100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Ein heißer Sommer dank der KPD

Nachdem im März das Reich von einem Rechtsputsch erschüttert wurden, haben nun wieder die Linksradikalen Oberwasser. Die Versorgungslage und damit zusammenhängende Streiks ermöglichen den Kommunisten größere Menschenmengen zu mobilisieren. In Zittau spitzte sich die Lage zu einem Putsch gegen den Bürgermeister Wilhelm Külz (1875-1948, DDP) durch, der nach seiner Entmachtung von der Reichswehr wieder eingesetzt werden musste. Auch nach 1945 wird sich Külz im kommunistischen Ostdeutschland politisch engagieren.

DDR-Gedenkmarke für Külz

Die Vorgänge in Zittau.

In der Volksversammlung am Montag wurden folgende Forderungen beschlossen: 1. Die Sicherheitspolizei hat nach ihrer Entwaffnung abzuziehen. 2. Sämtliche Polizei- und Reichswehrorganisationen sind aufzulösen. 3. Die sächsische Regierung hat abzutreten und ist durch eine Räteregierung zu ersetzen, an der nur Arbeiter teilnehmen dürfen. 4. wird damit gedroht, den Generalstreik fortzusetzen, bis die Forderungen erfüllt sind. Sollte bis abends 8 Uhr keine Antwort oder eine ablehnende Antwort eintreffen, so wird damit gedroht, den Generalstreik auch auf die lebenswichtigen Betriebe, das Wasserwerk und das Gaswerk auszudehnen. Das Lockwitzer Werk ruht bekanntlich. Ferner wird mit einer Verhinderung des Eisenbahnverkehrs gedroht.

Allerorten machte sich jetzt eine Erbitterung über diesen Terror geltend. So haben auch die städtischen Beamten und Kleinhändler getagt. Die Verhandlungen der Kleinhändler wurde jedoch durch die sogenannten Ordner mit den roten Armbinden aufgelöst.

Die Nachrichtenstelle der Staatskanzlei teilt mit: Bei der Bevölkerung scheint noch Unklarheit darüber zu herrschen, weshalb die von der Regierung aus Anlaß der Zittauer Vorgänge vorgenommenen Sicherheitsmaßnahmen auch auf den Löbauer Bezirk ausgedehnt worden sind. Sie waren nur deshalb notwendig, weil die Amtshauptmannschaften Zittau und Löbau ein einheitliches Wirtschaftsgebiet sind und ihre Grenzen ineinander übergehen. Die Regierung hat jedoch den Zivilkommissar, der für diese Tage die höchste vollziehende Gewalt hat, angewiesen, über, wo Ruhe und Ordnung herrscht, in denkbar schonendster Weise vorzugehen, so daß die Bevölkerung der Orte von einem Belagerungszustand überhaupt nichts merken wird. Es wird ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß früher bei Verhängung des Belagerungszustandes der Militärbefehlshaber die oberste Gewalt ausübte und der Zivilkommissar nur Beirat war. Das Militär kommt aber jetzt nur für die Ausführung der Regierungsbefehle in Frage. Die volle Verantwortung für diese Anordnungen hat sich die Regierung selbst vorbehalten.

Der Oberbürgermeister von Zittau, der nach Dresden gefahren war, wird mit den Vortruppen der Reichswehr nach Zittau zurückerwartet, um die normale Lage wieder herzustellen. Der 15er Ausschuß, der sich die polizeiliche Gewalt angemaßt hat, herrscht noch immer. Er besteht aus drei Spartakisten, zwei Kommunisten, zwei Mehrheitlern als Vertretern des Gewerkschaftskartells und drei Unabhängigen sowie fünf in den Betrieben Erwählten, die den Linksradikalen angehören. Da die Ueberlandzentralen weiter stillliegen, sind mehrere hundert Fabriken und Werkstätten zum Feiern gezwungen. Die Mehrheit der einsichtigen Arbeiterschaft ist unbedingt gegen den Terror und gegen den Streik.

Die Eisenbahner haben am Dienstag morgen die Arbeit niedergelegt. Der gesamte Zugverkehr ruht. Die Züge von Dresden nach Zittau verkehren nur bis Niederroderwitz.

Die Unabhängigen finden sich mit den Zittauer Vorgängen in der üblichen Weise ab. Unter der Ueberschrift „Räteschwindel über Zittau“ schreibt die „Freiheit“: „Die bürgerliche Presse hat wieder einmal eine Fuhre gutes Futter erhalten. In Zittau in Sachsen fand Ende der letzten Woche im Anschluß an eine Versammlung eine Lebensmitteldemonstration statt. Die Sicherheitspolizei schoß ohne jeden Anlaß auf die friedliche Menge und verletzte zwei Personen schwer. Das hatte zur Folge, daß die überaus ruhige Bevölkerung in Wallung geriet und als Protest dagegen den Generalstreik proklamierte, der so lange fortgesetzt werden soll, bis die Schießerei durch Entfernung der Sicherheitswehr aus Zittau ihre Sühne gefunden hat. Die bürgerliche Presse nimmt diese Tatsache zum Anlaß, von Räteterror und dergleichen zu schwätzen. Die sächsische Regierung aber hatte nichts Eiligeres zu tun, als über Zittau und Löbau den Ausnahmezustand zu verhängen. Der ganze Vorgang zeigt, daß von gewisser Seite aus der Boden für die Durchführung des unerhörten Ausnahmegesetzes der Entwaffnung vorbereitet werden soll.“

Die Kommunisten dagegen haben vernünftigere Ansichten. Die „Rote Fahne“ schreibt: „Wir wissen nicht was in Zittau in Wahrheit vorgefallen ist, wohl aber wissen wir, daß die deutsche Arbeiterschaft in anderthalb Jahren Revolutionserfahrung es gelernt hat, daß man nicht in einem isolierten Orte durch einen Handstreich die Rätediktatur errichten kann.“

Hoffentlich folgen die Zittauer Abenteurer diesem Ratschlage der Berliner Kommunisten, ehe es zu spät ist.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 4.8.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273653/JVB_19200804_181_167758667_B1_002.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00371074

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_K%C3%BClz#/media/Datei:Stamp_Wilhelm_K%C3%BClz.jpg