100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Mit eisernem Besen…“ … gegen republiktreue Truppen

Vor wenigen Tagen erst hatte Reichskanzler Müller vor der Nationalversammlung versprochen die Reichswehr „mit eisernem Besen“ von putschistischen Offizieren zu säubern. Doch es kam anders. In Folge des Kapp-Putsches wurden systematisch regierungstreue Mannschaften und Unteroffiziere, die sich im Republikanischen Führerbund organisiert und auf die Seite der Regierung Bauer gestellt hatten, aus der Reichswehr hinausgedrängt. Nur einzelne hochrangige Kappisten, wie der Königsberger Gouverneur Ludwig von Estorff, mussten aus dem aktiven Dienst ausscheiden, aber anstatt einer Haftstrafe, erhielten diese Männer ihre normale Offizierspension.

Estorff 1906 in Deutsch-Südwestafrika, wo er an Kriegsverbrechen gegen die Herero beteilgt war

Der Sieg der Militärreaktion.

Aus dem ganzen Reiche liegt eine Fülle von Meldungen vor, aus denen hervorgeht, daß die Militärreaktion das Heft wieder völlig in den Händen hat. Während die Regierung langwierige „Untersuchungen“ darüber anstellt, welcher Offizier sich an dem Lüttwitzputsch beteiligt hat, handeln die militärischen Führer. Sie kümmern sich um die Untersuchungen der Regierung verdammt wenig, weil sie wissen, daß die Regierung mit einer höflichen Loyalitätserklärung immer hinters Licht geführt werden kann. Das von Noske und Lüttwitz großgezüchtete System der Beschnüffelung steht heute noch in vollster Blüte. Alle „unzuverlässigen“ Elemente werden aus der Reichswehr ausgemerzt. Und als „unzuverlässig“ gelten alle diejenigen, die in den Kapptagen den reaktionären Offizieren den Gehorsam verweigerten. Wir wollen für heute nur ein paar Beispiele der allerkrassesten Art anführen:

Der Major von Engelbrechten (Reichswehrinfanterieregiment 110) hat am 29. März in Bremen durch Bataillonsbefehl den Beitritt zum Republikanischen Führerbund verboten. In Stendal hat der Garnisionsälteste, Major Schön, bisher beim Reichswehrinfanterieregiment 6 in Berlin, das gleiche Verbot erlassen, den Unteroffizieren und Mannschaften jede Propagandatätigkeit für den Bund, auch außerhalb des Dienstes, untersagt und dafür die wunderbare Begründung gefunden, der Führerbund treibe Parteipolitik.

In Tilsit wurden die Mannschaften der M.-G.-Kompagnie 3. Bataillon, Res.-Inf.-Regi. 101 am 15 März durch den Leutnant Kuminski über die neue Regierung „aufgeklärt“. Er verlangte von der Truppe, daß sie zu Kapp-Lüttwitz überschwenke. Von Königsberg aus kamen gefälschte Telegramme, in denen behauptet wurde, daß bereits die Truppen von ganz Sachsen, Thüringen und Bayern sich der neuen Regierung angeschlossen hätten. In Tilsit waren bereits mehrere Formationen zur neuen Regierung übergeschwenkt. Die Maschinengewehr-Kompagnie hielt aber Stand, sie wurde daraufhin entwaffnet und unter Bedeckung nach Königsberg gebracht. Von dort aus sollten sie per Dampfer abgeschoben werden. Als sich keine Fahrgelegenheit bot, kamen die Truppen nach Tilsit zurück, wurden dort in Schutzhaft genommen, später nach Insterburg transportiert, von wo aus sie jetzt entlassen werden sollten. Sämtliche militärischen Führer in Ostpreußen, die sich für die Kapp-Regierung erklärt und die Truppen zum Eidbruch verleitet hatten, sind heute noch in Amt und Würden. Nur der General Estorff, ist verabschiedet worden. Die verfassungstreuen Mannschaften aber werden in der gemeinsten Weise schikaniert und verfolgt.

In Potsdam nehmen die Entlassungen der verfassungstreuen Mannschaften ihren Fortgang. Potsdam ist heute noch eine monarchistische Hochburg. Die Offiziere schimpfen und hetzen gegen die Regierung noch genau so, wie früher. Die entlassenen Unteroffiziere und Mannschaften liegen auf der Straße und warten vergeblich auf den Dank der Regierung für die Treue, die ihr die Mannschaften während der Kapptage bewiesen hatten.
In Döberitz treibt die Brigade Ehrhardt nach wie vor ihr Unwesen. Sie hat auf allen Gebäuden die schwarz-weiß-rote Fahne gehißt, denkt nicht daran, sich auflösen zu lassen, sondern nimmt vielmehr fortgesetzt Neuanwerbungen vor. Munition, Geld und Verpflegung stehen ihr dank der Hilfe des Generals von Seeckt ausreichend zur Verfügung. Die Etappenkommandantur in Döberitz, die auf dem Boden der Republik steht, muß sich von der Marinebrigade dauernd schikanieren und belästigen lassen. Während der Ostertage wurden den republikanischen Mannschaften der Kommandantur von Leuten der Marinebrigade die Fensterscheiben eingeworfen. Eine auf dem Dach flatternde Reichsfahne wurde während der Nacht heruntergeholt. Offiziere spielen bei diesen Provokationen den Antreiber. Ein Bäcker von der Bäckerkolonne Madermeier, der sich während der Kapptage geweigert hatte, für die Meuterer Brot zu backen, wurde von der Marinebrigade dieserhalb in Haft genommen. Er sitzt heute noch fest und wartet vergeblich auf seine Befreiung.

Im Ruhrgebiet kämpft die berüchtigte Marinebrigade Löwenfeld und das Sturmbataillon Roßbach gegen die Arbeiterschaft. Beide Formationen standen von jeher auf dem Boden der Monarchie. Das Sturmkommando Roßbach ist dem Befehl Noskes zum Trotz noch Ende November 1919 über die ostpreußische Grenze zu den Baltikumern gestoßen, hat vorher in Graudenz die Mannschaften eines Infanterieregiments zur Meuterei veranlaßt, von Kurland aus die Reichsregierung mit Schmutz beworfen. Nach seiner Rückkehr wurde es trotzdem nicht aufgelöst, es konnte in Berlin in voller Stärke den Kapp-Putsch mitmachen und wird nun jetzt wieder, wo sich das Blatt gewendet hat, gegen die Arbeiterschaft losgelassen.

Wir fragen die Regierung, wie lange sie diesen Zustand, der, gelinde ausgedrückt, als Schweinerei bezeichnet werden muß, noch dulden will? Sie ist verpflichtet, schleunigst Ordnung zu schaffen, wenn sie sich nicht vor den Augen der ganzen Welt lächerlich machen will.

Quelle:

Neue Zeitung. Unabhängiges Sozialistisches Organ vom 11.4.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_von_Estorff#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_105-DSWA0066,_Deutsch-Südwestafrika,_Ludwig_von_Estorff.jpg