100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Ausländer? An deutschen Schulen?!

In der Weimarischen Landes-Zeitung lässt der Schriftsteller und Heimatkundler Leonhard Schrickel seinem Unmut über das Bauhaus freien Lauf. Er hält die neue Ausrichtung der Kunstschule für „undeutsch“, unprofessionel und nicht zu dulden. Bekanntlich wird das Bauhaus Weimar ob der lokalen Widerstände 1925 tatsächlich in Richtung Dessau verlassen müssen.

Emblem des Bauhaus

Was geht vor?

=  W e i m a r , den 18. Dezember 1919.

Wir hatten in Weimar eine Künstlerschar, auf die wir stolz sein konnten, Leute, die nicht durch Cliquenwirtschaft sich einen Namen gemacht hatten, die nicht der Klüngel trug, sondern die sich durch ihre  L e i s t u n g e n  einen Namen zu machen verstanden hatten, und nicht etwa nur in Weimar, sondern in der ganzen Kunstwelt, und die getragen wurden durch ihr künstlerisches Ansehen, das sie in der Stadt und überall in der Welt genossen. Wo sind sie hin? A n  d i e  W a n d  g e d r ü ck t!, mit Respekt zu sagen. Nicht, weil ihre künstlerischen Leistungen nun mit einem Male nichts mehr wert wären, sondern weil sie zu vornehm und zu bescheiden sind, um mit zu konkurrieren, wo nicht allein das künstlerische Rüstzeug entscheidet. Sie stehen still zurück. Die sich jetzt entwickelnden Ereignisse, die einer Krise endlich entgegentreiben, werden zeigen, hinter wem.

Man könnte nun hier einwenden, daß diese Angelegenheiten rein künstlerische Sachfragen seien; doch das ist ein zwar alter, aber darum nicht weniger schlimmer Irrtum. Denn die Kunst ist eine eminent öffentliche Angelegenheit, zu der Stellung zu nehmen nicht nur die Presse, sondern die ganze Bürgerschaft die  P f l i ch t  hat. Insbesondere die Weimarer Bürgerschaft, denn Weimar ohne seine Kunst hört einfach auf, Weimar zu sein. Sowohl der Staat als auch die Stadt haben also ein Interesse daran, unterrichtet zu werden, wie es denn um die hiesige Kunst und die hiesigen Kunststätten bestellt ist. Und da muß denn einmal offen gesagt werden, daß da zum Teil geradezu unglaubliche Zustände herrschen.

Fassen wir zum Beispiel einmal unsere vormals weithin im allerbesten Rufe stehende  K u n st s ch u l e  ins Auge. Wurde sie früher geleitet von Künstlern, die sich auf Grund hervorragender Leistungen einen allenthalben geachteten Namen erworben hatten, so steht sie jetzt unter der Leitung eines selbst in Künstlerkreisen fast völlig unbekannten Herrn, der Architekt ist oder war. Jene Fähigkeiten, die notwendig sind, ein Kunstinstitut wie unsere Weimarische Kunstschule zu leiten, hat er zu beweisen noch keine Veranlassung genommen, wenn man seine Bemühungen, mit den vornehmen Traditionen dieser Kunstschule aufzuräumen, nicht für Beweise gelten lassen will. Er hat, wie man hört, zunächst nur das eine erreicht, daß sich unsere bekannten Künstler fast ganz zurückgezogen haben, zumal sie obendrein den Eindruck gewinnen mußten, daß es darauf angelegt sei, alle diejenigen, die ernste künstlerische Arbeit zu leisten sich gedrungen fühlen systematisch aus dem „Bauhaus“ herauszuspedieren. Da ist es denn auch nicht erstaunlich, wenn unter unseren bewährten Künstlern eine gewaltige Erregung herrscht.

Aber auch ein großer Teil der Schüler, die bei der im „Bauhaus“ jetzt beliebten Methode keine künstlerische Förderung mehr finden, bäumen sich gegen die dort herrschenden Zustände auf. Ist es denn aber auch nur glaublich, daß Schülern die Ateliers sozusagen gesperrt werden, weil man diese Ateliers als Schlafräume für  A u s l ä n d e r  braucht? Ist es denn glaublich, daß in dem Schülerrat unserer Weimarischen Kunstschule die Meinung von  A u s l ä n d e r n  maßgebend ist? Daß  A u s l ä n d e r  über deutsche Kunstschüler zu Gericht sitzen? Leute, denen man ihre undeutsche Abstammung (Galizien? Slowakei?) auf meilenweite ansieht? Die sich mit ihrer „internationalen“ (richtig: anationalen-vaterlandslosen) Gesinnung geradezu brüsten? Die ein antideutsches Heerlager bilden, um die deutschgesinnten und deutschgeborenen Schüler hinauszubeißen? Und das alles unter den Augen der Leitung, die nervös wird, wenn ein Schüler in öffentlicher Versammlung und  d u r ch a u s  u n p o l i t i s ch  sein Deutschtum betont?, also vom Recht des freien Staatsbürgers im freien Staat bescheiden genug Gebrauch macht. Ist es denn nur glaublich, daß hier in Weimar, der Stadt Schillers und Goethes, Ausländern, die eine in dieser für  a l l e  Stände bitter schweren Zeit geradezu als verbrecherisch zu bezeichnende Propaganda gegen deutsche Kunst und deutsches Wesen treiben, allerhand Erleichterungen (freies Studium, freie Wohnung, Freitische) gewährt worden oder zu verschaffen angestrebt wird, während unserer deutschen Kunstjüngern, die z. T. im Felde für unser Vaterland gekämpft und geblutet haben, die ihnen etwa bewilligten kärglichen Erleichterungen genommen werden sollen, wenn man ihnen derlei Erleichterungen überhaupt zugesteht?

Gleichviel ob es sich bestätigt oder nicht, daß gerade jene ausländischen Elemente mit dem Münchener Spartakistenführer Sachs hier konferiert haben, es unterliegt nach alledem, was man erlebt und festzustellen sich genötigt sieht, keinem Zweifel, daß im „Bauhaus“ ein Geist gepflegt wird, der ebenso undeutsch wie unkünstlerisch anmutet. Und dagegen muß endlich Offenfront gemacht werden! Wir  w o l l e n  diese Umtriebe  n i ch t ! Wir wollen diese den Ruf Weimars als Kunststadt und Kulturstätte zerstörenden Machenschaften  n i ch t  l ä n g e r  d u l d e n !

Politik gehört nicht in die Kunst und erst recht nicht in die Kunstschulen. Man arbeite und leiste etwas. Ist man zum ernsten Studium – wozu eine selbst von maßgeblicher Stelle als „schauderhafte Klexerei“ bezeichnete, sich in den unbeschreiblichen Mappenentwürfen (für Weimar!) austobende Farbenauftragung auf Leinwand oder Pappe nicht gerechnet werden kann –, nicht geneigt oder ist man zu einer hervorragenden Leistung nicht befähigt, dann trete man ab. Es kann jedenfalls nicht Aufgabe unseres verarmten Staates und der für soziale Ausgaben stark in Anspruch genommenen Stadt sein, Kunstschulen von zweifelhafter Beschaffenheit mit den Steuergroschen der Bürgerschaft zu unterhalten.

Soviel wir wissen, besteht die Absicht, diese hier nur in groben Umrissen angedeuteten Fragen demnächst an entscheidender Stelle zur Sprache zu bringen. Es scheint notzutun, denn weder die weiteren Kreise der Bürgerschaft noch die Regierung scheinen über die tatsächlichen Verhältnisse genügend unterrichtet zu sein, sonst würde im Interesse Weimars, dem wir alle zu dienen haben und als sozialdenkende, aufrichtig am Fortschritt der Menschheit arbeitende Deutsche auch alle dienen  w o l l e n , gleichviel welcher politischen oder nichtpolitischen Organisation wir angehören, – sonst, meine ich, würde der wachsenden Zerstörung längst Einhalt geboten worden sein. Man denke nicht, daß es gleichgültig sei, ob unsere Künstler etwas lernen und  w a s  sie lernen: ob sie etwas leisten oder nicht; sowohl der Beamte wie der freie Arbeiter, der Gelehrte wie der Ungelehrte, sie sind alle gleicherweise an diesen Dingen beteiligt; es gilt für  j e d e n  das tua res agitur!, denn ob wir uns dessen bewußt sind oder nicht: die Kunst ist eine – im Goetheschen Sinne – dämonische Macht, die auf tausend unsichtbaren Wegen ihre kulturbildenden, glückschaffenden Werte in unser Leben trägt; die uns mit ungezählten feinen Fäden an das übermenschliche, kosmische Allwalten bindet und uns mehr als alles andere begriffene und unbegriffene Wesenhafte des Daseins die beseligende, vom Alltag und seinen niederziehenden Gewalten erlösende Gewißheit von den Zusammenhängen des Weltgeschehens gibt, uns eine Heimat in der enden- und grenzenlosen Allmutter Natur schafft. Hier wahrlich springen Quellen des Lebens, aus denen wir, vielleicht ohne es zu ahnen und zu spüren, gedrängt werden, und die, wenn wir sie uns trüben lassen, nicht nur  u n s , sondern auch, was tausendmal schlimmer ist: die kommenden Generationen verarmen und verderben. Jene Quellen zu hüten ist also für  j e d e r m a n n  eine heilige Pflicht, in erster Linie aber freilich für unsere Künstler.  S i e  haben jetzt vor allem das Wort. An ihnen ist es, hervor zu treten und rückhaltlos zu dem, was da gemacht worden ist, Stellung zu nehmen, denn ihnen gilt noch immer Schillers:

„Der Menschheit Würde ist in eurer Hand gegeben, Bewahrt sie!

Sie sinkt mit euch! mit euch wird sie sich heben!“

L e o n h a r d  S ch r i ck e l.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 19.12.1919

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Bauhaus#/media/Datei:Bauhaus-Signet.svg