100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Vorsicht vor neuen Medien!

Deutschland verfügte – weltweit nur getoppt von den USA – über die meisten und größten Kinosäle Europas, was sich auch in einer starken Filmindustrie ausdrückte. Folgt man dem hiesigen kritischen Artikel, tut der Staat aber herzlich wenig zur Förderung des deutschen Films. Stattdessen führe das neue Kinogesetz harte Zensurmaßnahmen gegen dieses neue Medium ein.

Der Stummfilmhit 1920 - nicht jugendfrei

Stiefkind Kino.

Kritische Bemerkungen zum neuen Kinogesetz.

Von Balduin Möllhausen.

Wie das Jahr 1820 durch seine berüchtigte Hardenbergsche Zensorenverordnung ein schwarzes Jahr in der Geschichte der deutschen Presse bedeutete, so wird man dermaleinst 1920 als ein Schicksalsjahr der deutschen Lichtspielindustrie zu bezeichnen haben. Sang- und klanglos hat die deutsche Nationalversammlung den von einem [unleserlich] befürworteten Gesetzesentwurf über die Wiedereinführung der Kinozensur angenommen. Wenn auch vorderhand an dieser Tatsache und ihren Folgen nicht zu rütteln ist, so sei doch schon heute mahnender Kritik an diesem Gesetz Raum gegeben – ist doch dann zu hoffen, daß sich bald wieder ein Wandel zum Bessern geltend macht.

Selten ist eine gewiß an und für sich zu bedauernde Entgleisung einer Industrie so schwer mit Buße belegt worden, wie die Lichtspielfabrikation mit dem neuen Kinogesetz, das sie den vielleicht zwei Dutzend albernen Aufklärungsfilmen des vergangenen Jahres zu verdanken hat. Gewiß, solche Filme wollen wir nie wieder zu sehen bekommen, aber deshalb das Kind mit dem Bade ausschütten und einen unserer entwicklungsfähigsten Exportartikel nicht nur im Inlande, sondern auch dem Auslande gegenüber der Zensurtortur des „spanischen Stiefels“ zu unterwerfen, heißt doch eine wirtschaftspolitische Kurzsichtigkeit beweisen, die man in unserem geldbedürftigen Vaterlande kaum mehr für möglich gehalten hätte. Das Publikum selbst hatte ja in einmütiger Ablehnung bereits eine Umstellung der gesamten Produktion erreicht. Wozu also dieses Ausnahmegesetz, was es ohne Zweifel ist. Denn sehr richtig aber leider vergeblich bemerkt die Zeitschrift der „Vereinigung deutscher Filmfabrikanten“: „Als einzige Form der Meinungsäußerung soll der unter Vorzensur gestellt und ihm so der Makel der Minderwertigkeit gegenüber allen übrigen Arten der Meinungsäußerung vor der ganzen Welt ausgedrückt werden, durch ein Ausnahmegesetz, das dem demokratischen Aufbau unseres Staates widerspricht.“

Einige der abstrusen Einzelheiten des neuen Gesetzes verdienen jedoch noch eine besondere Anprangerung. Im Paragraphen 1 des neuen Gesetzes ist z. B. auf nachträglichen Vorschlag hin der Passus eingefügt worden, daß auch die für den Export bestimmten Filme der Zensur unterworfen werden müssen. Eine schon in dem früheren Entwurfe dahingehend ausdeutbare Stelle ist also jetzt aus ihrem Zwielicht herausgetreten und besagt: Die deutsche Filmzensur maßt sich das Recht an, auch unsere Exportfilms zu zensieren und damit fremdstaatlicher Zensur vorzugreifen. Es wird dabei offenbar nicht berücksichtigt, daß die „moralischen, sozialen, ästhetischen, ethischen und sonstigen Anschauungen in den verschiedenen Teilen der Welt verschieden sind. So gibt es Länder, in denen die Vielehe gesetzlich und sozial zulässig ist. Ferner darf man auch darauf hinweisen, daß z. B. Stiergefechte, deren Wiedergabe eine deutsche Filmprüfungsstelle vielleicht verbieten dürfte, mit der Begründung, daß sie „verrohend zu wirken geeignet sei“ in Spanien eine nationale Angelegenheit bedeuten.“ Wie überhaupt andere Völker ein gut Teil Realität mehr im Film vertragen, die wir demnach wenigstens aus unseren Exportfilms nicht ohne Grund voller Engherzigkeit herausschneiden lassen sollten.

Aber nicht mindere Bedenken muß vom ethischen Standpunkt aus ein Gesetzesparagraph, wie der dritte des Kinogesetzes erregen, der Personen unter 18 Jahren den Besuch des Kinos verbietet, bezw. sie an die einer noch schärferen Zensur unterworfenen Jugendvorstellungen verweist. Mit 18 Jahren – man bedenke, wie viel Jugendliche – „Jugendliche“ nach dem neuen Gesetz – willig ihr Leben im Kampfe eingesetzt haben: und heute soll ein „Jugendlicher“ vom Kinobesuch ausgeschlossen werden, bloß weil er noch nicht 18 Jahre alt ist? Mit vierzehn Jahren stehen jedem Mündel weitgehende Rechte zu. Mit dem sechzehnten Lebensjahre endet bei weiblichen Personen der strafrechtliche Schutz gegen Verführung, mit Vollendung des sechzehnten Lebensjahres kann eine Frau die Ehemündigkeit erlangen, heiraten und Mutter werden, aber die Pforten des Kinos sind ihr verschlossen. Man kann nur mitleidig lächelnd mit den Achseln zucken.

Und weiter: das neue Gesetz bestimmt im Paragraph 9: „Die … Prüfungsstellen setzen sich aus beamteten Vorsitzenden und Beisitzern zusammen. Von den Beisitzern ist je ein Viertel den Kreisen des Lichtspielgewerbes und der auf den Gebieten der Kunst und Literatur bewanderten Personen (ein wundervoller Ausdruck übrigens „auf dem Gebiet der Kunst und Literatur bewanderte Personen“!), die Hälfte den auf den Gebieten der Volkswohlfahrt, der Volksbildung oder der Jugendwohlfahrt, besonders erfahrenen Personen zu entnehmen.“ Die ganz ungenügende Heranziehung der berufenen Vertreter von Kunst und Literatur (eben jene „bewanderten Personen“) lassen die Befürchtung gerechtfertigt erscheinen, daß ihre Stimme bei dem Prüfungsakt überhaupt ungehört verhallt. Denn die Bestimmung – so bemerkte die oben erwähnte Denkschrift mit Recht – daß mindestens zwei von der nach § 11 aus 5 Mitgliedern bestehenden Prüfungsstelle auf dem Gebiete der Volkswohlfahrt usw. besonders erfahren sein müssen, läßt die Möglichkeit der Berufung von drei Vertretern dieser Kategorie von Beisitzern zu, und da auch der Vorsitzende eine Persönlichkeit von pädagogischer Bildung sein soll, so würden Kunst und Literatur vollkommen ausgeschaltet werden. Bemerkenswert ist übrigens auch, daß die Prüfungsbeamten nicht die geringste juristische Vorbildung zu haben brauchen, und somit ihre Kenntnis des Strafgesetzbuchs doch zum mindesten anzuzweifeln ist.

Das wären die wichtigsten kritischen Einwendungen, die gegen das neue Kinogesetz zu erheben wären. Die wichtigsten, aber bei weitem noch nicht alle. Auch die Härten der Strafmaßnahmen, die alle Vergehen gegen das Gesetz bedrohen, können nur geeignet sein, den Beruf des Kinobesitzers herabzusetzen. In diesen Strafmaßnahmen vermißt man vor allen Dingen die Konzession der Fahrlässigkeit, so daß auch versehentliche Vergehen der strengen Ahndung vorsätzlicher Vergehen unterliegen.

Jedenfalls kann nach der Annahme des Kinogesetzes in seiner jetzigen Form nur voll Bedauern festgestellt werden, daß in der ganzen Nationalversammlung offenbar kein einziger Freund des Kinos sitzt, jedenfalls keiner, der offen eine Lanze für dieses Stiefkind unserer Industrie gebrochen hätte. Man hat sich zum Richter aufgeworfen, wo man ein verständnisvoller Führer hätte sein sollen. Das ist die traurige Lehre jenes für die deutsche Kinoindustrie so unheilvollen 15. April 1920.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung vom 26.4.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Film#/media/Datei:CABINETOFDRCALIGARI-poster.jpg