100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Alle sollen es wissen!

Die Rhön-Zeitung berichtet über die Publikation von Akten des Auswärtigen Amtes aus dem Kaiserreich, die den Ausbruch des Weltkrieges erleuchten sollen. Große Bedeutung wird dem Umstand beigemessen, dass diese Quellenedition für Forschungszwecke verwendet werden soll und daher keine Anmerkungen der Herausgeber beinhaltet. In der Tat entspannt sich bereits in der Weimarer Republik eine rege öffentliche Diskussion über die Ursachen des Kriegsausbruchs und den deutschen Anteil hieran.

Öffnung der Amtlichen Archive

Die Deutschen Dokumente über den Kriegsausbruch

Die Deutsche Regierung veröffentlicht jetzt die gesamten deutschen Akten des Auswärtigen Amtes über den Kriegsausbruch. Nachdem Karl Kautsky in den Frühtagen der Revolution die Sichtung und Zusammenstellung der Dokumente begonnen und mit mehreren Mitarbeitern im Laufe einiger Monate vollendet hatte, wurde die Vorbereitung für den Druck in Zusammenarbeit mit ihm von Graf Max Montgelas und Professor Walther Schücking zu Ende geführt.
Die seit mehr als einem Jahre vorbereitete Sammlung umfasst, ohne den eigentlichen Kautsky-Band, der vorzeitig bereits von der ausländischen Presse veröffentlicht wird, vier Bände, die den Zeitraum vom Attentat in Sarajevo bis zur Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Russland einschließen und mit Inhaltsverzeichnissen, Zeittafeln, sowie verschiedenen wichtigen diplomatischen Aktenstücken versehen sind. Die Gesamtzahl der veröffentlichten Aktenstücke beträgt 1123, von denen 937 im vollen Wortlaut, 186 dem wesentlichen Inhalt nach angeführt sind.
Das Ganze soll als wissenschaftliche Quellensammlung für die unbefangene Beurteilung der Ereignisse durch den Politiker und Historiker dienen, weshalb von den Herausgebern grundsätzlich auf jede materielle Beurteilung verzichtet wurde. Jedes Dokument darin ist vollständig abgedruckt worden ohne Auslassung, Zusatz oder Veränderung. Die Aktenstücke sind in streng chronologischer Reihenfolge angeordnet. Die zahlreichen Anmerkungen haben zumeist Text kritischen Inhalt. Über die von Kautsky in den Abdruck der diplomatischen Urkunden mit aufgenommenen Randbemerkungen des Kaisers lehnen die Herausgeber an dieser Stelle ab, zu sagen, welche grundsätzliche Bedeutung ihnen für den Gang der Ereignisse beizumessen sei. Gelegentlich ergebe sich aus den Akten selbst, dass die Randverfügungen zu spät eintrafen, um für die Entscheidung noch irgendwie bewertet werden zu können. In anderen Fällen ergeben die Akten, dass es sich um Weisungen handelt, die nicht zur Ausführung gelangt sind. Sehr häufig handelt es sich nicht um den Ausdruck momentaner Stimmungen. Die Herausgeber verkennen schließlich nicht, dass in der auswärtigen Politik auch Privatbriefe eine bedeutsame Rolle zu spielen pflegen, von denen sie für die vorliegende Veröffentlichung nur eine Anzahl in den Akten vorgefunden, ebenso die Telefongespräche, die sich natürlich jeder nachträglichen Kontrolle entziehen.
Eine vollständige Aufstellung der Vorgänge würde nur dann zu erreichen sein, wenn die ehemals feindlichen Staaten sich entschließen könnten, mit derselben rückhaltvollen Offenheit ihre Urkunden dem Publikum der ganzen Welt vorzulegen, wie es die deutsche und österreichische Regierung getan haben.

Quelle:

Rhön-Zeitung vom 11.12.1919

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00172672/RhoenZ_1919-1069.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00199299

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Walther_Sch%C3%BCcking#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_146-1971-037-34,_Die_deutsche_Friedensdelegation.jpg