100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Im Kranze der deutschen Völker“

Die Nationalversammlung muss der Vereinigung Thüringens ebenfalls zustimmen und tut dies mit einer überwältigenden Mehrheit von 300 Stimmen, die aus allen Parteien der Nationalversammlung stammten. Pathosgeladene Glückwünsche begleiten die Landesgründung aus dem Berliner Reichstag, auch wenn rund 100 Abgeordnete – darunter Prominente wie Gustav Stresemann (DVP) – der Abstimmung ferngeblieben waren.

Erich Koch-Weser - Innenminister im Kabinett Müller

Koch, Reichsminister des Innern: Meine Damen und Herren! Der Vorgang der Vereinigung der thüringischen Länder zu einem deutschen Lande, der uns vor der Revolution noch als eine staunenswerte Neuordnung erschienen wäre, will uns heute, anderthalb Jahre nach der Revolution, als selbstverständlich erscheinen, und ich habe kaum die Pflicht, die Vorlage zu begründen, sondern nur die Aufgabe, das neue Land Thüringen mit einigen Worten der Begrüßung einzuführen.

Es ist in den anderthalb Jahren, die diesem Gesetzentwurf vorangegangen sind, eine tüchtige Vorarbeit innerhalb Thüringens geleistet worden. Die Vorbereitung für den Zusammenschluß zum thüringischen Staate ist trotz der Wirren, die die Revolution mit sich gebracht hat, dort in vortrefflicher Weise geleistet worden, und heute dürfen wir sagen, daß ganz Thüringen geschlossen hinter dem Wunsche auf Vereinigung dieses Landes steht.

(Bravo!)

Daß sich das südlichste der thüringischen Länder, Coburg, entschlossen hat, nicht zu Thüringen, sondern zu Bayern zu gehen, mag auf seine besondere Lage, mag auf Stammesverwandtschaft mit dem bayerischen Franken zurückzuführen sein. Daß sich preußische Landesteile dem neuen Staate nicht angeschlossen haben, liegt in den deutschen Verhältnissen begründet und kann aus den bestehenden Verhältnissen heraus verstanden werden.

Alles, was etwa weiter noch zur Vervollständigung des neuen Landes Thüringen nach außen und innen geschehen kann, wird besser von dem heute gebildeten, neuerstandenen Staatswesen verhandelt und geleistet werden können als von den kleinen Ländchen, aus denen Thüringen bisher bestand.

(Sehr richtig!)

Wir wünschen dem neuen deutschen Lande, dem Herzlande unseres deutschen Vaterlandes, eine gesunde und glückliche Entwicklung;

(Beifall)

wir nehmen es freudig als vollberechtigtes, wertvolles und liebes Glied im Kranze der deutschen Völker auf.

(Lebhafter Beifall.)

[…]

[Präsident Fehrenbach:] Das vorläufige Resultat der Abstimmung ist folgendes: Es sind abgegeben worden 300 Stimmen, alle mit Ja.

(Bravo!)

Also die zur Abstimmung gestellte Frage ist bejaht; die beiden Gesetzentwürfe, betreffend die Vereinigung Coburgs mit Bayern und die Bildung des neuen thüringischen Staates, sind damit angenommen.

(Bravo!)

Der Herr Reichsminister des Innern hat schon die herzlichsten Glückwünsche der Regierung den neuen Staatsgebilden übermittelt. Ich nehme an, daß es auch ein Bedürfnis der Nationalversammlung ist, die herzlichsten Wünsche hinauszuschicken. Wir wünschen Coburg, das von seiner stolzen Feste herab den schönen Blick in die Lande am Main genießt, eine glückliche Zukunft im Bayernlande;

(bravo!)

und wir wünschen dem schönen Thüringen, das uns aus unserm Weimarer Aufenthalt so ans Herz gewachsen ist,

(bravo!)

eine glückliche staatliche Zukunft.

(Lebhafter Beifall.)

Quelle:

Stenographische Berichte der Verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung. 169. Sitzung vom 23.4.1920

In: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000017_00339.html

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Koch-Weser#/media/Datei:KochErich.jpg