100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Noch ist Lenin nicht geschlagen

Die Schlacht um Warschau konnte Polen für sich entscheiden, aber den Krieg muss es bald abbrechen, wenn es angesichts der immensen russischen Reserven nicht ausbluten will. Die Jenaische Zeitung ist sogar der Meinung, dass Schlimmeres noch bevorstehen könnte, wenn der jetzige „Ostkrieg“ zu einem „Orientkrieg“ zwischen Sowjetrußland und England werden würde. Die zentralasiatischen Ambitionen Lenins sind kein Geheimnis und bedrohen in erster Linie den britischen Kolonialbesitz. Droht gar ein neuer Weltkrieg?

Titelbild des Simplicissimus

Lenin und Indien.

Der polnische Vormarsch zu Ende?

Königsberg, 26. Aug. Der polnische Vormarsch ist anscheinend in der Linie Prosken – Ossowiec – Bialystok zum Stillstand gekommen. Die bolschewistischen Abteilungen lagen bis 8 Uhr vormittags nordwestlich von Cholm noch im Kampf mit den Polen. An der Zentrumsfront ist die Lage unverändert. Oestlich von Lemberg lokale Erfolge der Polen, die weiter südlich zur Besetzung der Dnjester-Linie führten. Bolschewistische Reiterei erreichte im Rücken der Polen westlich von Lemberg den Ort Stryj, wo sie den Eisenbahnverkehr sperrten.

Moskau, 25. Aug. (Durch Funkspruch.) In den Abschnitten von Brest-Litowsk und Wlodawa sind örtliche Kämpfe mit wechselndem Erfolge im Gange. Abschnitt Lemberg: Südöstlich der Stadt wid unsere Aktion erfolgreich fortgesetzt. Der Feind leistet Widerstand und geht zum Gegenangriff über. Im Abschnitt Halitsch haben unsere Truppen den Fluß Gnilaja Lipa erreicht und kämpfen um den Uebergang. In der Krim und im Abschnitt Cherson auf dem rechten Ufer des Dnjepr wird der für uns erfolgreiche Kampf fortgesetzt.

Der polnische Heeresbericht vom 25. Aug. erweckt den Gedanken an einen richtigen Bandenkrieg, besonders im Nordabschnitt. Die Ortschaften, die von den Polen neuerdings besetzt worden sind, liegen so durcheinander, daß man auf der Karte eine Frontlinie unmöglich einzeichnen kann. Es seien hier die betreffenden Angaben wiedergegeben: Die Polen sollen also südlich von Ostrolenka stehen, aber westlich der Pissa und andererseits Ossowiec besetzt haben. Ebenso unklar ist die Lage bei Lemberg. Ein russischer Funkspruch spricht davon, daß die Gegenoffensive des bolschewistischen Heeres bevorstehe. Die rote Armee wäre nur nach den polnischen Berichten geschlagen. Tatsächlich habe nur ein Rückzug in vollster Ordnung stattgefunden, weil die Vortrupps sich zu weit von dem Kern der bolschewistischen Armee entfernt hätten.

Zu dieser Frage schreibt uns unser Berliner –er.-Mitarbeiter.

Wie wird der polnisch-russische Krieg enden? Bleibt er ein Ostkrieg oder wird er unter Englands Beteiligung ein – Orientkrieg? Sowohl Lloyd George als auch Millerand haben die Polen warnen lassen, den Vormarsch weiter auszudehnen, als unbedingt nötig sei. Diese Warnung ist sicher nicht ohne den Rat kundiger Militärs erfolgt. Tatsächlich mehren sich die Anzeichen, daß der russische Rückzug keine Niederlage bedeutet. Die Bolschewisten, die eine Art Marneschlacht verloren haben, fühlen sich nicht besiegt. Ihre Hauptbestände sind trotz der starken Uebertritte nach Ostpreußen unversehrt geblieben. Aus Zentralrußland werden neue Verstärkungen nach der Njemenlinie herangezogen. Besonders im Raume von Brest-Litowsk finden, wie man hört, russische Truppenmassierungen statt. Die bisher in der Sowjetarmee so schwach vertretene Artillerie soll dabei eine große Rolle spielen. Allerdings muß man fragen, woher Trotzki in der Eile einen großen Geschützpark mit der nötigen Munition bezogen haben will. Aber die polnischen Flieger melden Wunderdinge, das heißt für sie Schreckgespenster, nach Warschau, und so muß es ja wohl wahr sein. Die nach Ostpreußen übergetretenen russischen Offiziere erklären, sie seien von der endgültigen Niederlage Polens fest überzeugt. In kurzer Zeit werde der neue Vormarsch der Bolschewisten wieder einsetzen, und zwar dann gegen zwei Fronten, gegen Warschau und gegen Wrangel.

Die Richtigkeit dieser Voraussagen ist im Augenblick nicht nachzuprüfen. Tatsache ist, daß in Ostgalizien bereits eine neue Offensive gegen Polen eingesetzt hat. Dort handelt es sich allerdings nicht, wie die Polen in ihren Kriegsberichten glauben machen wollen, um versprengte Bolschewisten, sondern um einen ukrainischen Aufstand großen Stils. Natürlich verfolgen die Ukrainer dasselbe Ziel, wie die russischen Bolschewisten: Niederwerfung der polnischen Herrschaft, nationale Freiheit und Selbstbestimmung der Bevölkerung. Alles dies fällt noch unter den Begriff des Ostkrieges. Er muß in kurzer Frist ausgetragen werden. Die beiderseitigen Zurüstungen gestatten nicht wie im Weltkriege eine Fortsetzung durch den Winter. Und das ist bei allem Jammer noch ein Glück. Aber hinter der letzten polnisch-russisch-ukrainischen Auseinandersetzung droht wie eine Riesengewitterwolke der Orientkrieg. Man glaubt, so schreibt ein Pariser Blatt, das „Petit Journal“, ahnungsvoll, daß es Lenin leicht sein werde, einen tödlichen Schlag gegen die britische Macht in der muselmanischen Welt zu führen. In dieser Sorge wird die ganze Ententepresse bestärkt durch die geschickte Diplomatie der Sowjetmänner, die immer noch in London weilen. Herr Kamenew hat es verstanden, den englischen Arbeiterausschuß für seine Zwecke einzufangen. Er hat den britischen „Genossen“ klar gemacht, daß die Abreise der bolschewistischen Abordnung von London gleichbedeutend wäre mit einer Kriegserklärung Rußlands an England. Diesen Krieg aber würde Rußland in Form eines Angriffs nach Osten, also nach Indien führen.

Offenbar hat Kamenew, der bereits wie ein russischer Botschafter in London auftritt, mit den Häuptern der ägyptisch-türkisch-indischen Bewegung Fühlung genommen, die zurzeit Westeuropa bereisen. Führer der Delegation ist Mohammed Ali als Abgeordneter des Kalifats. Er vertritt 300 Millionen Inder und hat sich in Rom, wo er von Giolitti, dem Grafen Sforza und dem Papste empfangen wurde, mit aufsehenerregender Deutlichkeit ausgesprochen. Er gibt ganz offen zu, daß die muselmanische Welt jetzt gemeinsame Sache mit den Bolschewisten mache. Das große Ziel der Bolschewisten sei, die Engländer aus dem Orient zu vertreiben. Das Band, das alle Muselmanen, einschließlich der nichtislamischen Inder, verbinde, werde von Tag zu Tag enger geknüpft. Und Mustapha Kemal Pascha, der Leiter der anatolischen Bewegung, der Rache nehmen werde für das türkische Versailles, genieße das Vertrauen der ganzen islamischen Welt. In London lacht man schon lange nicht mehr über solche Drohungen. Die teilweise Befreiung Aegyptens von dem auferlegten britischen Protektorat war nur ein Versuch, die Aegypter von der Orientbewegung abzusprengen, ein Versuch, der wahrscheinlich nicht einmal gelungen ist. Jedenfalls arbeitet die Moskauer Politik jetzt mit der indischen Drohung, und sollte Lloyd George die ungeheure Gefahr für England nicht in letzter Stunde zu bannen verstehen, so beginnt über Nacht der neue Weltkrieg, der Krieg des russisch-indischen Orients gegen die britische Macht.

Quelle:

Jenaische Zeitung vom 27.8.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00277666/JZ_Jenaische_Zeitung_169419428_1920_08_0133.tif

 

Bild:

http://www.simplicissimus.info/uploads/tx_lombkswjournaldb/pdf/1/25/25_24.pdf