100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Burschenschaftler gegen schwarz-rot-gold

Die Burschenschaften Deutschlands und Österreichs veranstalten auf der Wartburg in Eisenach ihren traditionsreichen Verbandstag. Seit 1902 existiert dort ein repräsentatives Burschenschaftsdenkmal. Der Weimarer Republik gegenüber sind die Burschenschaften aber nicht aufgeschlossen. Die schwarz-rot-goldene Flagge wird als Reichsfahne abgelehnt, da sie in den Augen der Burschenschaften nur einem Großdeutschland (inkl. Österreich) vorbehalten wäre. Die Ablehnung der Republik wird auch in der Hauptrede des Tages mehr als deutlich.

Burschenschaftsdenkmal in Eisenach

Deutscher Burschenschaftstag.

Eisenach, 7. Aug. Buntbewegtes studentisches Leben und Treiben durchflutete in diesen Tagen wieder einmal die Straßen der Wartburgstadt. Zu ernster umfangreicher Arbeit sind die Vertreter der 152 burschenschaftlichen Verbindungen der deutschen Universitäten, der technischen Hochschulen und der österreichischen Burschenschaften mit zahlreichen Alten Herren aus allen Gauen Deutschlands im „Fürstenhof“ zusammengetreten. Den Vorsitz führte die „Germania“ (Jena). Begrüßungsansprachen hielten außer dem Präsidenten, Rechtsanwalt Dr. Höhne (Germaniae-Jena), Rechtsanwalt Wedemann-Eisenach und Dr. Haupt, „Germaniae“-Gießen, der besonders den burschenschaftlichen Vertretern der Ostmark herzliche Worte der Begrüßung widmete und seiner Freude über den endlichen Zusammenschluß der deutschen und österreichischen Burschenschaften Ausdruck lieh. In einer von warmer Liebe und glühender Begeisterung für das gemeinsame deutsche Vaterland getragenen Ansprache dankte ein Vertreter der „Styria“ (Graz).

Am Kommersabend entbot Bürgermeister Schneider der Tagung den Willkommensgruß der Wartburgstadt unter Bezugnahme auf die vielseitigen festen Bande, welche die Deutsche Burschenschaft mit Eisenach für alle Zeiten unzertrennlich verbinden. Die Hauptrede des Abends hielt Prof. Dr. Heyk (Frankoniae-Heidelberg). Redner gab in tiefgründiger Rede einen großzügigen Ueberblick über die geschichtliche Entwicklung des letzten Kriegs und Friedensschlusses und beleuchtete die Gründe für die Notwendigkeit dieses Laufes der Ereignisse, die den Untergang Deutschlands zu besiegeln scheinen. Er zog eine Parallele mit Karthago, dessen Zerfall in dem Umstand wurzelte, daß die handelswirtschaftliche Entwicklung, die Sucht nach Gewinn und Reichtum, die Politik vollständig überwucherte. Genau so trat auch in Deutschland besonders während der letzten Jahre der großen handelspolitischen Erfolge die Politik völlig in den Hintergrund und verlor vor allem jeden ethischen Einschlag. Dennoch bieten sich hoffnungsvolle Ausblicke für die Zukunft, die sich allerdings in der Hauptsache auf das Vertrauen in die unverwüstliche Volkskraft gründen und vielleicht schon in absehbarer Zeit eine Gesundung von innen heraus herbeiführen. Allerdings muß hierbei der Gedanke, daß über dem Einzelnen Volk und Vaterland stehen, eine Neuauferstehung feiern und vor allen Dingen der Krebsschaden des wucherischen Eigennutzes ausgemerzt werden. Aufgabe der Burschenschaft ist es, hierbei dem deutschen Volk ein zuverlässiger Führer zu sein. Lebensvolle Schilderungen der durch den Schmachfrieden veranlaßten Leiden Deutsch-Oesterreichs, die dort bedeutend größer sind, als in Deutschland, gaben can. Med. Krainz („Sueviae“-Innsbruch) und Dr. Hassold („Teutoniae“-Prag).

Einen Höhepunkt der Tagung bildete die Feier am Burschenschaftsdenkmal. Sie wurde eingeleitet durch das Lied: „Ich hatt‘ einen Kameraden“ und den den Gefallenen gewidmeten ergreifenden Sang: „Auf grüner Heide“, seitens der Kurrende. Die Festrede hielt der Direktor der Landesbibliothek, Dr. Hopf aus Cassel („Derendingiae“-Tübingen). Redner widmete den für Ehre, Freiheit, Vaterland in den Tod gegangenen Burschenschaftern ergreifende Worte dankbaren Gedenkens, erinnerte an die Gefahren, die unserm Volke drohen, weil es weit davon entfernt ist, aus der Not der Zeit zu lernen, daß das Unglück uns einen und nicht noch weiter trennen sollte; mahnte daran, die geschichtliche Vergangenheit zu hüten, da ein Volk, welches sie preis gibt, verloren ist und da auch heute mehr denn je das Wort Eichendorffs Geltung hat: „Nimmer wird das Reich zerstöret, wenn ihr einig seid und treu!“ Die alten Burschenschafter des 20. Jahrhunderts von der Geschichte berichtet werden können, daß sie das, was die Väter ihre Zeit verstanden haben und unauslöschlich mit dem deutschen Volk und der deutschen Geschichte verankert blieben. – Unter dem gewaltigen Eindruck der packenden Worte sangen die Burschenschafter entblößten Hauptes das „Burschenlied“: „Schwört’s bei dieser blanken Wehre“.

Mit einer Wartburgfeier findet die diesjährige Tagung ihr Ende. Die Burschenschafter legten am Bismarck- und Fritz Reuter-Denkmal Lorbeerkränze mit schwarz-rot-goldener Schleife nieder und widmeten den gefallenen Helden einen Eichenkranz im Burschenschaftsdenkmal. – Ueber die wichtigsten Beschlüsse der Tagung, soweit sie die Oeffentlichkeit interessieren, berichten wir kurz nach Schluß der Tagung.

Quelle:

Jenaische Zeitung vom 9.8.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00277666/JZ_Jenaische_Zeitung_169419428_1920_08_0039.tif

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Burschenschaftsdenkmal#/media/Datei:Burschenschaftsdenkmal_07.jpg