100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Embedded Journalist in der Roten Armee

Dieser Sonderbericht des Journalisten Karl Brammer (DDP, später CDU) bietet einen detaillierten Einblick in den aktuellen Verlauf des Polnisch-Sowjetischen Krieges. Wie auch heute dient diese Form des eingebetteten Frontjournalismus aber vor allem der Propaganda für die Rote Armee, deren Vormarsch eindringlich geschildert wird.

Antipolnisches Plakat, 1920

Bei der Roten Armee.

Von ihrem nach der ostpreußischen Grenze entsandten Sonderberichterstatter Karl Brammer.

Im eroberten Lomsha.

Eine der ersten Maßnahmen, die nach der Besetzung Kolnos von dem Führer der Roten Truppen durchgeführt wurde, bestand in der Bildung eines revolutionären Komitees, das Vertreter des Proletariats von Kolno in sich vereinigte und dem auch Vertreter der Sowjet-Truppen angehörten. Derartige Komitees wurden von der Roten Armee in den meisten Ortschaften gebildet. Diese provisorisch gebildeten Sowjets übernahmen die Verwaltung, und die Rote Armee sparte dadurch Etappentruppen, wie denn überhaupt der Begriff der Etappe, so wie wir ihn im Weltkrieg kennen lernten, den Bolschewisten fremd ist. Ihr Ziel ist, so verkünden sie überall, wo sie hinkommen, durch Dekrete und Anschläge die Befreiung des polnischen Proletariats. Die Propagandisten der Roten Armee treten auch überall sofort in Tätigkeit. Wir können uns in Kolno selbst davon überzeugen; denn als wir am Morgen unser Hotel verlassen, sind die Häuser am Markt mit Plakaten bunt beklebt, auf denen in drastischer, nicht mißzuverstehender Art das Ende der Kapitalisten, der verhaßten „Burschuis“ (Bourgeois) dargestellt ist.

Der Stab der 34. Roten Schützenbrigade ist schon marschfertig, als der Kommandeur uns begrüßt und uns mitteilt, daß auch die Division den Wunsch hat, sich mit uns in Verbindung zu setzen. Wir haben dagegen nichts einzuwenden, da uns so ja die beste Gelegenheit gegeben ist, die Verhältnisse bei der Roten Armee kennen zu lernen. Nach einem herzhaften Frühstück, zu dem wir wiederum eingeladen werden, stellt der Stab uns einen Wagen mit einem Soldaten zur Verfügung, und wir machen uns auf die Reise zum Stabsquartier der 12. Schützendivision, […]. Während wir uns verabschieden, läuft gerade die Meldung ein, daß Lomsha vor drei Stunden von der Roten Armee besetzt worden ist. Begreiflicherweise löst die Meldung bei der Brigade großen Jubel aus, hatte doch der Warschauer Heeresbericht zwei Tage vorher gemeldet, daß der polnische Gegenangriff zur Wiedergewinnung der Linie Grasewo – Ossowiec im Gange sei. Die Antwort der Roten Armee darauf ist nun die Einnahme Lomshas.

Während der Fahrt auf der Straße Kolno – Stawiski vernehmen wir erneut die ernste Sprache des Krieges. Bereits am Tage vorher, auf dem Marsche nach Kolno, hatten wir aus nächster Nähe heftiges Infanterie- und Maschinengewehrfeuer vernommen, jetzt hören wir zum ersten Mal seit langer Zeit wieder den dumpfen Donner der Geschütze. Die aus dem Weltkrieg stammenden Heldengräber zu beiden Seiten der Landstraße, sowie die Trümmer der zerschossenen Kirche von Maly-Plock lassen bereits vergessene Bilder erneut auftauchen. Wenige Meilen von hier ist alles mit friedlicher Erntearbeit beschäftigt und nun zeigt uns hier das Gespenst des Krieges wiederum sein furchtbares Gesicht. Bei Maly-Plock verlassen wir die Chaussee und biegen in einen Feldweg ein. Unser Kutscher, ein Donkosak, weist auf die sandige Gegend und die ärmlichen Dörfer hin, und dann erzählt er von seiner schöneren südlichen Heimat. Der Kosak hat erst gegen die Bolschewiki gekämpft, nachdem diese aber ihr Unternehmen gegen die Donkosaken glücklich durchgeführt hatten, hat er sich auf die andere Seite geschlagen, denn er ist nun einmal nichts anderes als Soldat und der Krieg ist sein Lebenselement.

Im Laufe der Fahrt stoßen wir auf zahlreiche Rote Meldereiter, die den Stab des 8. Kavalleriekorps, der in der Nähe liegen soll, suchen. Karten haben sie nicht, und Karten können sie auch nicht lesen, so müssen sie sich kümmerlich damit behelfen, jeden „Towarisch“, der des Weges kommt, auszufragen. Bei Gorki stoßen wir auf die ersten polnischen Gefangenen, die während der Nacht eingebracht worden sind, und die nun nach hinten transportiert werden. Trotz der koketten blauen Tschapka und trotz der guten Uniformen, die deutsch dem Stoff nach die englische Herkunft verraten, machen die Gefangenen doch einen kümmerlichen Eindruck, denn es sind in ihrer übergroßen Mehrzahl meist junge Burschen von 17 und 18 Jahren. Man versteht schon, daß die kräftigen Gestalten, die wir bisher bei der Roten Armee gesehen haben, so überraschend schnell nach Westen vordringen konnten, denn mit kriegsgewohnten kräftigen Gegnern, die ihnen gleichen, haben sie es nicht zu tun gehabt. Hervorgehoben werden soll noch, daß die Roten Truppen sich aus den Gefangenen nicht viel machen. Sie sind nur unnütze Esser, man nimmt ihnen in vielen Fällen die guten Bekleidungsstücke ab und läßt sie, wenn sie eine gewisse Strecke zurückgeführt worden sind und bereit sind, in irgend einem Ort zu arbeiten, einfach laufen.

Gegen Mittag sind wir in Jedwabno. In den Straßen der Stadt schläft auf dem heißen Pflaster ein Rotes Infanterie-Regiment, das in der Nacht vor Lomsha gekämpft hat und nun zurückgezogen worden ist. Als wir nach dem Divisionsstab fragen, erfahren wir, was wir bereits auf Grund eigener Kriegserfahrungen ahnten, daß nämlich der Stab der 12. Division Jedwabno verlassen hat und sich bereits in Lomsha befindet. Also bleibt auch uns nichts übrig, als […] nach Lomsha zu fahren. Auf dieser Fahrt bemerken wir die ersten Spuren der Kämpfe um die Festung. Ein deutscher Heldenfriedhof ist um einige frische Gräber vergrößert worden. Kaukasische Schützen schlafen jetzt auch hier ihren letzten Schlaf, und wir sehen, daß auch die Bolschewiki ihren toten Kämpfern das christliche Kreuz am Grabe errichteten.

Vorüber geht es an verlassenen Stellungen, in der Ferne tauchen bereits die ersten Forts von Lomsha gedauert, die fast völlig von der Roten Truppen eingeschlossen war und zur Ehre der Verteidiger muß gesagt werden, daß sie sich nach Aussage der Sowjet-Truppen bis zuletzt tapfer gehalten haben. Noch in den Straßen der Stadt haben sie sich gewehrt und recht erhebliche Verluste hat es auf beiden Seiten gegeben. Schließlich blieb aber den polnischen Truppen doch nichts anderes übrig, als sich durchzuschlagen, ihre Geschütze konnten sie noch mitnehmen und nicht viel mehr als 100 Gefangene ließen sie in den Händen der Roten Truppen. Wer die Kämpfe um die Narewlinie im Jahre 1915 miterlebt hat, staunt über die geringe Zahl von Gefangenen, die wir damals machten. Ebenso merkwürdig wie dieser ganze Krieg ist ja auch die Tatsache, daß die Kämpfe um Lomsha im wesentlichen Infanterie- und Kavaleriekämpfe darstellten, daß diese starke Festung fiel, ohne daß Artillerie entscheidend eingegriffen hätte.

Die Landstraße führt zwischen den Festungsanlagen durch, die seinerzeit von uns wieder hergestellt sind, dann wird mit einem Schlage die Stadt Lomsha, die wunderhübsch auf der Höhe gelegen ist, sichtbar. Ueber den Fluß spannt sich die Brücke, die auch jetzt noch zur Erinnerung an den deutschen General den Name Scholtz-Brücke trägt und die ein deutsches Werk ist. Auf den Wiesen zu unserer Rechten sehen wir die ersten Toten. Dann holpert der Wagen auf dem schlechten Pflaster durch das Gewimmel und Gewirr der siegreichen Roten Truppen aufwärts zur inneren Stadt. …

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung vom 12.8.1920

 

Bild:

https://pl.wikipedia.org/wiki/Wojna_polsko-bolszewicka#/media/Plik:%D0%A3%D0%BA%D1%80%D0%B0%D0%B8%D0%BD%D1%86%D0%B5%D0%B2_%D0%B8_%D1%80%D1%83%D1%81%D1%81%D0%BA%D0%B8%D1%85_%D0%BA%D0%BB%D0%B8%D1%87_%D0%BE%D0%B4%D0%B8%D0%BD.jpg