100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Mit Frauenpower gegen den „Mammondienst“

Die Pädagogin und Publizistin Ella Mensch gehörte zu einer der ersten promovierten Frauen. In diesem kapitalismuskritischen Text für die rechtsnationalistische Jenaische Zeitung entwickelt sie das Bild der Frau als Verteidigung von gemeinschaftsstiftenden Werten.

Ella Mensch (1859-1935)

Die Erhalterin von Werten.

Von Dr. Ella Mensch.

In unserem Volksleben drohen Werte verloren zu gehen, die nur die Frau retten kann. Mehr als je ist uns heute das Verständnis für den engen Zusammenhang von Haus und Welt aufgegangen. Der Zug der Zeit, der die Frau hineingeführt hat in das politische Getriebe, muß sie auch wieder zurückführen zu den Sorgen und Beschäftigungen ihres häuslichen Lebenskreises. Wo diese Wechselwirkung fehlt, bleibt jede Betätigung in der Oeffentlichkeit wirkungslos.

Niemand schafft für das Allgemeine, der es nicht lernt, oder auch gelernt hat, nützliche Arbeit zu leisten innerhalb seiner engsten Umwelt.

Das Allgemeine ist ein Gedankending, das erst Leben empfängt, wenn man es in Beziehung setzt zu den einzelnen Existenzen.

Man hat es nicht mit Unrecht der Frauenwelt zum Vorwurf gemacht, daß sie gar zu sehr von Kleinigkeiten sich leiten und beeinflussen lasse. Diesen Fehler mag sie ablegen, dabei aber nicht in den entgegengesetzten verfallen, alles gleichsam von der Vogelperspektive aus zu betrachten und die Einzelheiten als untergeordnete Nebensächlichkeiten anzusehen.

Erst, wenn sie ununterbrochene Fühlung behält mit den Einzelheiten des Lebens, den Anforderungen des Tages und den Pflichten der Stunde, ist sie berufen, an der Erhaltung unentbehrlicher Werte mitzuarbeiten.

Vielleicht sagt manche: Was können wir denn tun? Wir vermögen doch nicht gegen den Strom zu schwimmen? Machtlos müssen wir zuschauen, wie sich die Dinge entwickeln oder verwickeln.

Es mag das auf den ersten Blick so ausschauen. Aber in Wahrheit ist doch kein halbwegs gesunder Mensch zum bloßen Zuschauen verurteilt. Niemals entwickeln sich die Dinge ohne unser Zutun.

Wir sind in ein mammonistisches Wirtschaftsgetriebe hineingeraten, wie es krasser gar nicht gedacht werden kann.

In der brutalsten Form drängt sich der gebildeten Frau der Gegensatz zwischen denen auf, die Geld ausgeben können und jenen, denen es äußerst knapp zugemessen ist. Reichtum hat es immer gegeben und demzufolge auch eine Plutokratie in beschränktem Umfange. Aber der frühere Reichtum belästigte und drückte nicht, insofern, als er nicht als der Alleinherrscher auftrat, der von der reich besetzten Tafel des Lebens alles wegnahm und den anderen das Zuschauen ließ. Für die andern blieb auch noch Platz, denn die Reichen verteuerten durch ihre Kauflust und Kaufkraft ja nichts. Die Preise der Lebensmittel und Luxusartikel gingen deswegen nicht in die Höhe.

Wo etwa der Reichtum protzenhaft und raumversperrend auftreten wollte, wurde er von den feineren Elementen der guten Gesellschaft, welche die Führung hatten, stillschweigend boykottiert.

Das ist jetzt anders geworden, und das zehrt an der Volksmoral. Es soll nur niemand glauben, daß der Mammondienst, dem er sich jetzt so völlig ergeben hat, über kurz oder lang an ihm selbst sich rächen werde. Die Mutter, die strahlt, wenn ihr halbwüchsiger Sohn, der von der Mittelklasse der Volksschule abgegangen ist, 80 Mark die Woche einnimmt und die Hälfte davon in Bier und Zigaretten anlegt, soll nicht denken, daß sie sich eine Lebensfreude oder gar Altersstütze an diesem Kinde erzieht. Hier zeigt sich eine Frauenaufgabe von unendlicher Tragweite.

Wer anders als die Frau, die Mutter, ist am ehesten dazu berufen, ihren Kindern einzuprägen: wenn ihr heute viel Geld verdient, Einnahmen bezieht, die noch in gar keinem Verhältnis stehen zu dem, was ihr wirklich leistet, die nur durch die Lebensmittelverteuerung entstanden, so rechnet euch das nicht als Tugend an, bekommt keine übertriebene Meinung von euch selbst und beurteilt nicht etwa gar andere Menschen nach der Höhe ihrer Geldbezüge.

Vor allem: laßt keine Ausschweifung eintreten in euren materiellen Bedürfnissen. Sagt nicht: wir müssen das haben, wir können’s ja bezahlen! Und bildet euch nicht gar ein, ihr brauchtet in Zukunft nicht an eurer Weiterbildung zu arbeiten, nichts mehr zu lernen, weil Kenntnisse sich doch nicht bezahlt machen und man es ja heute zum Greifen deutlich vor Augen sieht, daß der auf Hochschulen oder Kunstateliers gebildete Mensch am Hungertuch nagen kann.

Ein armseliger Tropf bleibt der, dessen geistige Ansprüche sich nicht höher als bis zum Kinogenuß und zur Lektüre des Blättchens versteigt, das ihm die politische Marschroute in ein paar Schlagworte geprägt vorlegt.

Ein Volk der Arbeit kann unser deutsches Volk nur dann bleiben, wenn auch die geistige Arbeit gleichen Schritt hält mit allen anderen Betätigungen, denn alle mechanischen Betriebe empfangen von ihr Schwungkraft und neue Impulse.

Die Achtung vor der geistigen Arbeit darf nicht herabgemindert werden, sonst sinkt auch der Umgangs- und Verkehrston unseres gesamten Lebens. Wer hat auf diesen wohl mehr Einfluß als die Frauenwelt? Ein Teil der Würde der Menschheit ruht tatsächlich in ihren Händen und auf ihren Lippen. Verabschieden wir doch endlich das Gesprächsthema: Was werden wir essen, wie werden wir uns kleiden? Beruhigen wir uns auch nicht mit der Erwägung, daß, wo diese Thema alle Interessen beherrsche, eben eine Uebergangszeit sei.

Was heißt das überhaupt? Uebergangszeit! In solcher bewegen wir uns immer, denn alles befindet sich im ewigen Fluß. Ach, und in demselben Strom schwimmst du nicht zum zweiten Male! Es kommt darauf an, auch der Ungunst der Zeit das abzugewinnen, was den Wert des Lebens erhöht und es für Menschen, die nach einem Plan leben, überhaupt sinnvoll gestaltet.

Alle Kulturaufgaben wenden sich an erzieherische Kräfte. Die Frauen aber sind – wie das schon Pestalozzi mit allem Nachdruck betont hat, die geborenen Erzieherinnen des werdenden Geschlechts.

Quelle:

Jenaische Zeitung vom 6.8.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00277666/JZ_Jenaische_Zeitung_169419428_1920_08_0027.tif

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Ella_Mensch#/media/Datei:Ella_Mensch.jpg