100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Neu-europäischer Wirtschaftsverein“? Gute Idee!

Die Idee der Europäischen Einigung erlebte nach dem Ersten Weltkrieg einen starken Auftrieb, auch wenn es zu einer greifbaren Organisation erst nach dem Zweiten Weltkrieg kommen sollte. Hier entwirft der rechtsliberale Verbandsfunktionär Kurt von Kleefeld die Idee eines Wirtschaftsvereins, der die Nachfolgeländer der ehemaligen Imperien in Ost- und Südosteuropa inkl. Deutschland und Polen umfassen sollte. Dahinter steht der durchaus zukunftsweisende Gedanke einer wirtschaftlichen Kooperation zum gemeinsamen Vorteil.

Kleefeld (stehend rechts) im Jahr 1912 bei einer Präsidiumssitzung des liberalen Hansa-Bundes

Der neu-europäische Wirtschaftsverein.

Von Kammerpräsident Dr. Kleefeld.

Der hervorragende Wirtschaftspolitiker übermittelt der Weim. L.-Ztg. „Deutschland“ die folgende Anregung zur Gründung eines neu-europäischen Wirtschaftsvereins, die besonderer Aufmerksamkeit im In- und Auslande sicher sein darf.

In unseren Tagen entscheidet sich das Geschick der deutschen Menschheit für Generationen. Wenn spätere Geschlechter noch wieder Kinder eines freien Volkes werden sollen, dann muß endlich der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit so vollkommen, wie es in menschlichen Dingen überhaupt möglich ist, überbrückt und das Verhältnis des arbeitenden Menschen zu seiner Arbeit in patriotischer Weise veredelt werden. Ohne Einigkeit und Vertrauen zwischen allen Volksgenossen verelenden wir völlig. Für den wahren politischen Fortschritt zu kämpfen und zu sterben ist würdig und ehrenvoll. Die Dauerrevolution lediglich für den Materialismus, besonders wenn er utopisch ist und ökonomischen Lebensbedingungen und Naturgesetzen eines Landes widerspricht, entbehrt de realen und moralischen Grundlage und muß mit einem furchtbaren Erwachen enden. Dies zeigt vor allem auch die Entwicklung des Bolschewismus in Rußland, jenes anarchistischen, absoluten Regiments, das sich in nicht zu ferner Zeit ausgelaufen haben wird. 99 Proz. aller Russen stehen ihm völlig fern und vergessen es der deutschen Kriegsdiplomatie niemals, daß sie den furchtbaren Brand der russischen Revolution, in dessen Qualm auch wir zu ersticken drohen, entfacht hat. Caveant consules! Der halboffizielle „Ekonomitscheskij Schisnij“ berichtet über die Wirtschaftslage Rußlands im ersten Halbjahr 1920: „In Rußland führte die weitere Verschlechterung der Arbeitserträge in den sozialisierten Betrieben – der Fehlbetrag der nationalisierten Industrie betrug bisher für 1920 etwa 24 Milliarden Rubel – trotz der von Lenin durchgesetzten schärfsten Arbeitsdisziplin im ersten Halbjahr 1920 vielfach zum Uebergang zu privatkapitalistischer Betriebsweise und zur Zurückberufung der alten Leiter.“ Unvoreingenommene Wirtschaftskenner berichten, daß die arbeitenden Städte und Teile des Landes unter dem Drucke des Hungers ersticken.

Gerade in unserer augenblicklichen Lage und in weiser Vorbereitung der Genfer Verhandlungen kann die deutsche Politik nicht genug vor Experimenten und Gehversuchen auf außerpolitischen Wegen gewarnt werden. Wirtschaftspolitik im Sinne des Wiederaufbaus Europas und der Heimat ist die Forderung der Stunde. Nur ein Deutschland, dessen wirtschaftliche Schwingen sich wieder zu bewegen beginnen, kann daran denken, außerpolitisch wieder halbwegs erfolgreich zu agieren. Aber eine theoretische und mehr negative Wirtschaftsdogmatik führt in einem Lande, in welchem die ökonomischen Grundlagen absolut flüssige geworden sind, keineswegs zur Rettung. Uns hilft nur die moralische Tat nach innen und außen. Deutschland hat den Dreißigjährigen Krieg, den Siebenjährigen Krieg, den Reichsdeputations-Hauptschluß und den Tilsiter Frieden überdauert und wird niemals zugrunde gehen, wenn es jetzt eine aufrichtige, Vertrauen findende wirtschaftliche Tatpolitik treibt. Der deutsche Sozialismus der Gegenwart ist also altmodisch und versteht nicht, mit dem Begriff der volkstümlichen Autorität im Interesse des Gesamtwohls fertig zu werden. Das politisch-ökonomische System der Gegenwart heißt nicht Kapitalismus, heißt nicht Sozialismus, sondern sozialer Individualismus und sozialer Kapitalismus. Das deutsche Volk muß sich klar werden, was es eigentlich für seine Zukunft will. Ohne Ehrgeiz und Willen zur Vorwärtsentwicklung ist es dem Untergang geweiht! Glauben wir, im schließlichen Beharrungszustand der deutschen Wirtschaft gemäß ihrer jetzigen Entwicklung die Verantwortung dafür tragen zu können, daß etwa 15 bis 20 Millionen Deutsche allmählich verkommen und Deutschland schließlich als wehrloser Kleinagrarstaat ein unrühmliches Leben fristet, so wollen wir dieses sehenden Auges auf uns nehmen. Andernfalls sollten wir unvoreingenommenen Geistes an die Dingpolitik unseres wirtschaftlichen Krankheitszustandes schreiten. Dann darf aber auch im Widerstreit zwischen Dramatik und Realität nur der große Gedanke der Wohlfahrt des Landes und unseres Volkes den Sieg davontragen.

Diese innere wirtschaftliche Tatpolitik, deren zwingende moralische Kraft uns die Sympathien und die Hilfeleistung der Erde wiedergewinnen muß und welche der Welt den Nachweis erbringt, daß wir ehrliche und zahlungswillige Schuldner sind, verleiht uns dann aber auch das menschliche Recht, von unseren Gläubigern jede nur mögliche Unterstützung zu erhalten. Es muß uns die Möglichkeit gegeben werden. Nahrungsmittel und Rohstoffe dort zu beschaffen, wo sie für uns auch gemäß dem Stande unserer Valuta am erschwinglichsten sind. Um jeden Preis wollen wir unser Land aufbauen, unsere Volksgenossen erhaltung und am Wiederaufbau Europas mitarbeiten, – deshalb handeln wir bewußt lediglich kaufmännisch und nicht politisch.

Unter der Kontrolle und Aufsicht des Völkerbundes, in welchen Deutschland auch deshalb bald aufgenommen werden müßte, um diesem ein offizielles Forum für die Erörterung seiner Verhältnisse zu geben, sollte alsbald ein neu-europäischer Wirtschaftsverein gebildet werden, welcher Deutschland und die aus Oesterreich-Ungarn, der Türkei und Rußland neu geschaffenen Staaten einschließlich Polen zunächst umfaßt. Diesem Wirtschaftsverein hätten folgende Aufgaben in der Hauptsache obzuliegen: 1. Zollfreie Ein- und Ausfuhr sämtlicher Güter, welche die Vertragsstaaten für ihren Wiederaufbau benötigen; 2. einheitliche Verbesserung des Verkehrs- und Transportwesens zu Lande und auf den Flüssen; 3. Paßerleichterungen, soweit solche im wirtschaftlichen Interesse liegen; 4. Organische allgemeine Produktionsförderung für Industrie und Landwirtschaft in gegenseitigem Austausch von Erfindungen und Entdeckungen, welche diesem Zwecke dienen, und zwar auf Grund einer Generalkatastrierung der Bodenschätze.

Dieser große Wirtschafts- und Freihandelsverband, welcher ein zentral-europäisches Sanierungs- und Produktionsgebiet schafft, sollte zunächst auf eine Reihe von Jahren ins Leben treten und jedem anderen Staate, welcher die Zwecke dieses Vereins zu fördern gewillt ist. Gelegenheit zum Beitritt bieten. Auf diesem praktischen Wege ließe sich auch vor allem wirtschaftliche Gemeinschaftsarbeit mit Frankreich leisten. Ein hochinteressantes, gewaltiges Wirtschaftsterritorium würde auf diese Weise der industriellen Tatkraft der Erde in friedlicher Weise erschlossen. Die im Weltkrieg zusammengebrochenen Staaten erhielten die Aussicht, die Verpflichtungen der Friedensverträge eher zu erfüllen, und die Mitarbeit der Siegerstaaten würde etwaige imperialistische Entwicklungen sehr wohl auszuschließen in der Lage sein. Handelspolitisch bieten aber die Artikel 264 ff. des Versailler Vertrages diesen jede nur mögliche Gewähr. Deutschland muß, ohne in uferlose Kreditverpflichtungen weiter hineinzugeraten, wieder die Möglichkeit gewinnen, vor allem Eisenerze und Nahrungsmittel dort zu beziehen, wo sie am billigsten sind. In erster Linie handelt es sich bei der Erzfrage um gewisse Gebiete des ehemaligen Oesterreich-Ungarn und der Türkei, wo noch gewaltige Rohstoffterritorien der Erschließung harren. Und wenn auch der augenblickliche Wirtschaftsverfall Rußlands vor überschwenglichen Hoffnungen warnen muß, so darf nicht vergessen werden, daß wir aus Polen bzw. Rußland vor dem Kriege gewaltige Mengen Brot- und Futtergetreide, Erze, Hölzer, sowie andere Rohstoffe bezogen haben.

Die deutschen Zustände nach dem Pariser Frieden und dem Wiener Kongreß von 1814, welche die Gründung des alten Zollvereins vorbereiteten, sind weder politisch noch wirtschaftlich mit der Jetztzeit zu vergleichen. Es unterliegt aber keinem Zweifel, daß ein gesundes Staatsleben sich nur auf breiter materieller Grundlage im Sinne des Gemeinwohls entwickeln kann. Mit der Wiederaufrichtung dieser materiellen Grundlage muß endlich begonnen werden, wenn dem Verzweiflungsprozeß, in dem sich unser Staatsleben und unser Volk befindet, Einhalt geboten werden soll. Dazu gehört vor allem auch, daß unsere Staatskunst unter allen Umständen den Weg einer ehrlichen, friedlichen Verständigung mit Frankreich findet und daß alle Faktoren unseres öffentlichen Lebens reifen und ruhigen Sinnes die Tragweite dieser Frage gerade für unsere Zukunft erkennen lernen. Nachdem wir wehrlos geworden sind, müssen wir uns schädliche und feindliche Ideen wieder mit Ideen und mit dem Prinzip der europäischen oder besser Weltpropaganda bekämpfen. Dies gilt besonders für die kommenden Verhandlungen in Genf. Der alte Meister von Sanssouci pflegte in verzweifelten militärischen Lagen zu sagen, daß wenn ihm auch die Macht fehle, so doch ihm die Ideen, Tinte und Feder geblieben seien.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung vom 26.8.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_von_Kleefeld#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-H28208,_Berlin,_Pr%C3%A4sidium_des_Hansabundes.jpg