100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Was ist mit Weimars Kindern?

Die Säuglingssterblichkeit ist aufgrund der schlechten Versorgungslage sehr hoch. Private und staatliche Einrichtungen versuchen mit Milchküchen gegenzusteuern, die Säuglingsnahrung bereitstellen. In diesem offenen Brief an den Weimarer Oberbürgermeister wird ein stärkeres finanzielles Engagement der Stadt gefordert.

Feodora von Sachsen-Meiningen - Namensgeberin des Feodora Pflege-Heimes bei Weimar

Stimmen aus dem Leserkreise.

Offener Brief an den Herrn Oberbürgermeister!

Gerade in der letzten Sekunde vor 12 Uhr wende ich mich an Sie, Herr Oberbürgermeister. Als seinerzeit die Vorstellung der einzelnen Oberbürgermeisterkandidaten stattfand, stellte jeder seine soziale Fürsorge fürs Allgemeinwohl in ein besonderes Licht. Ihre Art führte zu Ihrer Wahl. Sie werden natürlich erst in den neuen Betrieb sich einfühlen müssen, trotzdem sollte dauernd Ihr Auge herumschweifen, wo sie sogleich energisch die Wucht Ihrer Macht zeigen könnten. Herr Oberbürgermeister, vor Ihrem Hause müßte eine Massenkundgebung Weimarischer Mütter erfolgen mit ihren Säuglingen auf den Armen. Wortlos müßte jede Ihnen ein Fähnchen entgegenhalten, worauf zu lesen steht: Geht uns gesunde Säuglingsnahrung. Aber warum erscheinen die Mütter nicht? Sie haben nicht Zeit, Herr Oberbürgermeister, die Säuglinge leiden unter der Hitze in den heißen Wohnungen; sie haben Brechdurchfall und andere Magenerkrankungen und die Mütter laufen wie die Ameisen und laufen einen ganz bestimmten Weg und bitten um Nahrung für ihre lieben, schreienden Säuglinge. Aber wo, Herr Oberbürgermeister? Wissen Sie das? wohl nicht? In die Milchküche des Feodora-Heims; dort wird für alle kranken Kinder aller Stände in sorgfältiger Weise die rechte Kost gerichtet. Malzsüppchen für ganz geschwächte; Eiweißmilch für kranke, schwächliche, ernährungskranke Kindlein. Ist das nicht sehr löblich, Herr Oberbürgermeister? Sie nicken mit dem Kopfe Beifall? Nun, diese Milchküche hat am letzten Mittwoch zum letzten Male Nahrung verausgabt, wie am Sonnabend Schluß der Säuglingspflege ist. Die Milchküche ist geschlossen und die Mütter laufen ratlos durcheinander wie Ameisen in einem gestörten Ameisenhaufen und suchen vergeblich den Ort, wo sie sich sammeln sollten. Ich wüßte recht wohl den Ort. Wie die Ameisen ihre Puppen sammeln, um sie zu retten, müßten die Mütter ihre Säuglinge nehmen, vor Ihrem Hause oder dem Rathause Ihnen entgegenhalten, ganz stumm, Herr Oberbürgermeister, damit Sie aus dem Verzweiflungsblick der Mütter und dem Hilfeschrei der Kleinen lesen könnten das eine: Hilf, erhalte uns die Milchstation, wenigstens solange noch die heißen Monate dauern …

Wenn einer der Oberen kein Bedürfnis für Erhaltung des ganzen Feodora-Heims anerkennen wollte und auf die Kinderabteilung des Sophien-Heimes oder das Jenenser Kinderstift verwies, so kennt er leider die Verhältnisse zu wenig. Die im Sophien-Haus vorhandenen 6 Betten (im Gegensatz zu den 60 dauernd im Feodora-Heim belegten) sind zunächst für chirurgisch kranke Kindlein bedacht (Hasenscharte, Krämpfe, Bruch) und nicht für Magenkranke oder Brechdurchfällige, und im Jenenser Kinderstift ist nach Ibrahims eigenen Worten für Weimaraner kein Platz. Wohin nun mit den 60 Kleinen aus Weimar und Umgebung, die nur ganz sachkundige Helfer retten können. Eine Milchküche besitzt das Sophien-Haus nicht, wäre dort auch nicht sogleich einzurichten. Herr Oberbürgermeister, gebrauchen Sie Ihre Einsicht und Macht. Nehmen Sie sich ein Beispiel am Staatsetat: Das Bauhaus erhielt einmal fast eine Million, jetzt jährlich 350.000 Mark. Wofür wohl? Es ist Saat für die Zukunft; vielleicht geht einer der Kunstbeflissenen einmal in die Wüste und verinnerlicht sich dort und kommt als Kunstmessias zurück und durchgeistig und kontempliert all das, was uns jetzt noch krankes Tasten nach neuartigem Ausdruck noch neuartigerer Gedankengänge erscheint.

Sie aber, Herr Oberbürgermeister, würden sofort sichtbare Erfolge Ihrer Fürsorge für die Kleinsten in der Abnahme der Kränklichkeit der Kleinsten sehen. Es sind Ihre künftigen Mitarbeiter, Herr Oberbürgermeister, und sie werden Ihnen einmal dankbare Mitarbeiter sein, weil Sie Ihre Macht richtig anwandten und sagten: Ich will sorgen: In corpore sano … mens sana, koste es was es wolle, es geht um Weimars Kinder.

Wo bleiben aber eigentlich die Aerzte, die geborenen sozialen Anwälte ihrer Mitbürger, geboren? nein wohl nicht, denn dann wären sie zur Stelle. Ihr Aerzte, wo bleibt Ihr, die Hüter der Hygiene, die Verantwortlichen für die Wiedergesundung unseres Volkes, die Tröster der Kranken; euer herrlichster Beruf ist doch eine Ehrenmission und erst ganz zuletzt Geschäft und ihr seid doch soviel näher als ich. Lieber Herr Oberbürgermeister, helfen Sie bitte den Kleinsten, den Hilflosesten durch Erhaltung der Milchstation mittels Subvention, auch wenn es mehr sind als die 15.000 M.

Oberlehrer Dr. Müller, Waltershausen-Berka.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung vom 1.8.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Feodora_von_Sachsen-Meiningen_(1890%E2%80%931972)#/media/Datei:Feodora_of_Saxe-Meiningen,_grand_duchess_of_Saxe-Weimar-Eisenach.jpg