100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Wer bewegt sich zuerst?

Über den Sommer gibt es keine Fortschritte bei der Bildung der Thüringer Landesregierung. Die DDP als potentielle Königsmacherin kann sich nicht für den Lins- oder den Rechtsblock entscheiden. Folgerichtig fordert das DDP-nahe Jenaer Volksblatt die Auflösung der Blöcke, um eine Koalition der Mitte zu ermöglichen.

Karikatur des Simplicissimus

Die Demokraten und die Regierungsbildung.

Den „starken“ Parteien rechts und links von den Demokraten wird die Situation allmählich ungemütlich. Die Wählerschaft verlangt Taten, Einlösung der großen Wahlversprechungen. Vor den Wahlen blähten sich die Rechts- und Linksparteien gar gewaltig auf – nahezu Berge versprachen sie verletzen zu können! – und nun sind sie trotz ihrer „Stärke“ nicht einmal in der Lage, eine Regierung bilden zu können. Der Landbund hat sich ja in seinem Blatt Vorschußlorbeeren in Masse geben lassen; er hat Entschließung über Entschließung gefaßt, aber irgend etwas Greifbares zur Regierungsbildung hat er bisher nicht schaffen können. Schmeichlerische Wahlreden allein machen es nicht. Auf die positive Mitarbeit kommt es an. Diese aber wurde durch den festen Zusammenschluß von Landbund, Deutschnationaler Volkspartei und Deutscher Volkspartei erschwert. Denn gewissermaßen automatisch schlossen sich die beiden sozialistischen Fraktionen nun auch zusammen und verhalfen der U. S. P. als der stärkeren Fraktion zu größerem zu größerem Einfluß. Die durch die Zusammenschlüsse der Parteien erfolgte Stärkung der extremen Strömungen verhindert jede Regierungsbildungsmöglichkeit.

Die Deutsche Volkspartei, der „unpolitische“ Landbund und die Mehrheitssozialdemokraten tragen die Schuld an der verfahrenen Situation. Die Demokraten haben durchaus korrekt und richtig gehandelt, wenn sie es ablehnen, extreme Links- oder Rechtspolitik ermöglichen zu helfen. Die sozialistische „Freie Presse“ und die nationale „Jenaische Zeitung“ sind deshalb ganz aus dem Häuschen geraten und fallen gemeinsam über die Demokraten her, indem sie geschmackvoll meinen, die Demokraten „befänden sich in der Lage jenes bedauernswerten Esels, der nicht wußte, ob das rechte oder linke Bündel Heu das bessere Futter sei, und der deshalb von keinem fraß und elendiglich verhungern mußte“. Die „Jen. Ztg.“ findet das Bild besonders schön. O, nein, so steht die Sache doch nicht. Die demokratischen Esels leiden nicht an Futtermangel, sie bedanken sich, ihren Kollegen rechts und links das Futter wegzunehmen. Die Kollegen mögen sich mit ihren Disteln die eigenen Zungen zerstechen!

Auflösung der Flügelfraktionen ist die Voraussetzung für die Regierungsbildung. An den Demokraten liegt es also nicht.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 2.8.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273651/JVB_19200802_179_167758667_B1_001.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00371072

 

Bild:

http://www.simplicissimus.info/uploads/tx_lombkswjournaldb/pdf/1/25/25_14.pdf