100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Weißer Schrecken“ in Thüringen

Der Kapp-Putsch löste in ganz Thüringen Zusammenstöße zwischen Reichswehrtruppen und bewaffneten Arbeiterwehren aus. Aber nicht nur die Kämpfe selbst, sondern auch Kriegsverbrechen fordern Hunderte Opfer. Besonders grausam waren die Ereignisse in Mechterstedt, wo 15 Männer, die überhaupt nicht in Kämpfe verwickelt waren, von einem studentischen Zeitfreiwilligenverband ermordet wurden.

Gedenktafel an der Marburger Universität, die 2019 eingeweiht

Der Proletariermord in Bad Thal

Wir haben schon zwei Meldungen über den 15fachen Mord an Thaler Einwohner veröffentlicht. Nun endlich erreicht uns ein ausführlicher Bericht, der zugleich gegen alle bürgerlichen Verschleierungsversuche energisch Front macht. Wir geben ihn ungekürzt wieder.

Der weiße Schrecken in Thüringen.

Der Erschießung von 15 Arbeitern liegt folgender Sachverhalt zu Grunde. Zwei Stunden von Eisenach liegt die zum Freistaat Gotha gehörige Enklave Bad Thal (Thüringen). Der Ort zählt nicht mehr als 800 Einwohner; die Bevölkerung sucht zum überwiegenden Teil ihren Verdienst in der Thaler und Ruhlaer Industrie. Politisch gehören die Arbeiter zum überwiegenden Teil der Unabhängigen Sozialdemokratie an, von einer „kommunistischen“ Organisation ist überhaupt keine Rede.

Am Abend des 25. März wurde Bad Thal, obgleich es eine Stunde abseits liegt von der Straße Eisenach–Gotha von einer Militärkolonne, die auf zwei Autos angekommen waren, heimgesucht. Ein Kraftwagen war bestückt mit einem Abwehrgeschütz, auf dem zweiten war ein Maschinengewehr aufmontiert. Die Herrschaften führten eine Liste bei sich, auf der die „Spartakisten“ verzeichnet standen; zuvor aber erkundigte man sich bei den Bewohnern einer Villa, die erst vor ungefähr drei Wochen zugezogen sind und von denen ein Sohn Offizier ist. Aus den Fenstern der Villa wurde den angekommenen Militärputschisten auch einige Male der Name „Aschmann“ zugerufen. Dieser Mann aber entging der Banditenbrut, weil er in seiner Wohnung nicht anwesend war.

Die in Soldatenuniform steckenden Verbrecher waren stark bewaffnet, suchten angeblich nach Waffen, die natürlich nicht gefunden wurden und verhafteten alsdann die Arbeiter: Ernst, Karl und Heinrich Füldner, Albert und Karl Schröder, Otto und Gustav Soldau, Reinhold Steinberg, Alfred Rößiger, Alexander Hartmann, Otto Patz, Gustav Wedel, Rudolf Rosenstock, Paul Döll, Karl Hornschuh.

Die Verhafteten wurden auf einen Leiterwagen geladen, dieser an einen Kraftwagen angehängt und nach dem an der Landstraße gelegenen Dorfe Sättelstädt gebracht. In einer unmenschlichen Weise sollen die Verhafteten bereits in diesem Dorfe mißhandelt worden sein. Am Freitag, den 26. März, setzte die Kolonne ihre Fahrt nach Gotha fort. Einige hundert Meter vom Orte entfernt, erschoß man bereits den ersten, einige hundert Meter weiter, zwei Verhaftete. Die übrigen führte man durch den Ort Mechterstedt und schlachtete sie der Reihe nach in Abständen von 150 bis 200 Metern einzeln ab. Von einem regelrechten Erschießen kann nicht geredet werden. Einige der den Banditen in die Hände gefallenen Arbeiter sind derartig unkenntlich, daß ihre Personalien nur an der Kleidung festgestellt werden konnten. In einigen Fällen fehlt der halbe Kopf. Einige der Gemordeten weisen übrigens auch Bajonettstiche auf, so daß gefolgert werden muß, die Leute haben sich geweigert, die Landstraße zu verlassen und daß man sie mit dem Bajonett in die Flucht trieb, um sie alsdann auf den an der Landstraße entlang laufenden Ländereien zu erschießen, Die Körper sind im wirklichen Sinne des Wortes geschändet. Ein Vertreter der in Gotha stationierten Truppen glaubte die Verwundungen auf die Wirkung von Explosivgeschossen zurückführen zu müssen.

Warum die Leute verhaftet wurden, ist wohl bis heute noch nicht festgestellt. Von der maßgebenden militärischen Stelle wurde mitgeteilt, daß ein Befehl zur Verhaftung der Leute nicht gegeben worden sei! Der Führer der Kolonne habe lediglich zur „Sicherung“ seiner rechten Flanke die Verhaftungen vorgenommen. Auch diese Darstellung ist Lüge, denn dazu braucht man nicht nach Bad Thal zu gehen; zumal in der Entfernung von der Landstraße nach dort noch einige andere Orte dazwischen liegen. Nach einer anderen Meldung sollen die Gemordeten beteiligt gewesen sein an Streifzügen nach den umliegenden Ortschaften zur Beschlagnahme von Waffen. Auch diese Darstellung ist erlogen. Von Karl Füldner, Reinhold Steinberg und Alfred Rößiger wissen wir bestimmt, daß bei ihnen eine solche Beschuldigung nicht zutrifft. […]

Es ist sicher keine Ausnahme, wenn sich auf diesen Aufruf die deutschnationalen Studenten aus Marburg wohl samt und sonders zum Eintritt meldeten. In Wegen mit schwarz-weiß-roten Fahnen geschmückt, rückte man im Thüringer „Aufstandsgebiet“ ein. Jeder Mensch, der sich durch die militärischen Lügennachrichten über die angebliche Schreckensherrschaft der „Spartakisten“ in Thüringen nicht hatte einfangen lassen; jeder, der die Tatsachen kannte, konnte ahnen, was kommen würde. Und wahrlich, in den Vorahnungen sind wir nicht getäuscht worden. Die nach Thüringen eingeführten deutschnationalen Jünglinge haben sich gerächt an der thüringer Arbeiterschaft, die in vielen Fällen den Anhängern der Kapp-Putschisten die verdiente Niederlage bereitet haben. Als Dank für die Unterstützung, die die thüringer Arbeiterschaft der Republik leistete, wurden hunderte Unschuldige erschossen und ermordet. Die „Kommunistenherrschaft“ ist beseitigt, die Militärputschisten haben gesiegt, gesiegt mit der verräterischen Hilfe von „Sozialdemokraten“. –

Die Arbeiterschaft Suhls und Umgegend bildet schon immer einen starken verläßlichen Stützpunkt des klassenbewußten Proletariats Mitteldeutschlands. Auch in den verflossenen Kämpfen gegen die wildgemachten putschistischen Reichswehrtruppen haben die Suhler Arbeiter restlos ihr Bestes getan. Nachdem der Truppenübungsplatz Ohrdruf erledigt, die dortige Garnision nach Gotha geflüchtet war, eilten die Suhler Arbeiter den bedrängten Proletariern Gothas zu Hilfe. Erbitterte opferreiche Kämpfe haben dort stattgefunden, bei denen 74 Genossen gefallen sind. Die Truppen wurden zurückgedrängt und zogen sich auf die Fliegerwerft zurück, sie hißten die weiße Flagge zum Zeichen, daß sie sich ergeben wollten. Daraufhin wurden 30 Abgesandte des kämpfenden Proletariats zu Verhandlungen ins Lager der Reichswehrtruppen gesandt, sie sind nicht zurückgekehrt, sondern wie tolle Hunde erschlagen worden. Von unseren Genossen wurde die Fliegerwerft erstürmt und die Noskiden in der Richtung auf Erfurt zurückgeschlagen. Aber nicht dauernd konnten die bewaffneten Arbeiter ihre errungene Position halten. Neue Verstärkungen der Reichswehrtruppen zwangen die Arbeiter zum Rückzug. Gotha und Ohrdruf gingen verloren. Eine Position nach der andern mußte aufgegeben werden und immer enger wurde der Kreis der auf Suhl rückenden Truppen. In welcher schamloser Weise die Arbeiter behandelt werden, zeigt unter anderen weißen Schreckensbildern ein Vorfall in Gräfenhain. Die Arbeiter wurden dort aufgefordert, zur Arbeit zu geben. Als die Arbeiter in den Fabriken waren, wurden diese von den Noskiden umstellt und alle darin befindlichen Arbeiter, soweit sie sich nicht durch schnelle Flucht retten konnten, verhaftet und schwer mißhandelt. Suhl ist noch nicht besetzt von Truppen aber vollständig eingekreist. Durch Verhandlungen mit Berlin konnte die vollständige Besetzung zunächst verzögert werden; ob sie verhindert werden kann, steht noch nicht fest. Die blutrünstige Soldateska wartet natürlich brennend darauf, sich auf die Suhler Arbeiter werfen zu können, Rache zu nehmen für die Niederlage in Gotha. Als nun endlich (nachdem das Kind im Brunnen liegt) das Standrecht für Westthüringen aufgehoben ist, so sind bekanntlich die Suhler Arbeiter nicht mehr der Soldateska hilflos ausgeliefert. Mag die Regierung in Berlin nun zeigen, ob sie den Willen und die Macht hat, den Arbeitern denen sie ihren Sieg verdankt, weiter unnötige Kämpfe zu ersparen.

Quelle:

Neue Zeitung. Unabhängiges Sozialistisches Organ vom 4.4.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Morde_von_Mechterstädt#/media/Datei:Marburg_Morde_von_Mechterstädt_Gedenktafel.jpg