100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Auf, auf zum Kampf

Der Polnisch-Sowjetische Krieg nähert seinem Höhepunkt. Die Rote Armee steht kurz vor Warschau. Für die linkssozialistische Neue Zeitung aus Jena ein Grund zum Feiern. In diesem Artikel werden die bisherigen militärischen Erfolge und die vermeintliche Humanität der Sowjettruppen betont.

Antipolnische Propaganda

Der Bolschewistenschreck.

Es gibt einen positiven und einen negativen Bolschewistenschreck. Der positive, der wirklich da ist, der ist den Polen und der Entente ganz gehörig in die Glieder gefahren, und der negative, der nicht da ist, ist unserer Bourgeoisie durch die Lappen gegangen. Sie kann ihn nun leider nicht mehr als Aushängeschild zum Bangemachen für kleine Kinder verwenden. Diese von dem Kapitalismus so furchtbar gehaßte Sowjetregierung straft alle mit noch so großer Sicherheit aufgestellten Behauptungen der Bourgeoisiestrategen der glänzendsten Lüge. Zu letzteren gehört auch der Talmitstratege des „8 Uhr-Abendblattes“, Herr Gothein, der vor einigen Tagen die Behauptung aufgestellt hat: „Die große russische Heereswelle führt den Krieg weniger im modernen Stil als in dem der Völkerwanderung.“ Nach den weiteren Ausführungen des Oberstrategen Gothein haben die Russen diese Leistungen nur möglich gemacht durch die Pferdemassen der Donkosaken.

Zur Beurteilung für die Leistungen des russischen Heeres einige wenige Zahlen: Vom Don-Gebiet bis Wilna sind in der Luftlinie rund 1.200 Kilometer, von Minsk bis Moskau 900 Kilometer. Die Front des russischen Heeres bei Beginn der Operationen von Dünaburg bis südlich Kiew beträgt in der Luftlinie etwa 700 Kilometer. Wenn man bedenkt, daß Sowjet-Rußland von den Polen mitten im Frieden ganz hinterrücks überfallen wurde und die russischen Arbeitsarmeen schnell in Kampfarmeen verwandelt und dann an die Front gebracht wurden, so ist das nach einem unter den schwersten Erschütterungen vom zaristischen Regime verlorenen Kriege geradezu eine glänzende Leistung des Sowjetsystems und der Volksregierung. Der Aufmarsch der Armeen, die Bewaffnung der Truppen, die Sicherstellung von Munition und Verpflegung der immerhin doch recht beträchtlichen Massen weisen darauf hin, daß die Ordnung im bolschewistischen Rußland eine sehr viel größere und intensivere ist als die Wirtschaftshilfe des Herrn Stinnes u. Co. dem deutschen Bürger weißzumachen versucht.

Und was hatten die russischen Armeen beim Vormarsch schon für Leistungen hinter sich. Von Kiew bis Kowno sind in der Luftlinie 300 Kilometer, von Minsk nach Baranowitschi 140 Kilometer, von Wilna nach Bialystok 240 Kilometer. Diese Strecken haben sie unter stetem Kampf überwunden. Parademärsche sind das doch nicht gewesen!

Und mit welchem strategischen und taktischem Geschick sind die Kämpfe bis jetzt durchgeführt worden! Wenn auch keine genaueren Nachrichten über die einzelnen Kämpfe vorliegen, so ist allein das schon ein Beweis dafür, daß auf polnischer Seite alle Vorteile gegeben waren gegenüber einer Menge von Nachteilen auf russischer Seite.

Polen hat die Unterstützung der Entente nach jeder Richtung. Französische Offiziere fechten in ihren Reihen, die Russen waren ganz auf sich gestellt. Aber alle den Polen günstigen Umstände wurden auf russischer Seite wettgemacht durch das Bewußtsein, daß der russische Soldat und Bauer stritt, focht und starb für das Allgemeinwohl, für das Volk in seiner Gesamtheit, und nicht für die Kapitalistenklasse.

Und welche Disziplin muß in der russischen Armee herrschen! Es ist nicht die Disziplin, die durch die Knute aufrechterhalten wird, sondern die aus Ueberzeugung und aus freiem Willen hervorgegangene Unterordnung. Wenn dies anders wäre, dann hätten die Polen schon längst für Verbreitung aller Schreckensnachrichten reichlich gesorgt und alle freien Mauerflächen und Zäune strotzen schon in Berlin von den schrecklichen Bolschewistengräueln.

Statt dessen muß die Presse berichten: „Heute früh traf – ebenfalls beim Schlagbaum Prostken – anscheinend in der Verfolgung der Polen eine Schwadron bolschewistischer Kavallerie ein, die aber, ohne die Grenze zu berühren, in südlicher Richtung abzog.“ Mit sauersüßer Miene wird dann weiter mitgeteilt, daß die „Lycker Zeitung“ meldet, daß von einer Erregung in Lyck nichts zu spüren sei, die Stadt sei völlig ruhig. Trotz aller Verhetzung traut man in Ostpreußen den Truppen Sowjet-Rußlands mehr als der Soldateska des ehemaligen zaristischen Reiches. In einer vom versöhnenden Gedanken der Weltverbrüderung getragenen Armee kann auch gar nicht die Zerstörungswut und Vernichtungsmanie vorherrschen wie in einem vom imperialistischen Geist durchseuchten Heer.

[…]

Für Polen bleibt also der einzige Ausweg der Waffenstillstand. Die strategischen Künste des Marschalls Foch werden daran nichts ändern können. Es ist selbstverständlich, daß sich Rußland die Sicherungen schaffen muß, von Polen nicht wieder angegriffen zu werden. Dazu ist es angesichts des ganzen bisherigen Verhaltens Polens geradezu verpflichtet. Es wird dabei auch verhindern müssen, daß die Entente ihre Treibereien fortsetzt und Polen als Aufmarschgebiet gegen Sowjetrußland betrachtet.

Quelle:

Neue Zeitung vom 5.8.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Polnisch-Sowjetischer_Krieg#/media/Datei:Polish-soviet_propaganda_poster_20Y.jpg