100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Jetzt sind wir ein Thüringen

Nach der gestrigen Verabschiedung des entsprechenden Gesetzes wird die Landesgründung zum 1. Mai vollzogen werden. Die patriotische Freude hierüber mochte sich bei einigen Sachsen-Weimaranern oder Schwarzburg-Sondershausenern in Grenzen gehalten haben, da die abgelösten Kleinststaaten schließlich seit Jahrhunderten Bestand hatten. Aber selbst zusammengeschlossen ist Thüringen noch kein Riese unter den deutschen Ländern. Funktional waren die zerklüfteten Staatchen mit ihren teils sehr abgelegenen Exklaven jedoch längst nicht mehr, während das neue Thüringen an Handlungsfähigkeit gewinnen wird.

Das (spätere) Landeswappen Thüringens

Der Staat Thüringen ist gebildet.

[…] Der 23. April bedeutet in der Geschichte des Staates Thüringen einen Markstein; er ist eigentlich der Gründungstag des neuen Staates, unseres Landes, in Deutschlands Mitte. Im hellsten Frühlingssonnenschein und in einer Blütenpracht, wie nie zuvor, traten die sieben Staaten zu einer festen Vereinigung unter dem alten Namen T h ü r i n g e n zusammen. Wir werden also in Zukunft nicht mehr Sachsen-Weimaraner sein, sondern Thüringer, was ja sicherlich für viele eine gewisse schmerzliche Empfindung auslöst. Und doch ist mit dieser Staatenvereinigung endlich ein Zustand geschaffen worden, wie er innerhalb der Republik Deutschland, nach Beseitigung der kleinen Monarchen, unbedingt eintreten mußte.

Thüringen ist für viele seiner Bewohner ein Land der Probleme gewesen, weit mehr noch dem Fremden. Der wird die eigenartigen Schönheiten des Landes wohl verstehen und sie mit Entzücken genießen; wem aber sein Thüringer Lied an der Wiege geklungen, dem wird die Staatenkarte Thüringens wohl die farbenprächtige von Deutschlands Gauen dünken, zurechtfinden wird er sich aber nie in dem Wust von Farbenklexen. Mit neun Grundfarben hat der Kartograph in 94 Farbflecken die Karte Thüringens geschaffen. Der Stieglitz hat nicht halb so viel Farben!

Neun Länder – Preußen, Weimar, Meiningen, Koburg-Gotha, Altenburg, die beiden Schwarzburg und die beiden Reuß – waren bisher an der Staatenbildung Thüringens beteiligt. Davon hat sich bei der Bildung des neuen Freistaates Sachsen-Koburg abgesondert und bis zu Bayern gegangen, während die preußischen Gebietsteile Thüringens nicht am Zusammenschluß beteiligt sind. […]

Nun hat die d e u t s ch e N a t i o n a l v e r s a m m l u n g gesprochen. Ihr lag am Freitag der Entwurf eines Gesetzes über das Land Thüringen zur ersten und zweiten Beratung vor, der folgenden Wortlaut hatte.

  • 1. Die Länder Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Meiningen, Reuß, Sachsen-Altenburg, Sachsen-Gotha (Sachsen-Koburg-Gotha ohne das Gebiet von Koburg). Schwarzburg-Rudolstadt und Schwarzburg-Sondershausen werden mit Wirkung vom 1. Mai zu einem Lande vereinigt.
  • 2. Durch die Vereinigung werden die Staatsangehörigen der sieben Länderstaatsangehörigen des Landes Thüringen. Ausgenommen sind Angehörige des Gebietes von Koburg im Sinne des § 2 des Gesetzes über die Vereinigung Koburgs mit Bayern.
  • 3. Die erste Landesversammlung ist innerhalb 5 Monaten nach Inkrafttreten des Gesetzes zu wählen. Das Wahlgesetz beschließt der Volksrat von Thüringen.
  • 4. Der Volksrat von Thüringen beschließt die vorläufige Landesverwaltung. Bis die Landesregierung und Volksvertretung von Thüringen auf Grund dieser Verfügung in Wirksamkeit getreten sind, gelten nach den Bestimmungen des Gemeinschaftsvertrages über den Zusammenschluß der thüringischen Staaten der Staatsrat von Thüringen als Landesregierung und der Volksrat von Thüringen als Volksvertretung.
  • 5. Das Gesetz tritt am Tage der Verkündigung in Kraft.

In der Wahlordnung aber, in der auch die Vorgeschichte der neuen Staatenvereinigung dargelegt wird, heißt es zu § 1: Die Vereinigung der thüringischen Länder wird durch das Reichsgesetz begründet. Die Festsetzung ihrer Wirkung a u f d e n 1. M a i 1 9 2 0 entspricht einem Antrage des Staatsrats von Thüringen. Da Sachsen-Koburg und Gotha staatsrechtlich noch ein Land bilden, so war das Gebiet von Gotha ausdrücklich von der Vereinigung auszunehmen. Nach dem vorläufigen Ergebnis der Volkszählung vom 18. Oktober 1919 wird Thüringen an Zivil- und Militärpersonen umfassen: Sachsen-Weimar-Eisenach 423 042, Sachsen-Meiningen 275 328, Reuß 211 961, Sachsen-Altenburg 211 280, Sachsen-Gotha 261 948, Schwarzburg-Rudolstadt 98 856, Schwarzburg-Sondershausen 92 922, zusammen 1 584 324 Personen. Hiernach wird Thüringen im Reichsrat mit 2 Stimmen vertreten sein.

In § 2 wird ausgeführt: Die Neubildung eines Landes erfordert die Beilegung einer neuen Staatsangehörigkeit, die dem reiche ob liegt, da ihm nach Artikel 6 Ziffer 3 der Reichsverfassung die ausschließliche Gesetzgebung über die Staatsangehörigkeit zusteht. Die thüringische Staatsangehörigkeit soll sich auf alle Angehörigen der vereinigten Länder erstrecken, gleichviel, wo sie ihren Wohnsitz und Aufenthalt haben.

Zu § 3 wird in der Begründung gesagt: An die Stelle des Volksrates von Thüringen, in denen die Landesversammlungen der sieben thüringischen Länder Beauftragte entsandt haben, muß möglichst bald eine Volksvertretung gesetzt werden, die den Anforderungen des Artikels 17 der Reichsverfassung entspricht.

Zu § 4 heißt es: Die erste Aufgabe des neugebildeten Landes wird sein, ihm eine Verfassung zu geben. Der Entwurf hierfür ist bereits ausgearbeitet und vom Staatsrat von Thüringen beraten. Um diese dringliche Arbeit nicht zu verzögern, empfiehlt es sich, durch den Volksrat die Landesverfassung vorläufig beschließen zu lassen. Der neu gewählten Landesversammlung wird die endgültige Stellungnahme zu den Beschlüssen des Volksrates über die Verfassung vorbehalten bleiben. Da aber die Geschäfte der Landesregierung und der Volksvertretung nicht ruhen können, bis die neugewählte Landesversammlung selbst eine Regierung gebildet haben wird, und da zur Durchführung der Vereinigung zahlreiche Vorarbeiten sofort zu erledigen sind, ist vorgesehen, daß bis zu dem Zusammentritt der Landesversammlung und der Geschäftsübernahme der neuen Regierung der Staatsrat und der Volksrat ihre Tätigkeit fortsetzen. Der Rahmen für ihre Tätigkeit ist in dem Gemeinschaftsvertrag umschrieben.

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Der 1. Mai ist Feiertag. Nach einem Beschluß des Staatsrates von Thüringen ist der 1. Mai Feiertag. Mit Rücksicht darauf ist bekannt zu geben, daß die staatlichen, kommunalen und sonstigen Behörden an diesem Tage nicht tätig sind. Die Schulen bleiben geschlossen. Die Thüringer Gemeinschaftsstaaten regeln Einzelheiten durch Gesetz oder Notverordnung.

Quelle:

Weimarische Landeszeitung Deutschland vom 24.4.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Land_Thüringen_(1920–1952)#/media/Datei:Wappen_Land_Thüringen.svg