100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Rote Kreuzritter gegen Koalition der Willigen

Reichsaußenminister Walter Simons zieht in diesem Artikel Parallelen zwischen dem fortdauernden Krieg in Osteuropa und vergangenen Konflikten. Die Konfliktparteien seien aber unfähig aus der Vergangenheit zu lernen. Deutschland müsse solle sich daher besser komplett raushalten.

Antibolschewistische Propaganda ("Für ein einiges Russland")

Kreuzzüge und Koalitionskriege.

Von Dr. Simons,

Reichsminister des Auswärtigen.

Der bekannte russische Agent Burzew hat in der „Vossischen Zeitung“ einen Artikel veröffentlicht, der in seinem flammenden Eifer und seiner agitatorischen Kraft an die Kreuzzugspredigten des heiligen Bernhard von Clairvaux erinnert. Ich hoffe von Herzen, daß sein Aufruf zum Kampf gegen Sowjet-Rußland im deutschen Volke kein Echo findet. Sollte sich wirklich die deutsche Jugend, die für die Größe des alten Reiches so furchtbare Opfer gebracht hat, dazu verführen lassen, die letzte Kraft des neuen Deutschlands in den Kampf gegen den Bolschewismus zu werfen, so würde sie zu spät erkennen, daß sie nicht für die Ideen der abendländischen Kultur, sondern für die Milliardenforderungen der Gläubiger Rußlands geblutet hat. Ich glaube gern, daß Herr Burzew von reinstem Eifer für seine Sache durchglüht ist; aber auch der heilige Bernhard wußte nicht, daß er die Geschäfte der italienischen Reder, Händler und Bankiers besorgte.

Der Bolschewismus hat als Formel eines praktischen Glaubens viel Aehnlichkeit mit dem Islam. Er ist wie dieser eine verzehrende Flamme; man kann seinen Bekennern die Propaganda ebensowenig verbieten, wie man die Nachfolger des Propheten davon hätte abhalten können, die Lehre des Koran zu verbreiten. Wie der Islam allmählich an di Grenzen anstieß, die seiner Ausdehnung durch geistige Struktur der abendländischen Völker und durch seine eigene religiöse Einseitigkeit gesetzt waren, so wird auch der Bolschewismus seine natürlichen ethnographischen Schranken finden. Die deutsche Natur ist nicht bolschewistisch; nur der Krankheitszustand, in den Krieg und Blockade unsere Bevölkerung versetzt haben, öffnete den kommunistischen Ideen einen so breiten Eingang in den Volksorganismus.

Der Deutsche ist aber äußerst empfindlich gegen die Verfälschung des geistigen Kampfes durch materielle Machtmittel; jeder Versuch, uns mit Feuer und Schwert von der Richtigkeit der bolschewistischen Ideen zu überzeugen, würde eine geschlossene Gegnerschaft finden. Wir haben weder für den Kreuzzug Westeuropas gegen den Bolschewismus, noch für den heiligen Krieg des Bolschewismus gegen Westeuropa etwas übrig.

Es gibt aber noch eine andere Analogie für die heutige Lage, sie wird in einem Artikel des „Temps“ ausführlich dargelegt. Das ist die Analogie der russischen Revolution und ihrer Gegenwirkungen mit der französischen Revolution und den Koalitionskriegen. Wie sich nach 1790 die Kabinette Europas als Exponenten der Interessen des ersten und zweiten Standes gegen die gewaltsame Erhebung des französischen, vom dritten Stande geführten Volkes zusammenscharten, so erleben wir jetzt die Versuche der kapitalistischen Regierungen des Westens, gemeinsame Aktionen gegen die kommunistische Regierung Rußlands ins Werk zu setzen. Wir sehen dieselbe gefährliche Emigrationspolitik, die den alten Mächten Europas um die Wende des 18. Jahrhunderts so schwere Niederlagen eingetragen hat. Die französische Revolution ist gegen alle Koalitionen siegreich geblieben, so lange sie als Weltanschauung angegriffen wurde, so lange man im Namen der alten Ordnung gegen sie zu Felde zog; sie unterlag in ihrem genialsten Führer, als sie sich angemaßt hatte, ihre politische Daseinsform den anderen Völkern gewaltsam aufzudrängen. In der Verteidigung des eigenen Bodens und der eigenen Art fanden Spanien, Rußland und endlich Deutschland die Kraft, dem Siegeslauf der französischen Revolution Halt zu gebieten.

Man lernt Geschichte, aber man lernt nicht aus der Geschichte. Sonst würde Frankreich nicht die Seele der neuen Koalitionskriege gegen das revolutionäre Rußland sein; sonst würde Rußland sich hüten, seine revolutionären Ideen mit Waffengewalt in das Gebiet fremden Volkstums hineinzutragen. Aber wie dem auch sei, die deutsche Politik wird weder den einen noch den anderen Fehler mitmachen. Sie wird ehrlich neutral bleiben, und wer sie daran hindert, das hoffe ich zuversichtlich, das deutsche Volk zu geschlossener Abwehr bereit finden. Wenn auch die Machtmittel Deutschlands durch den Frieden von Versailles zerschlagen sind, so ist es doch selbst für die heutigen Gewalthaber gefährlich, den einheitlichen Willen eines großen Volkes zu mißachten.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung vom 3.8.1920

 

Bild:

https://en.wikipedia.org/wiki/Russian_Civil_War#/media/File:%D0%97%D0%B0_%D0%B5%D0%B4%D0%B8%D0%BD%D1%83%D1%8E_%D0%A0%D0%BE%D1%81%D1%81%D1%96%D1%8E.jpg