100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Fatale Weichenstellungen

Nach dem Kapp-Putsch musste Reichswehrminister Noske sein Amt räumen. Aber sein Nachfolger Otto Geßler (DDP) scheint nichts an der bisherigen Politik einer vermeintlich „unpolitischen“ Reichswehr ändern zu wollen. In der Praxis bedeutet dies, dass die Armee ihre alte monarchistische Grundhaltung nur oberflächlich an die Gegebenheiten der Republik anpasst, das Offizierskorps seine zentrale Einflussstellung sichern kann und das Parlament einflusslos bleibt.

Geßler (l.) mit dem eigentlichen starken Mann der Reichswehr: Hans v. Seeckt

Geßlers Reformpläne.

Der neue Reichswehrminister Geßler beginnt allmählich tätig hervorzutreten. Die Zeit der Einarbeitung in sein schwieriges Amt scheint er hinter sich zu haben. In der Nationalversammlung und in demokratischen Versammlungen hat er letzthin wiederholt das Wort genommen, um seine Reformpläne anzukündigen. Sie gehen, um es mit einem Wort zu sagen, auf äußere und innere Stärkung der deutschen Wehrmacht hinaus.

Der äußeren Stärkung entspricht der Antrag der Reichsregierung bei den Alliierten auf Gestattung eines Heeres von 200.000 Mann. Die Note, in der alle Gründe für diese Verdoppelung der im Friedensvertrag vorgesehenen deutschen Wehrmacht zusammengestellt sind, ist veröffentlicht und dürfte gewiß von jedermann im deutschen Volke gebilligt werden. Ueber ihre Aufnahme bei den alliierten Machthabern in San Remo lauten die Nachrichten noch widersprechend. Daß die Franzosen in lächerlicher Furcht vor deutscher Revanchepolitik alle Hebel in Bewegung setzen werden, um eine Ablehnung der deutschen Note von ihren Verbündeten zu erreichen, ist natürlich selbstverständlich. Das deutsche Bedürfnis nach stärkerer Wehrmacht wird aber durch die bevorstehenden Beschlüsse in San Remo nicht verändert werden. Es ist besonders der Reichswehrminister Geßler, der mit seinen militärischen Beratern für diese Vermehrung der Truppenstärke eintritt.

Ebenso wichtig erscheint ihm die innere Verstärkung der deutschen Reichswehr. Auch wenn er nicht täglich neue Berichte über versteckte Bereithaltungen von gegenrevolutionären Baltikum-Truppen aus Pommern und Schlesien einließen, müßte es natürlich Pflicht des Reichswehrministers sein, die wenigen vorhandenen Truppen zu einem absolut zuverlässigen Machtmittel in der Hand der republikanischen Reichsregierung auszugestalten. Bisher ist auf diesem Gebiete noch sehr wenig geschehen. Seit dem Kapp-Putsch sind viele Wochen vergangen, aber eine durchgreifende Reform der Reichswehr an Haupt und Gliedern hat offenbar noch nicht begonnen. Von den Offizieren, die sich seinerzeit der sogenannten Kapp-Regierungen sofort und freudig zur Verfügung stellten, sind viele noch im Amte. Herr Geßler hat sich vorgenommen, keinen zu entlassen, ehe der Fall nicht eingehend amtlich untersucht ist. Aber deshalb will er doch nicht die notwendige und dringliche Neuordnung der Reichswehr verschieben. In einer demokratischen Volksversammlung in München hat er bekanntlich angekündigt, daß er zunächst zur Sicherung der Reichshauptstadt und der Reichsregierung eine besonders zuverlässige „Brigade Döberitz“ zusammenstellen will, die ein bedingungslos gehorsames Werkzeug in der Hand der verfassungsmäßigen Regierung sein soll. Auf die „Brigade Döberitz“ werden weitere zuverlässige republikanische Brigaden in anderen Teilen des Reiches folgen, bis die Reform der gesamten Reichswehr beendet sein wird.

Natürlich ist keine einseitige Bewaffnung der Arbeiter dabei geplant! Ausdrücklich hat Herr Geßler betont, daß Angehörige aller Bevölkerungskreise, auch der Arbeiter, eingestellt werden sollen. Es liegt auch nicht in der Absicht des Reichswehrministers, vor der Einstellung ein peinliches politisches Examen mit jedem Wehrmann zu veranlassen. Gesinnungsschnüffelei hat er für das Verächtlichste erklärt, was es geben könne. Am wenigsten denkt er an die Bildung sozialistischer Kerntruppen. Er tritt vielmehr mit Nachdruck für die Entpolitisierung der Reichswehr ein und hat den entsprechenden Beschluß der Nationalversammlung anläßlich der Verabschiedung des Reichswahlgesetzes aufs wärmste begrüßt.

Daß diese Gedanken und Pläne von Geßler gerade in München vorgetragen wurden, hatte seinen besonderen Grund. Von München und von Bayern aus ist in den letzten Wochen eine starke Hetze gegen die von der Reichsregierung auf Befehl der Entente angeordnete Auflösung der Einwohnerwehr getrieben worden. In politisch eingeweihten Kreisen Berlins ist bekannt, daß nur das entscheidende Auftreten der württembergischen und der badischen Teilnehmer der Stuttgarter Ministerkonferenz die Bayern damals von den verhängnisvollsten Beschlüssen abgebracht hat. Auf die immer noch hoch gehenden Wogen der Erregung Oel zu gießen, was der offenbare Zweck des Auftretens Geßlers in München. Mit sehr würdigen und scharfen Worten hat er den Bayern die Gefährlichkeit ihres offenen Protests gegen die Auflösung der Einwohnerwehren vorgeführt. Man kann nur hoffen, daß das Auftreten des Ministers die gewollte Wirkung auch für die Zukunft zeitigen wird.

Die Reform der Reichswehr wird aber hoffentlich nun mit Volldampf betrieben. Es würde ein starkes Moment der Leidenschaftlichkeit aus dem bevorstehenden Wahlkampf entfernt werden, wenn die Reform der deutschen Wehrmacht schon so weit vorgeschritten wäre, daß sie jedermann deutlich in ihren Umrissen erkennen kann.

Quelle:

Weimarische Landeszeitung vom 27.4.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_von_Seeckt#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_102-10883,_Hans_von_Seeckt_und_Otto_Geßler_retouched.jpg