100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Finis Poloniae?

Die Belagerung Warschaus durch die Rote Armee hat begonnen. Das Jenaer Volksblatt hält Polen bereits für besiegt und macht sich Gedanken um die Eroberungspläne der Sowjets. Nun müsse Deutschland von der Entente zum antibolschewistischen Schutzwall ausgebaut werden, so die verfrühte Schlussfolgerung des Blattes.

Karikatur des Simplicissimus

Der Kampf um Warschau.

Mit letzter Kraft wehrt sich das umklammerte Warschau. Eine gespenstische Wiederkehr dessen, was vor fünf Jahren geschah, erfüllte das abgestumpfte Europa; noch schneller als damals haben die weichenden Heere den Raum zwischen Brest-Litowsk und Warschau durchschritten. Selbst wenn das Wunder geschähe, daß die Russen, wie Hindenburg im Herbst 1914, umkehren müßten, oder wenn politische Erwägungen den militärischen Triumph beschränkten, würde die erschütternde Gewalt des Ereignisses nur wenig vermindert. Der Krieg rollt rückwärts, ein Ergebnis, das fünf Jahre lang unerschütterlich schien, erweist sich als Zwischenspiel, und die Menschheit muß abermals lernen, daß große Umwälzungen, mögen sie auf die Dauer nicht aufhaltbar sein, ihre Zeit haben müssen. Diese wirklichen Ergebnisse der Weltkrisis überdauern die Rückschläge; mit den schnellen Entscheidungen des Krieges und der Kriegspolitik aber sind sie nicht gleichbedeutend. Was die Gewalt erzwang, kann durch die Gewalt rückgängig gemacht werden. Zu den bleibenden Dingen dürfte der Gedanke des Selbstbestimmungsrechtes gehören, des durch Anspruchs großer, sich selbst wollender Volksgemeinschaften; und, trotz allem, auch Polen. Was aber hat dies Polen einer noch unbestimmbaren Zukunft mit der Augenblicksschöpfung von 1916 oder 1918 zu tun? Dies Gebilde war der Ausdruck strategischer, also zeitlich und sachlich eng begrenzter Erwägungen, es setzte die Auflösung Rußlands voraus. Aber Rußland besteht; zumindest in Dingen der äußeren Politik wird man sich’s abgewöhnen müssen, von „Bolschewisten“ zu sprechen, statt von Russen. Das große Ostreich ,vom Baikalsee bis zur Weichsel, von der Krim bis an die Murmanküste, kehrt wieder in die Erdgeschichte zurück, und keine der Kräfte, die sein Kernvolk zu den Getreideländern des Südens, zu den Kohlen- und Erdölbecken des Südostens und Westens, über den Ural und an das Meer treiben, hat aufgehört, fortzuwirken.

Möglich, daß die Republik der Kommunisten gelernt hat, die Kunst der Bescheidung wenigstens für den Augenblick zu üben; daß die Sieger Warschau wieder räumen, in Minsk und Tondern verhandeln, Polen in seinen Sprachgrenzen noch einmal anerkennen; das Polen der Entente ist auch dann so gründlich erledigt wie das Polen des Zweikaiserdekrets vom 5. November 1916. Man weiß, und hat es während der beiden Balkankriege vor Augen gehabt, wie wenig Widerstand selbst Großmächte militärischen „vollzogenen Tatsachen“ entgegensetzen. Gewiß gebietet den Führern des neuen Rußland die Klugheit, der Wiederangliederung verlorener Reichsteile, nach der sie unter allen Umständen streben, eine andere Form als die der Eroberung und gewaltsamen Unterdrückung zu geben; die Friedensschlüsse mit den „Randstaaten“, die Gründung einer „weißrussischen Sowjetrepublik“ (mit Minsk als Hauptstadt) scheinen für die Betätigung solcher Erkenntnis zu sprechen. Womit aber wollen, darüber hinaus, die Westmächte einen Sieger, der in Warschau gebietet, zwingen? Ein Polen, dessen Aufgabe es ist, Bollwerk zugleich gegen Deutschland und gegen Rußland zu sein, ist nicht wieder herstellbar. Die siegreiche Macht im Osten wird und kann auch bei der klügsten Selbstbeherrschung nicht darauf verzichten, sich der ständigen militärischen Bedrohung und wirtschaftlichen Abschnürung zu entledigen; und wenn die Verbandsmächte gerade jetzt, als sei nichts geschehen, über deutsches Weichselland zugunsten Polens verfügen, während nicht weit davon in „Neupolen“ die Russen stehen, so ist das ein Spiel mit entwerteten Marken gleich der „Anerkennung“ des Generals Wrangel durch Frankreich.

Wollen die Westmächte einen Schutz gegen das neue Rußland haben, so haben sie ihn an Deutschland. Polen wird in dem (vom französischen Standpunkt) günstigsten Fall ein Zwangsstaat gleich Deutschösterreich, oder es wird ein Teil des russischen Bundes sein. Für eine militärische Souveräntiät gibt es, darin hat [Friedrich] Naumann doch noch Recht behalten, in dem Raume, den Polen bedeckt, keine Voraussetzungen. In irgend einer Form wird Rußland wieder der Nachbar Deutschlands werden; ein Nachbar, mit dem wir in Frieden und Handelsverkehr zu leben wünschen, dessen weltumformerische Ansprüche wir aber abwehren müßten. Keine an Deutschland verübte „Rache für Warschau“ könnte das Polen des Versailler Vertrages retten; wohl aber würde sie einem westwärts vordringenden Kommunismus Raum schaffen.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 17.8.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273664/JVB_19200817_192_167758667_B1_001.tif

 

Bild:

http://www.simplicissimus.info/uploads/tx_lombkswjournaldb/pdf/1/25/25_19.pdf