100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Putsch? Welcher „Putsch“?

In der dritten Ausgabe seit dem Ende des Verbotes nimmt die Thüringer Tageszeitung erstmals Stellung zum Kapp-Putsch in einem Leitartikel. Sie rechtfertigt die Putschisten als „selbstlose Männer“, deren Taten allein durch das „verfassungswidrige“ Handeln der Regierung Bauer provoziert worden sei. Erwartungsgemäß spielt sie auch die Verstrickung der DNVP, deren Weimarer Parteiorgan sie ist, und der DVP herunter, auf deren kompromittierende Haltung auch der neue Reichskanzler Müller, anders als das Blatt behauptet, hingewiesen hatte.

Martin Schiele (DNVP) - "Minister" der Putschisten und 1925 Reichsinnenminister

Nach dem 13. März.

Schwere Trauerzeit ist über unser Volk hereingebrochen, insbesondere über alle die, die in unermüdlicher Arbeit eine Gesundung unserer Verhältnisse anstrebten, die den nationalen Gedanken, die Selbstbesinnung unseres Volkes, die Erstarkung der sittlichen Mächte und der Arbeitsfreudigkeit langsam aber sicher an Boden gewinnen sahen. In dieses Ausreisen wichtigster Erkenntnisse und Kräfte ist verstörend die Tat jener Männer hineingeplatzt, die zwar von selbstlosem Wollen, berechtigter Empörung über grobe Verfassungsverletzungen und Vaterlandssinn eingegeben war, über in gänzlicher Verkennung der Mittel sowie der entscheidenden Faktoren im Volksleben, sich zum Sprachrohr tiefbeunruhigter und empörter Militärkräfte hergaben. Sie sind gescheitert, wie es nach den mangelhaften Vorbereitungen und Einsichten kaum anders möglich war – ihre Tat und ihre Folgen aber werden den nationalen Parteien zur Last gelegt, die doch ausdrücklich und immer erneut durch Presse und Parlamentarier ihrer Überzeugung Ausdruck gaben, daß sie jedes Gewaltmittel ablehnen und nur auf verfassungsmäßigem Wege eine Änderung der immer unhaltbarer werdenden Zustände erstreben. Trotz der früheren ausdrücklichen Erklärung der Regierung, daß die Rechtsparteien der Angelegenheit fern stehen, werden sie jetzt von Urteilslosen oder Böswilligen als Urheber des „Militärputsches“ verschrien. Mit diesem Odium werden Deutschnationale und Deutsche Volkspartei zunächst behaftet erscheinen. Es gilt, diesem Hindernis für ein kraftvolles Weiterwirken des nationalen Gedankens rechtzeitig entgegenzutreten.

Es sei nochmals ausdrücklich festgestellt: Parteileitung und maßgebende Persönlichkeiten stehen solchem Unternehmen fern und haben ihre Stellung dazu unzweideutig schon früher festgelegt. Ein Beweis dafür ist auch, daß der Abgeordnete Traub wußte, daß er mit Übernahme des Amtes bei der Kapp-Regierung aus der Partei auszuscheiden hatte und das auch sofort am 13. März tat. Das gleiche haben Kapp und Schiele getan. Festgestellt sei ferner, daß die Deutschnationale Volkspartei, ebenso wie die Deutsche Volkspartei, ihre Aufgabe sofort darin erblickte, die Schritte der Kapp-Regierung auf den Boden der Verfassung zurückzulenken und sofortige Maßnahmen in diesem Sinne zur Ausführung zu bringen, indem die Entscheidung des Volkes über die Umwälzung durch binnen kürzester gesetzlicher Frist anzuberaumende Wahlen sozusagen noch nachträglich angerufen werden sollte. Übrigens muß hervorgehoben werden, daß sowohl Kapp wie Lüttwitz ihre Mission nur als provisorische betrachteten – was in den linksstehenden Blättern geflissentlich verschwiegen wird, und daß sie ihre Hauptaufgabe und damit einen verfassungsmäßigen Zustand herzustellen, der vordem nicht bestand. Denn das muß mit voller Schärfe betont werden: Die Schuld an dieser gewaltsamen Explosion liegt bei der Regierung und den Mehrheitsparteien, die ohne jeden Grund die verfassungsgebende Nationalversammlung, deren Aufgabe schon längst beendet war, immer weiter ins Ungewisse hinauszögerten und damit widerrechtlich an der Macht festhielten, die sie nicht mehr im Auftrage des Volkes inne hatten. Es war ein offenes Geheimnis, daß die Nationalversammlung schon lange nicht mehr dem Willen des Volkes entsprach und daß nur Parteimachtgelüste die Schein-Mehrheit noch an ihre Sitze fesselten. Als nun gar beabsichtigt war, dem Volk sein Recht der Präsidentenwahl zu nehmen und es auf die derzeitige Parlaments-Mehrheit zu übertragen – ein offenbarer Bruch der Verfassung, – als die Unfähigkeit und Unsauberkeit der Parteiminister im Erzberger-Prozeß ein weithin sichtbares Schandmal erhielt, da war das Maß erfüllt: da die Regierung das gesetzmäßige Ventil – die Wahlen – mißachtend beiseite schob, hat sie den Protest auf unverfassungsmäßigem Wege selbst hervorgerufen, und er machte sich mit soldatischer Heftigkeit, aber auch Offenheit geltend. Die „Putschisten“ haben in einem regelrechten Ultimatum ihre an sich berechtigten Wünsche, sowohl wirtschaftlicher wie vor allem politischer Art der Regierung vorgelegt: sie verlangten gerade Erhaltung der Verfassung, sowohl in bezug auf Neuwahlen wie auf Präsidentenwahl. Also: gerade um dem Volk seine verfassungsmäßigen Rechte zu wahren, standen jene Männer auf; und Kapp und Lüttwitz traten ausdrücklich mit der Begründung zurück, daß ihr Zweck nun erfüllt sei, als die drei Punkte: Neuwahlen, Präsidentenwahl und Fachminister (im letzten Punkte wurden nur Umbildung der Regierung zugesagt) erfüllt waren. Diesem unzweifelhaften und dankenswerten Erfolge gegenüber beeilt sich nun nachträglich die Regierung, zu versichern, daß sie kein Kompromiß geschlossen habe, daß sie sich diese Errungenschaften (die letzte Forderung hat allerdings nicht zu einer Errungenschaft geführt) nicht hat abpressen lassen; man sprach davon, daß die Meuterer „kapituliert“ hatten, während moralisch die Regierung hat kapitulieren müssen. Seltsame Logik: genau die beiden ersten Forderungen wurden erfüllt, aber – man versichert nun nachträglich, man habe sie selber gewollt – nämlich unter dem Eindruck eben dieser Ereignisse. Das nennt man saubere Logik.

[…]

Quelle:

Thüringer Tageszeitung vom 6.4.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Schiele#/media/Datei:SchieleMartin.jpg