100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Die „Partei der Mitte“ in Finanznot

Der Reichstagswahlkampf läuft und die Parteien hatten damals keinen Anspruch auf staatliche Beihilfen und mussten somit alle Finanzmittel selbst aufbringen. Für die mitgliederstarken Parteien wie die SPD oder die DNVP ist dies weniger schwer als für kleine Parteien wie die liberale DDP. Die versucht in Jena mit klassischer Musik um Spenden zu werben und beweist damit indirekt ihre mangelhafte Volksnähe.

Gradstätte von Prof. Friedrich Slotty in Jena

Demokratischer Klub.

Nach längerer Pause veranstaltete der Demokratische Klub für seine Mitglieder und Freunde wieder eine gesellige Zusammenkunft in Form eines musikalischen Abends am Mittwoch im Saale der „Sonne“. Wenn Professor Slotty das vorige Mal in Aussicht stellte, wie ihm eine gütige Fee zugeraunt habe, daß nun die heitere Muse zu Wort kommen sollte, so konnte damals noch nicht damit gerechnet werden, daß inzwischen böse Geister – wie mitunter im Märchen, so auch in der Wirklichkeit – den Zaubergarten in ein wirres Durcheinander verwandelten. Zwar liegen die schlimmsten Tage hinter uns, aber die Zeit zu heiteren Veranstaltungen ist noch nicht gekommen. Doch wollen wir uns die Freude an edler Musik nicht trüben lassen. In diesem Sinne sprach Professor Slotty zu den Erschienenen, als er den Abend mit einer Begrüßung einleitete.

An der Ausführung des musikalischen Teils waren wieder zuerst Oberlehrer Dr. Julius Schmidt (Violine) und Herr Sammet (Klavier) beteiligt. Sie brachten zwei Beethovensche Sonaten in gewohnter Feinheit zum Vortrag. Das Programm wies diesmal auch einen vokalen Teil auf, der von dem Geschwisterpaar Vieringer bestritten wurde. Frl. Vieringer sang drei Sopransolis, dann zusammen mit ihrem Bruder drei Duette, reizende Volkslieder, von denen – um nur etwas herauszugreifen – das badische „Schwefelhölzle“ so stürmisch applaudiert wurde, daß es wiederholt werden mußte.

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In einer Schlußansprache machte Professor Slotty, als er den Künstlern für ihre Gabe dankte, auf den bevorstehenden Reichstagswahlkampf aufmerksam, in dem heiß um Deutschland gerungen werden wird. Für uns Demokraten gilt es, die Partei der Mitte zu stärken. Wenn wir aber den Wahlkampf in Ehren und mit Erfolg bestehen wollen, so brauchen wir große Mittel. Leider ist die Demokratische Partei nicht die Partei der Kapitalisten, als die sie von ihren Gegnern so gern angesprochen wird. Durch die Presse ist bekannt geworden, daß die Deutschnationalen einen Millionen-Wahlschatz aufbringen wollen. Auch die Sozialdemokraten verpflichten ihre Mitglieder zu einer besonderen Wahlsteuer. Es kann sich also auch für die Demokraten nicht darum handeln, wie früher bloß einen Wahlbeitrag zu leisten, sondern sie müssen ein Wahlopfer bringen, daß bis an die Grenzen unserer Leistungsfähigkeit geht. Darüber hinaus muß aber jeder einzelne für die demokratische Sache wirken und werben und sich verantwortlich fühlen für die Partei. Durch die Partei für das Vaterland!

Auch an diesem Abend war die „fliegende Buchhandlung“ zur Stelle, die u. a. das neu erschienene Parteiprogramm und die Reichsverfassung für wenige Pfennige anbot.

In echt demokratischer, gesellschaftlicher Hinsicht nahm der Abend einen schönen Verlauf.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 15.4.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273561/JVB_19200415_089_167758667_B1_001.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00370982

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Slotty#/media/Datei:Jena_Nordfriedhof_Slotty.jpg