100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Schwarz-Rot-Gold auf Halbmast

Die Tausenden Opfer der durch den Kapp-Putsch ausgelösten Bürgerkriegskämpfe erschüttern das Reich, auch wenn neue Berichte aus der Putschzentrale die Inkompetenz der Putschisten unterstreichen. Surreal wirkt der Versuch sozialistische Politiker wie Ernst Däumig in die eigenen hochverräterischen Bestrebungen einzubinden und so die Arbeiterschaft zu täuschen. Aber auch die legitime Reichsregierung machte mit ihrem Krisenmanagment keine gute Figur. Es war der Pressechef Ulrich Rauscher, der die Initiative für den rettenden Aufruf zum Generalstreik ergriff und dafür auch die Unterschriften Eberts und Noskes fälschte, während selbiger sich mit Selbstmordgedanken herumtrieb.

Ulrich Rauscher (SPD)

Neue Erinnerungen aus der Kapp-Zeit.

Pabst Ehrgeiz. – Bergers Rolle. – Der schlafende Ehrhardt. – Noskes Selbstmordgedanken. – Ulrich Rauscher, der Vater des Generalstreiks. – „Diktatur Däumig-Ludendorff“. – Schillers Portefeuille für die Amnestie.

In der neusten Nummer der „Grenzboten“ teilt Prof. Dr. Fritz Kern, der bei Ausbruch des Putsches in der Reichskanzlei mit einer historischen Arbeit beschäftigt war, und die ganze Putschzeit in der Reichskanzlei mit erlebt, in ihrem Verlaufe sich an einer „Vermittlungsaktion“ beteiligt hat, seine Erinnerungen mit. Sie bringen vieles neue. Nach Kern war die vorbereitende Seele des Putsches der Hauptmann Pabst, dem im Frieden die Qualifikation als Generalstäbler versagt worden war, der sie aber im Kriege durch schrankenlosen Ehrgeiz noch erreichte, und vom Drange beseelt, in erster Reihe zu stehen, schon im Sommer 1919 eine bewaffnete Erhebung hatte anzetteln wollen. Aus einem ganz persönlichen Grunde hat Hauptmann Pabst dem Kapp-Unternehmen an einer entscheidenden Stelle wieder schweren Schaden zugefügt; am Morgen des 18. März glaubte er erst seine Frau in Sicherheit bringen zu müssen und vergaß darüber die rechtzeitige Beförderung der großen Proklamation Kapps an das deutsche Volk, von der sich die Putschisten so viele Wirkungen versprochen hatten.

Prof. Kern bestätigt die Beziehungen, die vor Ausbruch des Putsches zwischen dem preußischen Staatskommissar v. Berger und den Putschisten bestanden. Auch während des Putsches standen die Putschisten mit Herrn v. Berger, der nach Stuttgart zur Regierung Bauer gereist war, in telephonischer Verbindung. Einmal glaubte Oberst Bauer aus der Reichskanzlei mit Berger in Stuttgart zu telephonieren. Erst aus der Veröffentlichung Kerns erfährt Oberst Bauer, daß am anderen Ende des Drahtes nicht Berger, der Freund, stand, sondern der Stabschef Noske.

Am Abend des 12. März fuhren die Generäle Oven und Oldershausen der Marinebrigade nach Döberitz entgegen. Sie passierten die Vorhut und kamen ins Gros. Noch nie im Krieg und Frieden hatten die beiden Herren eine Truppe in so feierlicher fester Stimmung marschieren sehen wie diese zu ihrem törichten Streich in gutem Glauben mit Liedersingen und entrollten großen Fahnen durch die Nacht heranziehenden Krieger. Endlich fanden sie Ehrhardt. Sie überraschten ihn im Schlafe. Er schlief, nachdem er die Truppe in Marsch gesetzt hatte, im Begriff, Deutschland auf den Kopf zu stellen, noch eine Stunde. Eben erst aufgeweckt, entwarf er dann aus dem Handgelenk das Ultimatum der fünf Punkte, zu der die Regierung früh um sieben Uhr an der Siegessäule ihre Zustimmung geben sollte. Ein längeres Warten wäre darum unmöglich, weil die Erhebung gleichzeitig an 30 Orten in Deutschland stattfände. Später soll Ehrhardt die Aufstellung seiner Forderungen und die dadurch bewirkte Verzögerung des Einmarsches als ungeschickt bedauert haben. Als die Generäle Oven und Oldershausen unverrichteter Sache nach Berlin zurückkamen, waren in der Reichskanzlei nur General Reinhardt und der Pressechef Ulrich Rauscher dafür, daß mit Waffen gegen die Meuterer vorgegangen würde. Noske sagte, heute bräche bei ihm der Respekt zusammen, den er vor dem Offizierkorps gehabt hätte. Zum zweiten Male stürzte die Marine Deutschland ins Unglück. Am liebsten würde er sich erschießen, so fühle er sich in seinem Vertrauen betrogen. Nach Professor Kern gab dann in dieser Nacht der Pressechef Rauscher eigenmächtig Flugblätter, die zum Generalstreik aufforderten, und mit der falschen (?) Unterschrift Eberts und Noskes heraus. Rauschers Tat entzündete den Generalstreik an allen Ecken.

Ernst Däumig (USPD, später KPD)

Prof. Kern hat dann die Tätigkeit der Kapp-Regierung in der Reichskanzlei selbst mit angesehen. Ein Bild erschreckender Hilflosigkeit. [Kapps „Kultusminister“, Anm.] Traub ging die ganzen Tage geistesabwesend in stillem Jammer umher und tat jedem leid. Ein Hauptmann Karmann war beauftragt, über die militärische Lage im ganzen Reich zu berichten. Er hatte selbstverständlich in Erfahrung gebracht, daß die gewaltige Mehrheit der Reichswehr außerhalb Berlins dank dem Einfluß Noskes zur alten Regierung hielt. Kapps Mitregierer, die Offiziere, und Dr. Schiele verhinderten aber, daß Hauptmann Karmann zu Kapp herangelassen wurde. Prof. Kern versuchte dann auf eigene Faust Kapp aufzuklären, und brachte sich dadurch selbst in persönliche Gefahr. Auch Kern bestätigt, daß es Ludendorff und Oberst Bauer waren, die – zum Teil auch sich selbst über die Wahrheit täuschend, ganz wie im Kriege – die Putschisten zum „Durchhalten“ immer wieder veranlaßten. Am Dienstag der Putschwoche erklärte Hauptmann Pabst, falls die Stuttgarter Regierung die Kappschen Bedingungen nicht restlos annehme, würde man auf eine Diktatur Däumig-Ludendorff zustreben. Däumig wurde um vier Uhr in die Reichskanzlei gebeten. Er kam natürlich nicht und nun hingen, so erzählt Professor Kern, die Verschwörer buchstäblich am Draht nach Stuttgart. Er entschied über ihr Sein oder Nichtsein. „Jedesmal wenn sich in den langen Stunden etwas am Apparat zu regen schien, schlitterten Bauer und Pabst zitternd vor Aufregung durch die Säle an den Telephonraum heran. Und jedesmal kehrten sie enttäuscht wieder um.“ Später ist dann aber doch irgendwie von Stuttgart mit den Verschwörern gesprochen worden, weil Noske und sein Stabschef Gilsa der Meinung waren, man könne doch nicht ewig Bürgerkrieg führen. Noske hat dann im Einverständnis mit Ebert die Mindestforderungen an Kapp aufgesetzt, die Gilsa telephonisch dem Hauptmann Pabst aus Stuttgart in die Reichskanzlei übermittelte. In Berlin hat nach Professor Kern der Vizekanzler Schiffer den Kapp-Leuten versprochen, sich persönlich und mit seinem Portefeuille für ihre Amnestierung einzusetzen. Es wurde dann in der Reichskanzlei und nicht ganz ohne Fühlung mit der alten Regierung und ihren Offizieren das Wort von der neu zu bildenden Einheitsfront gegen den Bolschewismus gefunden als das einzige Mittel, mit dem man die persönlich sehr enttäuschten Truppen vor dem Zerfall retten konnte.

Als der Karneval-Spuk in der Reichskanzlei vorüber war, sank auch die schwarz-weiß-rote Flagge, aber es war ein bewußter Schalk oder ein absichtliches Zeichen unserer Zustände, daß auf Eberts Palais das schwarz-rot-gold verkehrt gesetzt wurde und auf Halbmast wehte …

Quelle:

Weimarische Landeszeitung vom 14.4.1920

 

Bilder:

https://de.wikipedia.org/wiki/Ulrich_Rauscher#/media/Datei:Rauscher_Ulrich.jpg

https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Däumig#/media/Datei:Ernst_Däumig.png