100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Grenzkampf im Norden entschieden

Völlig verdeckt vom Kapp-Putsch fand am 14. März die zweite Abstimmungsrunde in Nordschleswig statt, die über den Verbleib des Landesteils in Deutschland entschied. Während bei der ersten Abstimmung (sog. „erste Zone“) am 10. Februar eine große Mehrheit für Dänemark votiert hatte, entschied nun eine große Mehrheit in der „zweiten Zone“ für Deutschland. (Eine ursprünglich geplante Abstimmung in einer „dritten Zone“ wurde gestrichen.) Johannes Tiedje (DDP, später NSDAP), als einer der Hauptbeteiligten auf deutscher Seite, ist mit dem Gesamtergebnis aber nicht zufrieden, wie er in diesem Artikel darlegt.

Grenzentwürfe im Rahmen der Abstimmung

Das Schicksal Schleswigs.

Von Johannes Tiedje.

In schnellen, folgenschweren Entscheidungen überstürzt sich die Entwicklung der schleswigschen Frage. In keinem gemischt völkischen Gebiet ist ein so reines Schulbeispiel für das nationale Selbstbestimmungsrecht gegeben gewesen als in Schleswig, und doch hat weder die siegestrunkene Entente noch das seine ganze Zukunft mit der Entscheidung belastende Dänemark der Abwicklung der schleswigschen Abstimmung die Reinheit der Grundsätze und die Redlichkeit der Ausführung wahren können. Wohl hat das jetzt gestürzte dänische Ministerium seit dem Umsturz sich bemüht, aus wohlverstandenem Eigeninteresse die schlimmsten Annexionsauswüchse der Entente und seiner eigenen Hintertreppenpolitiker in Paris auszumerzen. Es fiel die dritte Zone, welche nur 0,56 Prozent Dänen umfaßte; aber es blieb die Ungerechtigkeit der Abstimmungsregeln, es blieb die Ausnutzung der Notstunde unseres Volkes, es blieb die Weigerung jeder direkten Verständigung mit uns; so daß der ganze Friedensvertrag einseitig aus dänischen Erwartungen und Wünschen aufgebaut und nun durch die Abstimmung und durch das Treubekenntnis des nordmärkischen Deutschtums so glänzend widerlegt wurde!

Schwächlich war der Kampf des Ministeriums Zahle um das Selbstbestimmungsrecht. Niemals durfte es sich im Januar 1919 auf den Kompromiß mit seinen Chauvinisten einlassen, um einer „dänischen Kolonie“ willen unsere alte deutsche Stadt Flensburg in die Abstimmung hineinzuziehen. Hilflos mußte es infolgedessen ein Jahr lang zusehen, wie nun die dänischen Chauvinisten das dänische Volk „belogen und betrogen“. Mit kaum 25 Prozent für die zweite Zone aus dem Abstimmungskampf zu dänischen Interessen herausgekommen. Die furchtbare Enttäuschung, die daraus in Dänemark folgte, hat nun auch den König zu einer folgenschweren Anwendung seines formellen Rechtes, das Ministerium zu entlassen, verleitet und damit Dänemark in heillose Verfassungskämpfe gestürzt.

Der Verfasser dieses Artikels, nach dessen Vorschlägen die „Tiedje-Linie“ genannt ist, gehört zu den besten Kennern der Schleswigschen Frage.

In tragischer Verleitung hat Dänemark diesen Konflikt heraufbeschworen, weil der erste Einsatz seiner Politik in der schleswigschen Frage unredlich war. Trotz seiner Neutralität während des Krieges und ohne die diplomatischen Beziehungen mit uns abzubrechen, ist es unter die Beuteteilnehmer der Entente gegangen. Es hat eine direkte Verhandlung mit Deutschland auf Grund des Solfschen Briefes abgelehnt: Dadurch hat es den einzigen sittlichen Beitrag, den es zum Wiedererstarken völkerrechtlicher Gesinnung unter den durch Haß und Rachgier schwer zerrissenen Völkern hätte beitragen können, verscherzt. Allein um sich der nach den Worten des Herrn Scavenius allgemein schicklichen Anteilnahme an den vollen Kriegsschulden Deutschlands zu entziehen, nimmt es nun auf „dem Umweg über Versailles“ durch die Gewalt unserer Feinde, aber auch nur für die Dauer dieser Gewalt, was es freiwillig und „up ewig“ durch direkte Verständigung mit uns hätte haben können.
Schon das endgültige Ergebnis der ersten Zone erwies die Ungerechtigkeit der Enblock-Abstimmung. Unter 111.358 Stimmberechtigten befanden sich in dem von der Presse nach mir benannten südlichen Gürtel 14.967 Abstimmungsberechtigte, von denen 6.735 Deutsche gegen 5.658 Dänen standen. Dabei hatte die Stadt Tondern allein 80 Prozent deutsche Stimmen. Nördlich Flensburgs sitzen in seinem unmittelbaren Wirkungsbereich wohl lauter dänische Mehrheiten, doch untermischt von deutschen Minderheiten von 30 bis 40 Prozent der Stimmberaubten nicht zu gedenken, welche durch den Stichtag des 1. Januar 1900 von der Abstimmung ausgeschlossen waren. So ergab sich auch sofort nach dem Februar ein flammender Einspruch der Bevölkerung dieses Gürtels gegen ihre Verschiebung nach Dänemark. Als wenn die lebende Bevölkerung einem Inventar oder Viehbestande gleich dem begehrten Lande folgen müsse! Und selbst von denen, die aus nationalen Gründen für Dänemark stimmten, sind aus wirtschaftlichen Gründen Klagen darüber erfolgt, daß sie durch die Einverleibung in Dänemark ruiniert würden. Die Bevölkerung im dänischen Reiche wie in dem dänisch gesinnten Teile Nordschleswigs war von ihren Führern belogen und betrogen. Man hatte ihr weisgemacht, daß die ganze zweite Zone einschließlich Flensburgs in ihrem deutschen Teile so demokratisiert sei, daß sie für Dänemark stimmen würde. Und nun das traurige Erwachen!

Die zweite Zone ergab in dem Kreise Tondern eine deutsche Mehrheit von 17.144 gegenüber einer dänischen Minderheit von 2.349 Stimmen. Nur auf der Insel Föhr gab es drei kleine dänische Mehrheiten, nämlich Hedehusum mit sechzehn Dänen gegen elf Deutsche. Uetersum mit 41 Dänen gegen 33 Deutsche und Gotting mit 34 gegen 29. Sonst hat nicht eine Gemeinde eine dänische Mehrheit aufgebracht. In dem Kreise Flensburg einschließlich der Stadt standen 38.487 Deutsche gegen 10.435 Dänen. Dabei ist zu beachten, daß nach Angabe eines Gewerkschaftsführers allein 1.500 Stimmen in Flensburg aus der deutschen Arbeiterschaft unter die dänisch Stimmenden übergegangen sind. Hätten wir diese 1.500 „Dänen“ weniger gehabt, so hätte die deutsche Reichsregierung nach dem Prinzip der gleichen Minderheiten nördlich und südlich der neuen Grenze noch die Landschaft Lügumkloster für Deutschland verlangen können, in welcher nur eine geringe dänische Mehrheit vorhanden ist. Das ist das traurige Ergebnis der Kappschen Köpenickiade.

Unbeirrt hat die deutsche Einheitsfront in der deutschen Nordmark den Berliner Staatsstreich überdauert. Einmütig steht das ganze schleswigsche Volkstum, von den Deutschnationalen bis zu den Mehrheitssozialisten einschließlich, auf dem Boden des Selbstbestimmungsrechtes unter Achtung des Mehrheitsprinzips der Gemeinde. Gleichlautend sind alle Entschließungen ob vom Flensburger Magistrat und Stadtverordnetenkollegium, ob vom Heidehof auf dem mittleren Landrücken oder von den Bürgerschaftsvertretern des Weltbades Sylt: Wir wollen Deutsche bleiben auf Grund des Selbstbestimmungsrechtes der Völker.
So ist die jüngst überreichte Note des damaligen Staatskommissars Dr. Köster sowohl ein Ausdruck der diplomatischen Forderungen der deutschen Reichsregierung als auch eine Bekundung des Volkswillens Schleswig-Holsteins. Was auch in Kopenhagen sich weiter abspielen mag, ob Reaktion oder Demokratie, ob Republik oder Monarchie, das Ergebnis des königlichen Hausfriedensbruches in Kopenhagen sein wird – die Stammeseinheit Schleswigs ist härter als die politische Hysterie der Beutegier in der dänischen Monarchie. Schleswig wird deutsch bleiben, soweit sein ungeteiltes lebendiges Volkstum reicht und nur so wollen wir unsere alte Losung „up ewig ungedeelt“ verstanden wissen. Wir haben keine starke geographische Linie gleich der unmöglichen des Professors Vlausen, sondern einen lebendigen Wall ungeteilten deutsch-schleswigschen Volkstums in der Nordmark. Den werden wir verteidigen und wenn ihn die Flut des feindlichen Uebermutes jetzt durchbricht, so werden wir ihn wieder herzustellen wissen, [so daß] die schon beginnende Revision des Friedensvertrages dem Gerechtigkeitssinn aller Völker, also auch des deutschen, Genüge tut!

Quelle:

Weimarische Landeszeitung vom 12.4.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Tiedje#/media/Datei:Tiedje-Linie.svg