100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Überparteiliche Räteschule in Jena

Nach der Verabschiedung des Betriebsrätegesetzes im Februar gibt es Schulungsbedarf für die zahlreichen neuen Betriebsratsmitglieder. Die USPD gründet in Jena eine Räteschule für Thüringen, die dem Selbstverständnis nach überparteilich angelegt und allen Arbeiterparteien offen stehen soll.

Rätebewegung.

Räteschule der Jenaer Arbeiterschaft.

Gen. Dr. Korsch unterbreitet den Jenaer Betriebsräten folgenden Entwurf einer Räteschule. Die Vollversammlung am Montag stimmte ihm grundsätzlich zu.

Geplant sind zunächst 6 Kurse an 3 Abenden der Woche, jeder Kursus 12 Vollstunden in einem Quartal (Mitte September – Mitte Dezember?).

  1. Kursus: Organisation des modernen Fabrikbetriebes.
  2. Kursus: Buchführung und Bilanzkunde für Betriebsräte.
  3. Kursus: Arbeiterrecht für Betriebsräte.
  4. Kursus: Der Betriebsrat im schriftlichen Verkehr mit Arbeitgebern, Behörden, Gewerkschaften und anderen Stellen.
  5. Kursus: Soziologie und Volkswirtschaftslehre.
  6. Kursus: Zwischen Kapitalismus und Sozialismus (Wirtschaftspolitische Uebergangsprobleme, Sozialisierung, Räte).

Als Lehrkräfte sind vorläufig in Aussicht genommen: Dr. Luserke, Wickersdorf, und Dr. Paul Reiner, Wickersdorf, (Kursus 1 und 2), Dr. Karl Korsch (Kursus 3 und 6), Wittsogel-Gera (Kursus 5), D. Hedda Korsch (Kursus 4).

Methode in allen Kursen Arbeitsgemeinschaft. Teilnehmerzahl jedes Kurses mindestens 20, höchstens 50. Die Teilnehmer müssen sich zu regelmäßigem Besuch verpflichten. Wer zweimal hintereinander ohne genügende Entschuldigung einen Kursus versäumt, kann an ihm nicht weiter teilnehmen. Bei der Zulassung haben Betriebsräte den Vorzug vor anderen Bewerbern. Jedem Teilnehmer wird die Beteiligung an zwei bis drei Kursen auf einmal empfohlen, um einen zusammenhängenden Schulbetrieb möglich zu machen. – Nach Bedarf können Fachkurse für die einzelnen Industriegruppen eingerichtet werden (z. B. Mikroskop für Optiker, Chemie für Glasarbeiter). Die Lehrkräfte müssen ausnahmslos erstklassige Pädagogen sein; Fachkenntnisse allein genügen nicht.

Als Zeit werden vorgeschlagen für 6 Vollstunden jeder Dienstag, Donnerstag, Freitag, 7 – 8 ½ und 8 ½ bis 10 Uhr, mit Pausen. Die Leitung der Schule ist verpflichtet, in den ersten Wochen in sämtlichen Kursen regelmäßig zu hospitieren.

Das Schulgeld sollte pro Kursus wenigstens 6 M. (50 Pfg. für die Vollstunde) betragen und für den ganzen Kursus auf einmal im voraus bezahlt werden. Die Finanzierung müßte im übrigen durch Vollzugsausschuß, die Gewerkschaften und Volkshochschule erfolgen.

Vorbedingung für Lehrer und Hörer: Zugehörigkeit zu einer sozialistischen Partei. Der Unterricht erfolgt im sozialistischen Sinne; Parteipolitik ist ausgeschlossen. Grundsätzlich müßten die Lehrkräfte und die Leitung für ihren Zeitaufwand angemessen entschädigt werden (Grundlage: Stundenlohn des qualifizierten Arbeiters, auch für die notwendige Vorbereitungszeit). An Lichtbildern, graphischen Darstellungen und hektographierten oder gedruckten Hilfsmitteln für den Unterricht dürft nicht gespart werden; überflüssiger Aufwand ist selbstverständlich zu vermeiden.

Quelle und Bild:

Neue Zeitung vom 13.8.1920