100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Afrika – menschenleer?

Deutschland musste alle Kolonien an die Ententemächte abtreten, aber die Erinnerung an den vergleichsweise kurzen Kolonialbesitz ist nach wie vor präsent. Dieser romanhaft gehaltene Text entwirft ein Bild Deutsch-Ostafrikas – das heutige Tansania – ohne Bewohner, wenn man vom einheimischen Begleiter des Europäers absieht. Die Tierwelt ist dafür umso besser für die Projektion eigener Gedanken. So konfliktfrei waren die deutschen Kolonien selbstverständlich nicht. Blutige Auseinandersetzungen waren auch in Deutsch-Ostafrika an der Tagesordnung.

Angriff deutscher Kolonialtruppen und einheimischer Hilfstruppen (Gemälde von 1896)

Takalala.

Skizze aus Deutsch-Ost-Afrika von Herbert Dorendorf.

(Nachdruck verboten.)

Nachts um 3 Uhr war ich am Rusiji aufgebrochen und marschierte nach Takalala – Behobeho. Die Büchse hatte Ruhe, denn es war Jagdreservat. Die Stille der Nacht wurde nur ab und zu vom Brüllen der Flußpferde unterbrochen. Schweigend suchte jeder den Fußweg, um sich nicht die große Zehe an Steinen oder Wurzeln zu stoßen. Endlich wurde es dämmrig. Takalala ist nahe, flüsterte der Führer. Bald treten wir aus dem Wald heraus – eine freie baum- und graslose Ebene von weißem Sand dehnt sich vor uns. Mitten drin ein schilfumwachsener See, über den kaum abgehoben von den weißen Nebeln ein Flug weißer Reiher der Sonne entgegenstrebt. – Die ganze Ebene, die früher, vor tausend Jahren, mal ganz unter Wasser stand, ist eingefaßt von niedrigen bewaldeten Hügeln.

Takalala (ich möchte schlafen) heißt der Ort, aber kein Haus, kein Mensch lebt dort, denn das Wasser ist ungenießbar. Ein helles klares Bächlein fließt mitten durch, aber als ich trinken will, riecht es nach Schwefel und schmeckt salzig, fade. – Mbaya sana (sehr schlecht) bemerkte der Führer. – Takalala, ich möchte hier schlafen, aber ohne Wasser geht’s nicht. – Dein Frieden, diese atemberaubende Totenstille der Wildnis, ich möchte sie mal wieder fühlen.

Der Himmel rötet sich mit tropischer Schnelligkeit strahlen die ersten Lichter über die Dämmerung, die über der Erde liegt. Mitten drin steht ein einsamer alter Gnubulle, kohlschwarz hebt er sich in der Morgendämmerung vom weißen Boden ab, den Kopf trotzig gesenkt, der Schweif schlägt rechts und links, und wütend werfen die Vorderhufe den Sand auf. Ein Bild der Kraft und des Trotzes.

– Sechzig Meter davon steht eine Hyäne ganz ruhig und still, regungslos wie das Schicksal, nur mit den schiefen, falschen Augen nach dem Gnu schielend.

Der Bulle ist wütend, er fürchtet sich nicht, aber er will allein sein; der Aasgeruch der Hyäne verdirbt ihm die frische Morgenluft. Er scharrt den Boden, geht einige Schritte auf den Schieläugigen zu. Ebensoviel geht die Hyäne zurück. Der Bulle steht still und schnauft vor Wut. Der Schieler steht auch still und rührt sich nicht.

Eine halbe Stunde sah ich dem ernsten Spiel zu, dann störte ich sie. Flüchtig gingen beide ab, vor’m Waldrand machte die Hyäne nochmals halt und hellauf klang ihr Lachen in den lachenden Morgen.

– „Freund, deine Kraft und deinen Trotz bricht das Alter, es kommt die Nacht, in der das Aasgesindel über dich triumphiert – dem, der warten kann, gehörst du – auf Wiedersehen, Freund!“

Quelle:

Jenaische Zeitung vom 7.8.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00277666/JZ_Jenaische_Zeitung_169419428_1920_08_0036.tif

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsch-Ostafrika#/media/Datei:Eckenbrecher_Tropische_Landschaft_in_Deutsch-Ostafrika.jpg