100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Gegen den Gebärzwang“

Unter diesem Titel kritisiert die USPD-Reichstagsabgeordnete Marie Kunert das geltende Abtreibungsrecht, welches im Vergleich zu heute sehr streng war. Hintergrund des Artikels ist eine Gesetzesinitiative der USPD zur Streichung der einschlägigen Paragraphen. Wie auch die anderen Arbeiterparteien sah die USPD die harten sozialen Folgen des Abtreibungsverbotes.

Marie Kunert (1871-1957)

Gegen den Gebärzwang.

Von Marie Kunert.

Gesetzesparagraphen, die überflüssiger, schädlicher, ungerechter, unsozialer und unsittlicher wären, als die §§ 213 bis 220 des deutschen Strafgesetzbuches, sind in unserer modernen Zeit kaum denkbar. Ihr Wortlaut ist der folgende: § 218: Eine Schwangere, welche ihre Frucht vorsätzlich abtreibt oder im Mutterleibe tötet, wird mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren bestraft. Sind mildernde Umstände vorhanden, so tritt Gefängnisstrafe nicht unter sechs Monaten ein. Dieselben Strafvorschriften finden auf denjenigen Anwendung, welcher mit Einwilligung der Schwangeren die Mittel zu der Abtreibung oder Tötung bei ihr angewendet oder ihr beigebracht hat. § 219: Mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren wird bestraft, wer einer Schwangeren, welche ihre Frucht abgetrieben oder getötet hat, gegen Entgelt die Mittel hierzu verschafft, bei ihr angewendet oder ihr beigebracht hat. § 220: Wer die Leibesfrucht einer Schwangeren ohne deren Wissen oder Willen vorsätzlich abtreibt oder tötet, wird mit Zuchthaus nicht unter zwei Jahren bestraft. Ist durch die Handlugn der Tod der Schwangeren verursacht worden, so tritt Zuchthausstrafe nicht unter zehn Jahren oder lebenslängliche Zuchthausstrafe ein.

Die Fraktion der Unabhängigen Sozialdemokratie hat kürzlich im Reichstage die Aufhebung dieser Gesetzesbestimmungen beantragt. Sie sind überflüssig, wenn der Gesetzgeber den Zweck verfolgt, insbesondere durch den § 220, das Leben der werdenden Mutter und des Embyro zu schützen. Die vorhandenen Gesetzesparagraphen über Körperverletzung, fahrlässige und vorsätzliche Tötung genügen diesem Zwecke vollkommen. Der § 218 ist schädlich, weil er die Frau zwingt, unter allen Umständen ihr Kind auszutragen, gleichviel ob es das Kind eines Trinkers, eines Syphilitiers oder einer an schwerer erblicher Krankheit leidenden Mutter ist. Solche Kinder gehören aber ganz gewiß zu denen, die besser nie geboren wären, ja bei denen es direkt im Interesse der Gesamtheit liegt, wenn sie das Licht der Welt nicht erblicken, denn sie sind rassenschädigende Elemente, die vererbte Uebel weiter vererben Mutter, die aus begründeter Angst vor verseuchter Nachkommenschaft sich weigern, einer solchen Frucht das Leben zu geben, handeln aus sozialem Pflichtbewußtsein heraus, von dem man nur wünschen müßte, daß es Gemeingut aller wäre.

Ungerecht und unsozial ist der § 218, weil er tatsächlich eine Ausnahmebestimmung gegen die ärmere Bevölkerung darstellt. Der reichen Dame, die aus Genußsucht oder Bequemlichkeit die Geburt eines Kindes scheut, öffnen sich jederzeit private Entbindungsanstalten im In- und Auslande, wo sie für schweres Geld unter ärztlichem Beistand so gut wie völlig gefahrlos die Unterbrechung der Schwangerschaft herbeiführen lassen kann. Aber die arme Proletarierin, die bereits acht Kinder unter den denkbar größten Entbehrungen aufgezogen hat und durch die Geburt eines neuen Sprößlings die Aufzucht der übrigen auf das schwerste gefährdet sieht; das unbemittelte Mädchen, dessen ganze Existenz die noch immer verfehmte uneheliche Mutterschaft bedroht, – man denke nur an die Tausende von armen Dienstmädchen, die ihren ganzen Lohn für das Kostgeld eines Kindes opfern müssen, – diese und viele andere können die Unterbrechung der Schwangerschaft nicht von der kunstgeübten Hand des Arztes vornehmen lassen, sie werden in ihrer Verzweiflung direkt den Pfuschern und „weisen Frauen“ in die Arme getrieben, die in üblen Spelunken auf unwissenschaftliche und unhygienische Weise den verbotenen Eingriff vornehmen. Die Folgen sind entsetzlich. Ungezählte Frauen verbluten sich dabei, werden mit Kindbettfieber angesteckt, oder tragen langwierige Unterleibsleiden davon. Statt eines Schutzes der weiblichen Gesundheit erreicht das Gesetz also da gerade Gegenteil. Man denke sich ferner in die Lage eines weiblichen Wesens hinein, das durch das Gesetz gezwungen wird, die Frucht einer Gewalttat auszutragen!

Den Gipfel der Ungerechtigkeit erklimmt das Gesetz aber, wenn es nicht nur die versuchte Abtreibung bestraft, sondern auch den Versuch mit untauglichen Mitteln am untauglichen Objekt, d. h. zum Beispiel den Gebrauch eines völlig harmlosen, als Abtreibungsmittel ungeeigneten Tees wie Pfefferminztee zur Beseitigung einer nur vermuteten, in Wirklichkeit aber nicht vorhandenen Schwangerschaft. Um so krasser tritt diese Ungerechtigkeit zutage, wenn man weiß, daß es Industrien gibt, in denen Gifte, wie Tabak, Blei, Arsenik usw. verarbeitet werden, die auf schwangere Frauen wie irgend eines der verpönten Abtreibungsmittel wirken. Hier wird der Schutz der kapitalistischen Interessen höher gestellt als der des ungeborenen Lebens. Und jede Beeinflussung des Arbeitsprozesses zugunsten der Schwangeren läßt sich der Kapitalismus nur in zähem Kampfe abringen.

[…]

In der großen Mehrzahl der Fälle bedeutet die barbarische Methode der Geburtenregulierung durch Abtreibung nichts anderes als verzweifelte Notwehr gegen die Verelendungstendenzen des Kapitalismus. Gelingt es uns – und es muß uns gelingen, diesen fluchbeladenen Kapitalismus zu stürzen und die sozialistische Gesellschaft zu errichten, die den Einzelnen von wirtschaftlicher Not befreit – so fallen die allermeisten Nötigungen fort, die heute die Frauen dazu treiben, mit Gefährdung von Leben und Gesundheit die Geburt von Leben zu verhindern. Dann wird man überhaupt von ganz neuen Voraussetzungen aus an eine allseitig befriedigende Lösung der heute so ungeheuer schwierigen Volksvermehrungsfragen herangehen.

Quelle:

Neue Zeitung vom 8.8.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Kunert#/media/Datei:KunertMarie.jpg