatur nach den Absichten des Generals v. Watter im Ruhrgebiet.

Und gewisse Stellen der Reichsregierung, in denen der Einfluß der Generalität allmächtig ist, hatten nachgewiesenermaßen zeitweilig nicht über Lust, mit Hilfe des verschärften Belagerungszustandes und Standrechts den Kampf gegen den Bolschewismus in Thüringen aufzunehmen – in dem Teil des Reiches, wo nach Niederwerfung der Gegenrevolution tiefster Friede herrscht. Inzwischen scheint man an jenen Stellen – hoffentlich nicht nur vorübergehend, sondern dauernd – unter der Wucht der Tatsachen zu einem andern Standpunkt gelangt zu sein. Aber zur Vermeidung künftiger Konflikte scheint es uns geboten zu sein, die gegenrevolutionären Ereignisse und die gegenwärtigen Zustände in Reuß kurz zu schildern.

Reuß ist, seitdem es auf Grund der Wahlen nach der Novemberrevolution eine unabhängig-sozialistische Regierung bekommen hat, allem was reaktionär ist, ein Dorn im Auge gewesen. Die bürgerliche Sippe und die Militärs wetteiferten in dem offenen und versteckten Kampf gegen den Volksstaat Reuß. Noske hat im Laufe des Jahres 1919 wiederholt versucht, Gera unter das Kommando seiner Ordnungshelden zu bringen, was aber stets an dem einmütigen Widerstand der sozialistischen Arbeiterschaft des Landes scheiterte. Indes die Hetze und die Denunziationen wurden von der Bourgeoisie immer weiter getrieben. Namentlich wurde gegen die von dem revolutionären Proletariat „drohende Gefahr“ die Zeitfreiwilligenwehr gefordert, deren Rekrutierung nach dem Befehl Noskes, daß unabhängige Sozialdemokraten als staats- und verfassungsfeindliche Elemente nicht aufgenommen werden dürfen, ausschließlich aus den Reihen der Bourgeoisie erfolgte. In kurzer Zeit hatte das Bürgertum rund 1.000 Mann unter der Führung von Offizieren bewaffnet. Das war der erste große Erfolg der Gegenrevolution, und man konnte es an der herausfordernden Sprache ihrer Führer während der letzten Monate merken, daß sie vorbereitet, stark und entschlossen war, den blutigen Kampf gegen die Errungenschaften der Revolution in Reuß aufzunehmen. Im Februar dieses Jahres machte Noske schließlich den erfolgbeschiedenen Versuch, Gera in eine Garnision zu verwandeln. Unter dem Vorwande, daß es aufgelöst werden solle, wurde ein Bataillon „Grenzschutz“ nach hier verlegt. Auch die Truppenverschiebung beweist, daß Noske entweder der Gegenrevolution bewußt in die Hände arbeitete, oder, was wahrscheinlicher ist, von den Offizieren seines Ministeriums systematisch betrogen wurde. Aus vorgefundenen Geheimbefehlen ist der Nachweis erbracht, daß der „Grenzschutz“ vom ersten Tage seiner Anwesentheit in Gera mit der Zeitfreiwilligenwehr in Verbindung trat und daß alsbald Pläne für ein gemeinsames Operieren zur „Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung“ entworfen wurden.

In den ersten Tagen des März waren die Vorbereitungen der Gegenrevolution fix und fertig. Der Staatsstreich konnte in Szene gesetzt werden. 1.000 Freiwillige: Fabrikanten, Kleinbürger, Oberlehrer, Lehrer und Gymnasiasten und 650 aktive Söldner, schwer bewaffnet und gedrillt, standen am Sonntag, den 14. März, auf dem Kasernenhof bereit zum Angriff auf die Regierung, die nicht über einen einzigen bewaffneten Mann verfügte.

Der Staatsstreich mußte deshalb mühelos gelingen. Nachdem die völlig wehrlose Landesregierung die Beantwortung eines frechen Ultimatums, ob für oder gegen Kapp, abgelehnt und von Gera nach Greiz übersiedelt war, erfolgte die Besetzung der Stadt ohne einen Schuß und ohne einen Hieb. Unter Gesang, Ansprachen und der offen zur Schau getragenen Begeisterung des Bürgertums ohne Unterschied der politischen Richtung, rissen die Gegenrevolutionäre die Regierung an sich und schritten zur Bildung eines Kabinetts auf „breitester“ Grundlage.

Die tragikomischen Ereignisse während der folgenden 24 Stunden übergehen wird. Genug, das Proletariat, das sofort bis zum letzten Mann in den Generalstreik trat, packte ob dieser unsagbar lächerlichen Komödie ein leidenschaftlicher Zorn, der nur schwer zu bändigen war. Trotz der schußbereit stehenden Maschinengewehre umlagerten am Montag, den 15. März, die Massen schwarz und dicht das besetzte Rathaus und die Regierungsgebäude. Um 11 Uhr vormittags erfolgte der erste Vorstoß der gänzlich unbewaffneten Volksmenge auf das Rathaus, der indes abgewiesen wurde zum Sturm und um 2 Uhr nachmittags waren Rathaus, Tribüne [das Verlagsgebäude der USPD in Gera, Anm.] und Regierungsgebäude, bald darauf auch die über die gesamte Stadt verteilten Posten überrannt: von den unbewaffneten, aber von heiliger Empörung und überwältigendem Kampfeswillen beseelten Arbeitermassen. Den Abschluß des Kampfes bildete die Erstürmung der von 450 Soldaten verteidigten Kaserne durch nunmehr bewaffnete Arbeiter.

Nach genau 24 Stunden hatte der glühende Volkszorn die „Errungenschaften“ der Gegenrevolution wieder beseitigt. Der Erfolg war restlos. Sämtliche Führer der Gegenrevolution, die militärischen sowohl wie die politischen, verfielen der Verhaftung. Aber an keinem der hochgeborenen Verbrecher hat sich die bewaffnete Arbeiterschaft vergriffen oder gar niedrige Rache geübt, sondern die Macher des Putsches wurden tiefster Volksverachtung preisgegeben. Und wenn sich die Helden des weißen Schreckens einmal überzeugen wollen, wie das Volk den gefangenen politischen Gegner behandelt, dann mögen sie nach Gera kommen und sich von der menschenwürdigen Haft der Usurpatoren des 14. März überzeugen. Während jene, die eine zusammengebrochene Ordnung mit allen Mitteln zu neuem Leben erwecken möchten, ihre Gegner barbarisch foltern und morden, beschränken sich die arbeitenden Klassen, deren Ziel die Eroberung, Neugestaltung, Verbesserung der Welt ist, auf eine Kampfesart, bei der sie den geschlagenen Gegner immer noch als Menschen achten.

[…]

So sieht der in Reuß herrschende „Bolschewismus“ aus und in dem übrigen Thüringen haben wir eine ähnliche „Anarchie“. In Wirklichkeit dürfte es nach dem Kapp-Putsch kaum einen Teil des Reiches geben, dessen politische und wirtschaftliche Konstellation so ruhig und fest wie die Thüringens. Und in diesem Thüringen und insonderheit in diesem Reuß sollte mit dem verschärften Belagerungszustand „Ruhe und Ordnung“ hergestellt werden. Am 31. März stand General [Hermann] Rumschöttel mit Teilen seiner Brigade bereits in der Nähe von Weimar, bereit und entschlossen, in das „Aufstandsgebiet“ einzurücken: dem Staatsrat von Thüringen ist es gelungen, diesen militärischen Handstreich zunächst zu verhindern. Aber gegen die scheinbar völlig souverän verfahrenden militärischen Stellen, die in so leichtfertiger, unverantwortlicher Weise eine Strafexpedition gegen die im tiefsten Frieden liegenden thüringischen Staaten im Begriff waren zu unternehmen, ist schärfstes Mißtrauen und Wachsamkeit am Platze. Jedoch damit allein ist es noch getan. Die Beseitigung des Söldnermilitarismus muß nachdrücklicher denn je gefordert werden. Will sich die neue Koalitionsregierung freihalten von dem Odium, das auf der Volksregierung lastete, dann wird sie schnellstens der Politik gegenrevolutionärer Generale ein Ende bereiten müssen!

Quelle:

Freiheit vom 9.4.1920

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Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Volksstaat_Reuß#/media/Datei:VolksstaatReussKlein.png