100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Polens Zweifrontenkrieg

Während die Schlacht um Warschau tobt, schaukeln sich in Oberschlesien die alltäglichen Gewaltsamkeiten zu einem zweiten Aufstand hoch. Schon im August 1919 hatte die Polnische Militärorganisation (POW) einen Versuch für eine gewaltsame Übernahme der preußischen Provinz gemacht und ein dritter Versuch wird 1921 folgen. Die rechtsnationalistische Jenaische Zeitung empört sich über die Kooperation von Frankreich und Polen und pocht darauf, dass Deutschland nicht in den Krieg im Osten hineingezogen werden dürfe.

Karikatur des Simplicissimus

Bis aufs Blut gereizt.

Der Bürgerkrieg in Oberschlesien.

-er. Berlin, 20. August.

Aus Beuthen (O.-S.), 19. August, drahtet ein Sonderberichterstatter:

Wenn man die Bekanntmachungen der interalliierten Kommission für Oberschlesien liest, könnte man glauben, daß die Polen in dem traurigen Bürgerkrieg kein Wässerchen getrübt haben. Aber wollte man diese Plakate herunterreißen – man tut es natürlich nicht, man ist ja wohlerzogen –, so kämen die Aufrufe zum Vorschein, in denen der polnische Agitator Korfanty die deutsche Bevölkerung durch seine Verleumdungen und Hetzereien bis aufs Blut reizte. Da wurde behauptet, daß eine deutsch-bolschewistische Verschwörung bestehe, und außerdem eine gegen die Polen gerichtete militärische Geheimorganisation. Da wurde die polnische Bevölkerung Oberschlesiens aufgerufen, sich bereit zu halten und die interalliierten Truppen zu unterstützen. „Wir sind die Herren dieses Landes!“ Das soll nicht bis aufs Blut reizen? Der deutsche Oberschlesier besitzt ein heißes Temperament. Er ist freundlich und hingebend, wo er vertraut. Aber er flammt auf und wird zum Berserker, wenn er sich mißhandelt glaubt. Es war eine seelische Mißhandlung, sich bei der fremden internationalen Regierung als Verschwörerbande angeschwärzt zu sehen, während in Wahrheit die Polen und Franzosen sich brüderlich verbanden, um Oberschlesien zum Kriegsschauplatz innerer und äußerer Konflikte zu machen.

Man denke nur: In den oberschlesisch-polnischen Sokolvereinen sind jetzt 14.000 junge Leute organisiert und sämtlich mit Waffen ausgerüstet. Die polnische Heeresorganisation für Oberschlesien, die sogen. P.O.W., verfügt zurzeit über 60.000 Gewehre. Seit drei Wochen muß die Sicherheitspolizei fast täglich große Waffen- und Munitionssendungen für polnische Stoßtruppen anhalten, und nicht immer gelingt es, die Transporte zu beschlagnahmen. Es ist merkwürdig, daß der Ententekommission bis heutigen Tages noch keine Bedenken darüber aufgestiegen sind, daß die Sokols hinter verschlossenen Türen gewissermaßen in Verschwörerversammlungen etwas treiben, was die Politik der Entente vor aller Oeffentlichkeit nicht wird gut vertreten können. So wollen z. B. die Sokols einen bis alle Einzelheiten gehenden Bearbeitungsplan für Oberschlesien bereits vorgearbeitet haben. Das oberschlesische Abstimmungsgebiet wurde von ihnen in acht Bezirke eingeteilt, und zwar: Beuthen, Kattowitz, Königshütte, Gleiwitz, Hindenburg, Myslowitz, Oppeln und Rybnik. Diese Teilbezirke sind wieder in kleinere Kreisbezirke eingeteilt worden. Es ist müßig, über den Wert oder Unwert der interalliierten Kommission in Oberschlesien zu sprechen. Sie lebt von einem Tage zum anderen. Sie hat einen Sinn am Ende nur dann, wenn sie glaubt oder will, daß eine Rückkehr zu deutscher Ordnung ausgeschlossen sei. Ihre psychologische Erklärung findet sie aber wohl darin, daß die den Ausschlag gebenden Franzosen alle Bedenken, die sie vielleicht selbst haben, vor der Furcht zurückstellen, die sie vor den, wie sie sich selbst gestehen müssen, mächtigeren deutschen Elementen in Oberschlesien empfinden.

Der Deutsche muß an die Wand gedrückt werden – das ist ja das A und O der französischen Politik überall, warum also nicht auch in Oberschlesien? Polen und Franzosen suggerieren einander gegenseitig deutsche Auslandspläne. Und kaum geht die bis aufs Blut gequälte deutsche Bevölkerung auf die Straße, um gegen die Kriegsgefahr zu demonstrieren, so heißt es: Seht ihr, da habt ihr den deutschen Aufstand! Da habt ihr den Ausbruch Berlin-Moskauer Verschwörung! Und ohne Gnade und Vernunft gehen die französischen Flinten los. Diese heldenhaften Besatzungstruppen haben sich ja drüben in Kattowitz rasch wieder in ihre Kasernen zurückgezogen. Aber sie werden es nicht abwenden, daß der deutsche Haß gegen sie ebenso stark bleibt wie gegen die polnischen Hetzer.

Der Haß ist ja nicht von heute und gestern. Als der General Le Rond, der schon in Paris den Polen versprach: „Wir sind da, um euch zu helfen!“, in Oberschlesien einzog, da kamen gerade auch die deutschen Soldaten aus französischer Gefangenschaft zurück, und wenn die französischen Soldaten erfüllt waren von Gefühlen der Rache wegen der Zerstörung ihres Landes, so waren es die deutschen nicht minder wegen der grausamen Behandlung, die sie in der Gefangenschaft erlitten hatten. Dazu kamen dann Weibergeschichten, das Anbandeln der Alpenjäger mit deutschen Frauen, Mädchen und Dirnen, schließlich die Bajonettstiche auf harmlose Gymnasiasten, die über den französischen Militärdrill gelacht hatten. Zündstoff über Zündstoff, der jetzt in Flammen aufgegangen ist. Es wird nicht Ruhe werden, wenn für die Abstimmung nicht ein naher Termin angesetzt und von alliierter Seite nicht ausdrücklich Garantie für die deutsche Neutralität in Oberschlesien gegeben wird.

[…]

Abzeichen polnischer Sturmtruppen

sd. Berlin. 20. Aug. Der „Tag“ meldet aus Beuthen: In Kattowitz haben Donnerstag abend die Unruhen wieder begonnen. Gegen 6 Uhr eröffneten die Besatzungstruppen das Feuer. Zunächst schien es sich um Schreckschüsse zu handeln, bis dann stärkeres Maschinengewehrfeuer die Straßen abstreute. Sofort gab es eine Anzahl Verwundete. Die Sicherheitspolizei versuchte die Massen zurück zu treiben. Von höherer Stelle wurde um 6 Uhr versichert, daß die Lage außerordentlich ernst sei. Gegen 7 Uhr setzte sich das Panzerauto mit folgenden Automobilen mit Besatzungstruppen in Bewegung und fuhr, rücklings feuernd, durch die Straßen.

sd. Breslau, 20. Aug. Als Opfer der Dienstags-Straßenkämpfe sind nach einer Mitteilung der Gemeindebehörden Kattowitz 21 Tote und 41 Verwundete, als Opfer der Schießerei am Mittwoch abend 6 Tote und 11 Verwundete festgesetzt worden.

Quelle:

Jenaische Zeitung vom 20.8.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00277666/JZ_Jenaische_Zeitung_169419428_1920_08_0095.tif

 

Bilder:

http://www.simplicissimus.info/uploads/tx_lombkswjournaldb/pdf/1/25/25_21.pdf

https://pl.wikipedia.org/wiki/Powstania_%C5%9Bl%C4%85skie#/media/Plik:Cap_badge_of_the_Polish_Storm_Detachment_during_Silesian_Uprisings.PNG