100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Teure neue Technik

Die fallenden Preise für Verbrauchsgüter sieht die Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach zwiegespalten. Einerseits müssen die Bürger nun weniger bezahlen, andererseits könnte es zu einigen Insolvenzen kommen, da nun Einnahmen wegbrechen, mit denen geplant wurde. Über die steigenden Preise für Briefmarken ist das Blatt zudem höchst erbost. Um den wirtschaftlichen Wiederaufstieg zu ermöglichen, müsste Kommunikation erschwinglich bleiben.

Briefmarke von 1923

Gewaltige Postverteuerung

So geht’s nicht weiter!

Infolge des Milliardendefizits, besonders der Steigerung der Materialpreise und Personalausgaben, ist eine neue Portoverteuerung unvermeidlich. Der Reichsrat hat ihr zugestimmt.

Man hofft, noch einen Mehrertrag von mindestens 100 Millionen zu erreichen, wenn das Porto für

Postkarten auf 30 Pfennige, einfache Briefe auf 40 und Briefe bis 250 Gramm auf 60 Pfennige

erhöht werden. Die Sätze für Drucksachen, Geschäftspapiere und Warenproben sind verdoppelt, auch die Paketgebühren, die Postanweisungsgebühren und die Gebühren, die sind erheblich erhöht worden. Für Telegramme ist der Unterschied zwischen Orts- und Ferntelegrammen beseitigt, die Wortgebühr ist auf 20 Pfennige festgesetzt und die Mindestgebühr für ein Telegramm auf 2 Mark. Die

Fernsprechgebühren erfahren durchweg eine Erhöhung um 100 Prozent.

Bei ganz großen Netzen noch darüber hinaus. Die Ausschüsse haben sich auch trotz mancher Bedenken damit einverstanden erklärt, daß von allen Fernsprechteilnehmern ein besonderer Kapitalbeitrag in Höhe von 1000 Mark für jeden Hauptanschluß und von 200 Mark für jeden Nebenanschluß geleistet werden soll.

Auf Anregung des bayerischen Gesandten erklärte Postminister Giesberts, daß der bayerische Vorschlag, die Fernsprechämter mit mechanischen Zählern auszurüsten, praktisch erprobt werden solle. Wenn der Versuch gelinge, werde ein neuer Tarif die Gesprächszahl berücksichtigen. Nachdem der Reichsrat seine Zustimmung zu den beiden Hauptgesetzen erklärt hatte, knüpfte Postminister Giesberts daran noch die Bemerkung, die Verwaltung sei sich der ungeheuren Belastung des Verkehrs voll bewußt, wodurch der Wiederaufbau unseres Wirtschaftslebens erschwert werde. Nur die Not, in der wir uns befänden, rechtfertige Erhöhungen. Hoffentlich werde diese Erhöhung erzieherisch wirken und der Zeitpunkt kommen, wo man in Deutschland einsehe, daß „die Geschichte nicht so weiter gehe, wenn wir nicht in den Abgrund kommen wollen.“ – Auch die Nebengebühren werden entsprechend den gesetzlich festgelegten Sätzen erhöht. Der bisherige Ersatz von 3 M. für das Pfund verloren gegangener Sendungen wird auf 10 M. erhöht. Sämtliche Erhöhungen sollen am 1. Mai in Kraft treten.

Bayern erhält für die Aufgabe seiner eigenen Postverwaltung vom Reiche 620 Millionen und Württemberg 250 Millionen. Außerdem sind beiden Staaten gewisse Konzessionen für die Zusammensetzung der Behörden zugestanden worden. Auch sollen hier wie auf dem Gebiet der Eisenbahnen den Einzelstaaten gewisse Vorrechte gewährt werden, wenn es sich um die Veräußerung von Grundstücken handle, die im Gebiet dieser Staaten gelegen sind und für das Reich entbehrlich geworden. In erster Linie ist dabei an Exerzierplätze, Flugplätze und Kasernen gedacht.

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Volkswirtschaftliche Rundschau

Fallende Preise.

Seit einigen Wochen macht sich eine erfreuliche Wandlung in der Preisgestaltung für wichtige Bedarfsartikel bemerkbar. Wir haben schon berichtet, daß Kupfer und Eisen erheblich im Preise gesunken sind. Auch mancherlei Lebensmittel zeige eine ständig weiter sinkende Preistendenz. Die Mark steigt andauernd. Mussten für einen Dollar vor etwa vier Wochen noch über hundert Mark gezahlt werden, so ist er jetzt schon für die Hälfte zu haben. Das gleiche Verhältnis macht sich beim Franken bemerkbar. Auf dem Häute- und Ledermarkt sind rapide Preisstürze eingetreten. Die Häutespekulanten haben deshalb einen Gegenzug unternommen und halten mit ihren Angeboten zurück, um eine künstliche Nachfrage zu erzeugen und damit die Preise wieder in die Höhe zu treiben. Bei den letzten Versteigerungen in Berlin büßten die Preise für Kalbfelle durchschnittlich um 30 Mark das Pfund ein. Auch die Holzpreise sind enorm gefallen. Dem kaufenden Publikum ist jetzt Gelegenheit geboten, die sinkende Preistendenz dadurch kräftig zu unterstützen, daß im Einkauf Zurückhaltung geübt wird. Die neue für das verbrauchende Publikum erfreuliche Entwicklung wird binnen kurzem den Zusammenbruch zahlreicher Schieberexistenzen herbeiführen, die zu hohem Frankenkurs eingekauft haben und nun ihre erhofften Gewinne nicht nur dahinschwinden sondern in einen Verlust umwandeln sehen.

Quelle:

Volkszeitung für Sachen-Weimar-Eisenach vom 19. April 1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00212343/WVZ_1920_04-06_0177.TIF?logicalDiv=jportal_jpvolume_00149272

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Postgeschichte#/media/Datei:1923_Deutsches_Reich_10milliardenMk_Mi328.jpg