100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Deutsche Söldner sind gefragt

Der Polnisch-Sowjetische Krieg steuert auf seinen Höhepunkt zu. Grund genug für die sich bekämpfenden Armeen neue Männer zu rekrutieren und ausgemusterte deutsche Soldaten gibt es tausendfach. Einfach ist der freiwillige Eintritt in die polnische oder die sowjetische Armee aber nicht. Der Versailler Vertrag verbietet dies ausdrücklich, wie dieser warnende Artikel ausführt.

"Zu den Waffen! Rettet das Vaterland!..."

Deutsche Reisläuferei.

Kriegsdienst in der roten und polnischen Armee.

-er. Berlin, 9. Aug.

Nach einem häufig wiederholten Worte leben in Deutschland seit dem Zusammenbruch 20 Millionen Menschen zuviel. Die Rechnung mag übertrieben sein, jedenfalls herrscht außerordentlich große Auswanderlust. Da dieser aber noch ganz gewaltige Schwierigkeiten entgegenstehen, besonders in Uebersee, versuchen es vorerst die auf deutschem Boden sich überflüssig fühlende Männer mit dem Kriegsdienst im nahen Ausland. Der russisch-polnische Krieg bot die erste Gelegenheit. Beobachter, die von der Ostgrenze kommen, erzählen, man mache sich keine Vorstellung, wieviel junge Leute sich freiwillig zur Roten Armee melden. Und zwar seien das nicht nur Polen, Ueberläufer, die vorher geflüchtet waren und jetzt zurückkehren, sondern Deutsche, und zwar meistens deutsche Arbeiter aus dem Rheinland. Mit jedem Schiff, das von Swinemünde nach Königsberg fährt, kämen zwei Dutzend rheinländische Arbeiter, die in die Rote Armee eintreten wollen. Ihre Pässe sind zwar vorschriftsmäßig visiert, aber sowohl die interalliierte Kommission als auch die deutschen Behörden verbieten den Grenzverkehr, so daß ein Ueberschreiten der Grenze nur auf Schleichwegen möglich ist.

Wie sich die Sowjetregierung zu dieser Reisläuferei, wie man das in der Schweiz nennt, verhält, ist nicht ganz klar. Die russischen Truppenführer werden gediente deutsche Leute wahrscheinlich recht gut gebrauchen können, und zwar soll die Zahl der in der Roten Armee kämpfenden deutschen Offiziere und Soldaten bedeutend sein. Wie steht es nun mit Polen? Es mehren sich in den Zeitungsredaktionen und auch an amtlichen Stellen die Zuschriften und Beschwerden, daß die Polen in Berlin und anderen großen Städten militärische Werbestellen hätten, von denen deutsche Reichsangehörige veranlaßt werden, sich dem polnischen Heeresdienst zur Verfügung zu stellen. Eine ganze Anzahl von Deutschen, die nach Polen wollten, um Arbeit zu suchen, hat es erlebt, daß man ihnen in Czenstochau erklärte, es gäbe keine Arbeit, sie müßten jetzt Soldaten werden. Deutsche Geschäftsleute, die Paßschwierigkeiten hatten, wurden von polnischer Seite aufgefordert, sich ohne weitere Formalitäten einem Transportzug nach Polen anzuschließen. Der Transportzug fährt aber schnurstracks in das Posener Fort Rauch, wo die k. v.-Leute eingekleidet, die andern, die nicht den Tornister tragen konnten oder wollten, als spionageverdächtig gequält und abgeschoben wurden. Also eine Menschenfalle, wobei zu bemerken ist, daß in der Posener Zitadelle zurzeit ungefähr 60 Deutsche als Geiseln sitzen, darunter Offiziere, Beamte und Kaufleute. Soll die Zahl dieser Unglücklichen durch neuen Zuzug vergrößert werden? Das polnische Generalkonsulat in Berlin leugnet auf Anfrage alles ab. Es hätte keine Werbestellen, sondern nur Zweigbüros. Dort würden sich allerdings deutsche Reichsangehörige massenhaft (?) zum Dienst in der polnischen Armee melden, aber alle Abteilungen der polnischen Behörden hätten strenge Anweisung, die Meldungen unter Hinweis auf Artikel 179 des Versailler Vertrages abzuweisen. In diesem Artikel 179 hat sich Deutschland allerdings verpflichtet, geeignete Maßnahmen zu treffen, um deutsche Reichsangehörige am fremden Heeresdienst zu hindern (mit Ausnahme der französischen Fremdenlegion!!), aber zu den geeigneten Maßnahmen fehlt in dem entwaffneten Deutschland die Macht. Die deutsche Regierung kann die Ostgrenze nicht so stark besetzen, daß die Kriegsdienstlustigen gehindert werden, einzeln auf Schleichwegen oder in gemischten Transporten hinüberzuwechseln. Soweit es ihnen gelingt, beziehungsweise soweit es den Kriegführenden gelungen ist, sie hinüberzulocken, stehen diese Deutschen unter dem Völkerrecht des fünften Abkommens der Friedenskonferenz von 1907, das Außenminister Dr. Simons kürzlich in seiner Erklärung über die deutsche Neutralität erwähnt hat. Der Neutrale, der freiwillig Kriegsdienst in der bewaffneten Macht einer der Parteien nimmt, darf, wenn er gefangen genommen wird, nicht strenger behandelt werden, als ein Angehöriger des anderen kriegführenden Staates. Ja, z. B. die Leistung von polizeilichen oder Zivilverwaltungsdiensten ist keine unneutrale Handlung zugunsten eines Kriegführenden.

Trotz dieses verhältnismäßigen Schutzes kann allen Abenteuerlustigen nur geraten werden, die Finger vom fremden Kriegsdienst zu lassen. Es kommt nichts Gutes dabei heraus, weder für sich selbst noch für die Regierung ihres Vaterlandes, die wahrlich internationale Schwierigkeiten genug hat.

Quelle:

Jenaische Zeitung vom 10.8.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00277666/JZ_Jenaische_Zeitung_169419428_1920_08_0043.tif

 

Bild:

https://en.wikipedia.org/wiki/Polish%E2%80%93Soviet_War#/media/File:Polish-soviet_propaganda_poster_1920_Polish.jpg