100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Nicht hamstern! Seid solidarisch!

Grundnahrungsmittel und Güter des alltäglichen Bedarfs sind besser verfügbar als im zurückliegenden Winter. Grund genug für die Reichsregierung die Zwangsbewirtschaftung zentraler Güter wie Kartoffeln, Fleisch und Kohle langsam zurückzufahren. Der Reichstagsabgeordnete Wilhelm Dusche (DVP) mahnt aber an, dass bisherige Erfolge bei der Verbesserung der Versorgungslage nun nicht durch Hamsterkäufe und ähnlich unsolidarisches Verhalten zunichte gemacht werden dürften.

Wilhelm Dusche (1863-1947)

Freigabe der Kartoffeln.

Von Wilhelm Dusche, Mitglied des Reichstags.

Der Ausschuß für Volkswirtschaft des Reichstages beschäftigte sich in seiner ersten Ferientagung am 17.8. zunächst mit der endgültigen Freigabe der Kartoffeln. Der Entwurf der Verordnung der Regierung wurde unverändert mit 16 gegen 12 Stimmen angenommen, und zwar stimmten für die Freigabe der Kartoffeln alle Mitglieder der bürgerlichen Fraktionen, gegen denselben die Mitglieder der Mehrheitssozialdemokratie und die Unabhängigen.

Nach dieser Verordnung hört vom 15. Sept. d. J. ab die Bewirtschaftung der Kartoffeln endgültig auf, in Kraft bleiben die seitens der Kommunalverbände abgeschlossenen Lieferungsverträge. Außerdem ist die Reichskartoffelstelle verpflichtet, eine Notreserve von mindestens 20 Millionen Zentner Kartoffeln anzukaufen.

Der Minister Hermes erklärte, daß diese 20 Millionen Zentner wahrscheinlich noch im Laufe dieser Woche gekauft werden könnten. Die Ernteaussichten für die Herbstkartoffeln haben sich in den letzten Wochen ganz erheblich gebessert. Besonders gut scheint die Kartoffelernte in Süd- und Mitteldeutschland sowie in der Provinz Sachsen, in Pommern und Mecklenburg zu werden.

Von der Notreserve der Reichskartoffelstelle soll der Regierungsbezirk Düsseldorf zirka ein Drittel bekommen, während der Rest bei den Landwirten zur Benutzung bei unvorhergesehenen Fällen sichergestellt wird.

Der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft hat das Recht, das Verarbeiten von Kartoffeln in Brennereien, Trocknereien und Stärkefabriken zu verbieten, oder zu beschränken. Er kann ferner bestimmen, in welchem Umfange und unter welchen Bedingungen Kartoffeln und deren Erzeugnisse in Trocknereien und Kartoffel-Stärkefabriken zur Herstellung gewerblicher Erzeugnisse verwandt werden dürfen. Man wird die Trocknungsfabriken nicht ganz schließen schon aus den Gründen, weil sie, wie in früheren Jahren zuweilen, vielleicht im Herbst bei frühem Frost nötig sind, um angefrorene Kartoffeln zu verarbeiten.

Der wirtschaftspolitische Ausschuß des Reichswirtschaftsrats hat auf Grund eines einstimmigen Gutachtens des Unterausschusses für Landwirtschaft und Ernährung sich gleichfalls für Aufhebung der öffentlichen Bewirtschaftung der Kartoffeln und der Aufrechterhaltung der abgeschlossenen Verträge, sowie der Schaffung einer genügend starken Notreserve ausgesprochen.

Im Wirtschaftsjahr 1919/20 ist es nur gelungen, daß der Bevölkerung im Durchschnitt eine Wochenration von nur 3 bis 4 Pfund zugeführt wurde, während der Rest im Hamsterverkehr beschafft werden mußte. Es war nicht anzunehmen, daß im kommenden Winter unter Beibehaltung der öffentlichen Bewirtschaftung es möglich sei, die versorgungsberechtigte Bevölkerung in stärkerem Umfange als bisher mit Kartoffeln zu versorgen. Zum mindesten mußte man mit einem noch schlechteren Ergebnisse bei der Bewirtschaftung der Kartoffeln rechnen. Die Landwirtschaft würde sich darauf berufen haben, daß sie bereit gewesen sei, im Wege von Lieferungsverträgen die zur Versorgung der Bevölkerung notwendigen Mengen sicher zu stellen, daß jedoch die Bedarfsstellen die zur Versorgung der Bevölkerung notwendigen Mengen sicher zu stellen, daß jedoch die Bedarfsstellen die Versorgung auf diesem Wege abgelehnt hätten und daß die Kommunalverbände statt der 120 Millionen Zentner, die sie auf Lieferungsverträge hätte kaufen, nur 35 Millionen Zentner abgeschlossen hätten.

Der von den Kommunalverbänden angemeldete Bedarf entspricht etwa den Mengen, die im letzten Wirtschaftsjahr aus den Ueberschußbezirken an die Bedarfsbezirke von der Reichskartoffelstelle geliefert sind. Man kann daher annehmen, daß diese Mengen ausreichen werden, um die unvermeidlichen Schwierigkeiten, die sich beim Uebergange von der Zwangsbewirtschaftung, in den freien Handel ergeben, zu beseitigen, und daß es diesem freien Verkehr mit Hilfe der Notreserve gelingen wird, im kommenden Winter die Bevölkerung besser als bisher mit Kartoffeln zu versorgen.

Um die Abwanderung großer Mengen von Speisekartoffeln für Zwecke der gewerblichen Bearbeitung in den Trocknereien, Stärkefabriken und Brennereien zu verhüten, scheint die Vorschrift geboten, nach welcher der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft Anordnungen über den Umfang dieser Verarbeitung treffen kann.

Es scheint ferner geboten, die Verordnung sofort in Kraft treten zu lassen, um eine reibungslose Durchführung der Kartoffelversorgung sicher zu stellen. Nur unter dieser Voraussetzung erscheinen die Landwirtschaft, der Handel, die Genossenschaft und die Kommunalverbände in der Lage, die erforderlichen Vorbereitungen zu einer ausreichenden Belieferung der Bevölkerung im freien Verkehr zu ermöglichen.

Ernste Pflicht aller Landwirte wird es nunmehr sein, sich der Freigabe der Kartoffeln würdig zu erweisen, dadurch, daß sie genügend Kartoffeln auf den Markt bringen, und daß die Wort halten in der Beziehung, indem sie sich bereit erklärt haben, im freien Verkehr der Bevölkerung die Kartoffeln billiger abgeben zu wollen, als die Preise sind, die von der früheren Regierung als Mindestpreise festgesetzt wurden.

Sache der Verbraucher wird es sein, sich nicht übermäßig mit Kartoffeln einzudecken, und die Landwirte nicht durch Anbieten zu hoher Preise zur Annahme derselben zu verleiten.

Quelle:

Jenaische Zeitung vom 24.8.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00277666/JZ_Jenaische_Zeitung_169419428_1920_08_0115.tif

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Dusche#/media/Datei:DuscheWilhelm1919.jpg