100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Gräuel der Regierungstruppen

Die Niederschlagung des Aufstandes der Roten Ruhrarmee erfolgte aus einer Position der massiven militärischen Überlegenheit der Regierungstruppen heraus. Eigentlich war im Bielefelder Abkommen versucht worden eine friedliche Aufgabe der Aufständischen auszuhandeln, aber die Reichswehr hatte dies aktiv hintertrieben und auf ein hartes Vorgehen gedrängt. Die Opfer dieser Entscheidung gingen in die Hunderte.

Regierungstruppen mit erschossenen Mitgliedern der Roten Ruhrarmee in Mölln

Reichswehrschandtaten.

Die folgende Darstellung stützt sich im wesentlichen auf einen Bericht, den der rechtssozialistische Abgeordnete [Nikolaus] Osterroth bei seiner Rückkehr aus dem Ruhrrevier den Arbeiterorganisationen erstattet hat. Es handelt sich dabei nur um solche Fälle, die der sehr ruhige und gewissenhafte Beurteiler selbst beobachtet und nachgeprüft hat.

Bekanntlich gingen die Münsterer Vereinbarungen dahin, daß der Vormarsch der Reichswehr nicht vor Freitag, dem 2. April, 12 Uhr mittags, beginnen wird. Ebenso sollten keine Standgerichte eingesetzt werden. Trotzdem erfolgte bereits am Donnerstag früh die Besetzung von Hamm unter offenem Bruch der Vereinbarungen. Die Besetzung erfolgte ohne Kampf. Es waren keine roten Truppen vorhanden, sondern nur die vom Vollzugsrat zur Aufrechterhaltung der Ordnung bewaffneten organisierten Arbeiter, die den beiden sozialdemokratischen Parteien angehörten. Im Laufe des Tages folgte ein Angriff von roten Truppen auf die Reichswehr westlich von Hamm bei Heeringen. In diesem Kampfe fielen etwa 300 Arbeiter, während die Reichswehr nur einen Offizier und zwei Soldaten verlor. Die roten Truppen waren ganz mangelhaft und nur mit Gewehren ausgerüstet, während die Reichswehr mit Maschinengewehren vorging.

Nach dem Kampf beging die Reichswehr abscheuliche Ausschreitungen. Insbesondere war daran das Korps Epp beteiligt, das seinerzeit bereits in München so übel gehaust hat. Wie bereits früher auch von uns berichtet wurde, wurde in Pellum bestialisch gehaust. Osterroth hat selbst auf dem Friedhof mit Zeugen die Leichen untersucht. Er fand Leute mit Beinverletzungen, deren Brust mit vielen Dolchstichen durchbohrt war. In mindestens sechs Fällen konnte er feststellen, daß Verwundeten der Schädel eingeschlagen wurde. Es ist charakteristisch, daß Osterroth überhaupt weder Verwundete noch Gefangene feststellen konnte.

Unter den in Pellum Erschossenen befinden sich junge Burschen von 16 bis 17 Jahren. Erschossen wurde auch eine Frau Pint unter der Beschuldigung, einen Revolver im Strumpf verborgen gehalten zu haben. Eine Krankenschwester bezeugte Osterroth, daß sie selbst der Frau einen Geldbetrag übergeben hatte, den diese im Strumpf verbarg. Der Vorgang wurde bemerkt und die Unglückliche erschossen. Auch in einigen anderen Dörfern in der Umgebung von Hamm, im Befehlsbereich von Epp, wurden Leute standrechtlich erschossen, zum Teil auf Grund übelster Denunziationen.

Die Vorgänge werden erklärlich bei dem Zustand der Truppen. Während sich anderswo württembergische und auch preußische Kontingente halbwegs menschlich benahmen, machte das Korps Epp den übelsten Eindruck. Die Leute marschierten mit schwarz-weiß-roten Fahnen. Die ihnen beigegebenen Zivilkommissare wurden von Offizieren völlig beiseite geschoben, ihre Anordnungen verhöhnt.

Es muß festgehalten werden, daß all diese Vorgänge sich vor Ablauf des Ultimatums ereigneten. Severing ist von den Reichswehroffizieren systematisch irregeführt und über den Zeitpunkt des Vormarsches getäuscht worden.

In den Verhandlungen mit der Regierung hat Minister Geßler zugesagt, daß das Korps Epp sofort zurückgezogen werden soll. Damit allein kann es aber kein Bewenden haben. Wir fordern die strengste Untersuchung. Es ist dringend notwendig, daß ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß, wie in den Verhandlungen angeregt wurde, eingesetzt wird, die Untersuchung sofort aufgenommen und öffentlich durchgeführt und die Uebeltäter der Bestrafung zugeführt werden, selbstverständlich unter Ausschluß der Militärgerichtsbarkeit.

Auch an anderen Orten setzte das Militär unter Bruch der Vereinbarungen Standgerichte ein. So wurden in Recklinghausen 50 standrechtliche Urteile gefällt, davon allerdings nur vier vollstreckt. Alle diese Vorgänge mußten jene Panik erzeugen, die die Massenflucht vor der Reichswehr im Gefolge hatte. Die Lage im Revier ist auch deshalb noch sehr schwierig, weil es von Lebensmitteln fast vollständig entblößt ist. Namentlich Brot und Kartoffeln mangeln. Die Zufuhr von Lebensmitteln muß schnellstens organisiert werden.

Soweit die Darstellung. Sie beweist wieder einmal, daß die Vereinbarungen nicht von den bewaffneten Arbeitern, sondern von den Reichswehrführern – und von diesen bewußt und mit Absicht – gebrochen wurden. Zweitens aber zeigt es sich, welch schwere Schuld die Regierung auf sich geladen hat, als sie den Einmarsch der Reichswehr zuließ. Sie mußte wissen, daß ein Teil dieser Truppen ein blindes Werkzeug in der Hand reaktionärer, von Arbeiterhaß erfüllter Führer ist, die die Regierung einfach nicht in der Hand hat. Daß das Korps Epp überhaupt zur Verwendung gekommen ist, ist schlechthin unverantwortlich. Die Regierung wird begreifen, daß ihren Versprechungen nicht mehr das geringste Vertrauen entgegengebracht wird, daß jetzt energisch durchgegriffen werden muß. Die Reichswehr muß aus dem Ruhrrevier zurück und dann muß eine gründliche Umgestaltung und Säuberung erfolgen!

Quelle:

Neue Zeitung. Unabhängiges Sozialistisches Organ vom 11.4.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Ruhraufstand#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_146-1978-029-31,_Bürgerkrieg,_Möllen.jpg