100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Stoppt die Mietexplosion!

Eine zu erwartende Mietsteigerung und ein Wertzuwachs an Immobilien ist aus Sicht des Jenaer Volksblattes eine Katastrophe und solltemit gesetzlichen Mitteln verhindert werden.

Mietstreik: 1932 in Berlin

Die Frage der Mietsteuer

Vom Reichsarbeitsministerium wird geschrieben:

Die Wohnungsnot, die immer unerträglicher wird, kann nur durch Neubauten gelindert werden. Diese erfordern aber auf Jahre hinaus besondere Zuschüsse, da die Herstellungskosten, die zurzeit etwa das Zehnfache der Friedenspreise betragen, aus den Mieten nicht verzinst werden können. Die Finanzlage des Reiches, der Länder und der Gemeinden lässt jedoch solche Zuschüsse nur möglich erscheinen, wenn dafür Deckung aus einer besonderen Quelle erfolgt.

Für längere Zeit wird die bisherige Zwangswirtschaft auf dem Wohnungsmarkt nicht mehr in vollem Umfange aufrechterhalten werden können. Da die Wohnungsmieten im Vergleich zu der allgemeinen Preissteigerung niedrig geblieben sind, wird dann damit zu rechnen sein, daß die Wohnungsmieten und mit ihnen die Preise der bebauten Grundstücke eine recht erhebliche Steigerung erfahren, so daß trotz der anzuerkennenden hohen Selbstkosten des privaten Hausbesitzes noch ein darüber hinausgehender erheblicher Wertzuwachs für den Vermieter zu erwarten ist. Greift die Gesetzgebung nicht rechtzeitig ein, so würde eine erhebliche Belastung der Mieter zugunsten des privaten Hausbesitzes erfolgen, für die es nach dem soeben Gesagten an jeder Rechtfertigung fehlt. Diese muss verhütet werden, indem die betreffende Steigerung von vornherein für die Gesamtheit nutzbar gemacht wird. Die so verfügbar werdenden Mittel können dann zur Gewährung von Zuschüssen für Neubauten Verwendung finden, so daß ein Ausgleich zwischen den Mieten in alten und neuen Wohnungen hergestellt wird.

Der geplanten Abgabe liegt daher ein sehr berechtigter sozialer Gedanke zugrunde: Die Verhinderung eines fachlich nicht gerechtfertigten Wertzuwachses für den privaten Hausbesitz. Sie ist andererseits die einzige Quelle, aus der die für die Neubautätigkeit dringend notwendigen Gelder geschöpft werden können. Wenn daher die Erhebung einer Abgabe vom Grundbesitz zur Finanzierung der Neubauten nicht erfolgt, so würde die bisherige Wohnungsnot mit allen ihren bedenklichen Folgen für die weiteren Kreise der Bevölkerung verewigt werden.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 11.8.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273659/JVB_19200811_187_167758667_B1_001.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00371080

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Mietstreik#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_146-1970-050-13,_Berlin,_Mieterstreik.jpg