100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Schwere Kämpfe an der Ruhr

Bis Mitte April tobt im Ruhrgebiet der Bürgerkrieg zwischen Reichswehrtruppen und aufständischen Linksradikalen. Wie auch andernorts wurden die Gewalt durch den Kapp-Putsch und die folgende Gegenreaktion der Arbeiterschaft ausgelöst, aber die Dynamik kippte von der reinen Abwehr des Putsches schnell in Richtung „revolutionärer“ Forderungen. Die Niederschlagung des Aufstandes der Roten Ruhrarmee forderte mehr als 2.000 Tote.

Bewaffnete der Roten Ruhrarmee

Die Lage im Ruhrgebiet.

Noch immer toben schwere Kämpfe.

Elberfeld, 7. April. (Sonderdepesche.) Nördlich Gelsenkirchen bis Bottrop finden augenblicklich noch schwere Kämpfe statt. Bottrop selbst ist von Reichswehrtruppen von drei Seiten umstellt und durch den Kampf stark mitgenommen. Augenblicklich finden hartnäckige Kämpfe bei Kamen statt. Die Essener Bevölkerung ist teilweise geflüchtet. Im Dorsten hat die Rote Armee beim Abzug über gehaust. Innerhalb der Stadt sind schwere Plünderungen vorgekommen. Stadtrat Schubert wurde in einer Beamtenversammlung von den Roten erschossen. Der Abzug ist auf die schwere Niederlage bei Kamen zurückzuführen. In Hörde stellten sich Arbeiter den sabotierenden Roten entgegen. Es gab auf beiden Seiten Tote.

Neue Forderungen an die Regierung.

Berlin, 7. April. (Sonderdepesche.) Dieselben Verbände, die seinerzeit den Abbruch des Generalstreiks mit bestimmten Forderungen an die Regierung verknüpften, traten mit neuen Forderungen an die Regierung heran. Auf Grund der seinerzeit abgeschlossenen 9 Punkte traten gestern die Verbände mit den Parteivorständen der sozialdemokratischen und unabhängigen Partei zusammen und richteten nachfolgende Forderungen an die Regierung. Sie verlangen:

  1. Rückzug der Reichswehr aus der neutralen Zone. Die Aufrechterhaltung der Ordnung obliegt lediglich den zu bildenden Ortswehren. – 2. Kein Einmarsch der Reichswehr südlich der Ruhr. – 3. In dem Gebiet außerhalb der neutralen Zone werden sofort Ortswehren gebildet, worauf der Rückzug der Reichswehrtruppen zu erfolgen hat. – 4. Die Vorgänge in Wilhelmshaven usw. verlangen sofortige Abhilfe. Die verfassungstreuen Unteroffiziere und Mannschaften sind zu schützen, die unzuverlässigen Offiziere sind nicht wieder zu verwenden, sondern zu bestrafen. Das Kabinett muß vom Reichswehrminister Garantien gegen die Verwendung unzuverlässiger Führer fordern. Auf die preußische Regierung muß eingewirkt werden, damit die Reorganisation der Sicherheitswehr durch Einstellen organisierter Arbeiter schnellstens zur Durchführung gelangt.

„Alles ruhig!“

Iserlohn, 7. April. In der Stadt und im Bezirk Iserlohn ist alles ruhig. Es wurden bisher gegen 200 Waffen abgegeben, die Massenabgabe vollzieht sich weiter in aller Ruhe. Auf die Nachricht, daß das Militär in Schwerte sei, wurde der Vollzugsausschuß abgesetzt und ein Ordnungsausschuß aus den Koalitionsparteien und den Unabhängigen gebildet. Vorläufig versehen noch 30 Arbeiter den Sicherheitsdienst. Eine Wehr auf paritätischer Grundlage wird vorbereitet.

Elberfeld, 7. April. In Elberfeld ist alles ruhig. Die Stadt ist mit Lebensmitteln für mehrere Wochen gedeckt. Der Aktionsausschuß, der aus Mehrheitssozialisten, Unabhängigen und Kommunisten besteht, erließ eine Aufforderung gegen den Generalstreik.

Bochum, 7. April. In Bochum ist alles ruhig. Es wird gearbeitet. Die Truppen sind nach Essen gekommen und in die Stadt eingezogen. In Essen herrscht jetzt auch Ruhe. Die Waffenabgabe ist überall in vollem Gange, und die Truppen werden auf Grund des Bielefelder Abkommens nach einem anderen Prinzip umgestaltet. Die Roten Truppen ziehen sich in der Richtung auf Barmen zurück, wo sie sich anscheinend sammeln. Auch die Hälfte des Zentralrats ist nach Barmen gegangen, nachdem er in Essen erklärt hatte, daß er die Massen nicht mehr in die Hand habe. Die andere Hälfte des Zentralrats soll nach Holland geflohen sein.

Dortmund, 7. April. In der Nacht zum Montag verschwand[en] der Vollzugsrat und der Arbeiterrat. Am Vormittag rückten kleinere Trupps der Reichswehr in Dortmund ein. Der Beamten- und Generalstreik ist aufgehoben.

Essen, 7. April. In Duisburg ist es beim Rathaus und auf dem Sonnenwall zu Kämpfen gekommen. Verschiedene Zivilisten wurden getötet. Die Stadtverwaltung ist von Ruhrort wieder nach Duisburg übergesiedelt. Auch in Duisburg ist viel geplündert worden. In Mühlheim und Gelsenkirchen sind die Regierungstruppen kampflos eingezogen. Zurzeit ist hier alles ruhig. Bei der Firma Krupp und in den Bergwerken wird gearbeitet.

Berlin, 7. April. (WTB) Der Vormarsch im Industriegebiet nimmt seinen Fortgang. Nachdem Dortmund besetzt worden ist, werden die Truppen heute früh in Essen einziehen. Die Lebensmittelnot ist sehr groß.

Radek und Levin im Ruhrgebiet.

Berlin, 7. April. (Sonderdepesche.) Nach Meldungen aus zuverlässiger Quelle nahmen die russischen Bolschewisten Radek und Levin am Montag in Dortmund an einer Sitzung der Kampfleitung des Roten Zentralrates teil. Radek soll hierbei die Kampfleitung zur Fortsetzung des Kampfes ermuntert haben worauf auch die Fortsetzung des Kampfes beschlossen wurde.

Quelle:

Weimarisches Landes-Zeitung vom 7.4.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Rote_Ruhrarmee#/media/Datei:Rote_Ruhrarmee_1920.jpg