100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Wo steht die Bauernschaft?

In den 1920er Jahren sind noch Millionen in der Landwirtschaft beschäftigt. Dementsprechend wichtig ist die Bauernschaft als Wählergruppe, doch die demokratischen Parteien tun sich sehr schwer mit der Umwerbung der Landbevölkerung. In ihrer großen Mehrheit neigt diese konservativen bis rechtsradikalen Parteien wie der DNVP zu. Hier legt Ernst Höfer, der spätere Fraktionsvorsitzende des Thüringer Landbundes, die wirtschaftpolitischen Gründe für die Rechtstendenz der Bauern dar.

Vereinshaus des Landbundes in Meißen

Aus dem Thüringer Bauernbunde.

Der große Bauerntag zu Weimar. Am 20. April, nachmittags um 3 Uhr, fand im „Viktoriagarten“ der angekündigte große Bauerntag des Thüringer Bauernbundes Weimar statt. Wer irgendwie konnte, war an diesem Tage von seinem stillen Dorfe zur Stadt gepilgert, und so faßte der Saal kaum die große Menge der Erschienenen, und wenn einer vor der Zeit die Versammlung verlassen mußte, kam bereits ein Ersatzmann zur Tür herein. So kann man wohl sagen, daß rund 1.000 Bauern zum großen Bauerntag der Stadt gekommen waren. Nachdem der Bundesvorsitzende die Versammlung eröffnet und in großen Zügen auf das hingewiesen hatte, was uns Landwirte jetzt besonders bewegt und uns nottut, erteilte er dem Abgeordneten des Thüringer Volksrat und Vorsitzenden des Thüringer Bauernbundes Gutsbesitzer E. Höfer (Meiningen) das Wort zu einem Vortrag über unsere gegenwärtige wirtschaftspolitische Lage und den Wiederaufbau der Landwirtschaft. Der Abg. E. Höfer war gerade von Berlin zurückgekommen, wo Einigungsverhandlungen innerhalb der deutschen Landwirtschaft stattgefunden hatte. In fesselnden Ausführungen, denen der überfüllte Saal, der besetzt war bis hinauf zu den Galerien, atemlos lauschte, führte der Vortragende die Zuhörer hinein in die Misere unserer gegenwärtigen wirtschaftspolitischen Verhältnisse. In einem Buch über die Revolution 1848 hieße es: „Die Regierung versagt, der Pöbel beherrscht die Straße, das Bürgertum schläft.“ Es gäbe viele, und ihre Zahl würde immer größer, wie wir sie in unserem jetzigen „Freiheitsjahrhundert“ haben. Die Eisenbahn wiese nun glücklich eine Unterbilanz von 12 Milliarden auf. Obwohl sie doch der sozialisierte Betrieb sei und man Lehren daraus ziehen müßte, bleibt die Sozialisierung nach wie vor nach wie vor der Traum der Sozialisten. Vielleicht hieße es am Ende auch, wenn durch derartige Bestrebungen unser Wirtschaftsleben vollkommen ruiniert wäre: „Die Operation ist gelungen, aber der Patient ist tot.“ Durch die hohen Steuern wurde, ohne daß sich weite Kreise dessen bewußt würden, allmählich unser Besitz auf zwanglose Art und Weise zu sozialisiert. Die wahllos gewährte Arbeitslosenunterstützung wurde hierauf gestreift, als einer der Krebsschäden unserer Wirtschaftspolitik. Die gegenwärtige Machtverteilung der Regierungsgewalt sei auch recht bemerkenswert. Es gäbe drei Regierungen: 1. die sogenannte, 2. die Nebenregierung, ausgeübt durch die Gewerkschaften und 3. die eigentliche Regierung, die Entente, der gegenüber die sogenannte den Wert etwa einer Telephonzentrale habe. Der Generalstreik, den, Gott sei’s geklagt, auch unser demokratisches Bürgertum mit Inbrust propagiert habe, hätte besonders für unsere Thüringer Landwirtschaft schwerwiegende Folgen gehabt, da die Saatkartoffelauslieferung, die doch so dringend nötig sei, unterbunden und so sehr verzögert sei, daß die Kartoffeln vier Wochen und länger unterwegs blieben und in zum Teil verdorbenem und unbrauchbarem Zustand in Thüringen angekommen seien. – Von ausschlaggebender Bedeutung für Sein und Nichtsein der Landwirtschaft seien vor allem die demnächst erfolgenden Reichstagswahlen. Wir hätten 3 ½ Millionen selbständiger Landwirte. Rechneten wir davon 2 Millionen für uns und multiplizierten diese Zahl mit dem Durchschnitt der Wählerschaft eines Hausstandes, nämlich 3, so ergäbe das 6 Millionen Stimmen oder 100 Abgeordnete fürs Parlament. Es wäre durchaus nicht unmöglich, diese Zahl zu erreichen. Aber dazu gehöre Einmütigkeit, Opferfreudigkeit und Begeisterung seitens der Bauern. Wie sabotierend das gegenwärtige System wirke, ließe sich mühelos an unzähligen Beispielen erläutern. Den Landwirten zahle man erst ganz niedrige Getreidepreise, jetzt gewährte man eine Nachzahlung, aber schon steigerte man andererseits die Düngerpreise ins Ungemessene. Drei- bis viermal soviel als der Getreidepreis sei der des künstlichen Düngers, während der Bauer im Frieden für 1 Zentner Getreide 1 Zentner Dünger erhalten habe. – Behielte man das gegenwärtige System bei, so käme man unweigerlich bei der extensiven Wirtschaftsform an, was eine noch größere Produktions-Verminderung unserer wichtigsten Nahrungsmittel bedeuten würde. Worauf man hinauswolle mit allen Verfügungen und Verordnungen, habe blitzartig eine Denkschrift zu erkennen gegeben, die die Regierung insgeheim verbreitet hatte. Geradezu einer Verewigung der Zwangsbewirtschaftung des Fleisches sei darin das Wort geredet, und zwar mit einer Beweisführung, die alles bisher Dagewesene weit in Schatten ließe. Der gesamte Viehhandel und –Verkauf solle in die Hände des Staates durch die Landesfleischämter und entsprechende Unterbehörden und Viehverwertungen gebracht werden, wobei Kataster, „Standesämter“, sogar für Schweine eingerichtet werden sollten. Der Vortragende griff hierbei zurück auf einen Antrag, den er in seiner parlamentarischen Tätigkeit erlebt habe, ebenfalls bezüglich Schweinekataster. Er hätte erklärt, sich damit einverstanden zu erklären, nur mache er zur Bedingung, daß dann auch die Ziegen und Karnickel registriert würden. Jedenfalls hat diese aufgefundene Denkschrift wieder einmal deutlich erkennen lassen, wohin die Reise in unserer ganzen Politik geben solle. Wir Bauern seien bereit, alles hinzugeben, um die Ernährung des Volkes sicherzustellen, müßten aber andererseits fordern, daß dafür auch unsere Bedürfnisse berücksichtigt würden. Am schnellsten würden unsere Forderungen durchgesetzt werden, wenn wir ein Parlament mit starker Vertretung unserer Wirtschaftsgruppe bekämen. Deshalb auch müßte bei den kommenden Wahlen jeder restlos seine Pflicht erfüllen. – Es würde zu weit führen, alle die Höhepunkte des Vortrages eingehend zu würdigen. Jedenfalls belohnte anhaltender, rauschender Beifall den Redner beim Schluß seiner Ausführungen. […]

Quelle:

Thüringer Tageszeitung vom 22.4.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Landbund_(Deutschland)#/media/Datei:22112-Meißen-1922-Bezirkslandbund,_Mitgliedskarte-Brück_&_Sohn_Kunstverlag.jpg