100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Bauhaus und „nationale Kunst“

Das Bauhaus ist Gegenstand heftiger Kontroversen. Allerdings steht hier weniger die Kunst an sich im Vordergrund des Streits, sondern der von rechtsnationaler Seite vorgebrachte Vorwurf, dass das Bauhaus keine „nationale Kunst“ betreibe und (oh Schreck) ausländische Studierende akzeptiere. Die Leitung des Bauhauses um Walter Gropius reagiert mit einem offenen Brief. Die Kontroverse wird jedoch weiter gehen, wie ein Leserbrief des Architekten Paul Klopfer veranschaulicht.

Walter Gropius

Das „Staatliche Bauhaus“ in Weimar und die öffentliche Diskussion.

Mit Genehmigung des Kultusministeriums gibt die unterzeichnete Leitung und der meiste Rat des Staatlichen Bauhauses folgende Richtigstellung der am 14., 19. und 20. Dezember in der Weimarischen Landeszeitung „Deutschland“ abgedruckten Auslassungen bekannt:

Es ist unwahr, daß der Schüler Groß von der Leitung des Staatlichen Bauhauses gemaßregelt worden ist. Es ist unwahr, daß ihm ein Stipendium entzogen wurde. Sein Verhalten in einer öffentlichen Versammlung führte zu einer spontanen Empörung der großen Mehrheit der Schülerschaft. Er zog darauf selbst die Konsequenzen seiner als verräterisch und undeutsch empfundenen und bezeichneten Handlungsweise und reichte Entlassung ein. Dreizehn von Zweihundertachtundzwanzig Studierenden des Bauhauses traten voreilig, ohne die Stellungnahme der Leitung und des Meisterrates abzuwarten, mit einer auf den unwahren Behauptungen des Schülers Groß aufgebauten Begründung, die den Tatsachen zuwiderläuft, aus dem Bauhaus aus.

Im Staatlichen Bauhaus befinden sich nur deutschsprechende Schüler deutscher Herkunft, und zwar 203 Reichsdeutsche, 14 Deutschösterreicher, 2 Deutschbalten, 2 Deutschböhmen und zwei deutsche Namen tragende Ungarn. Jeder Schüler wird von der Gesamtheit des Meisterrates nach von der Regierung genehmigten Satzungen aufgenommen. Die beiden Obleute der Studierenden, von der Gesamtheit der Schülerschaft gewählt, sind entgegen der falschen Behauptungen  nicht Ausländer, sondern der Reichsdeutsche, frühere Meisterschüler Determann und der Deutschösterreicher Winkelmeyer.

Ebenso unwahr sind die Angaben über die Verteilung der Ateliers. Von der Gesamtzahl der 23 Schülerateliers mit 24 Atelierinhabern ist nur ein Raum mit zwei deutschösterreichischen, besonders befähigten Schülern, Kriegsteilnehmern mit Offiziersrang, belegt, alle übrigen Atelierinhaber sind Reichsdeutsche. Politische Agitation von Studierenden des Bauhauses ist seit seinem Bestehen nur zweimal versucht worden, das erste Mal durch den Schüler Hans Groß durch Herumreichen einer antisemitischen Protestliste, unter der sein eigener Name fehlte, das zweite Mal durch eine deutschnationale Parteirede des Schülers Hans Groß, welche, langer Hand vorbereitet, in der öffentlichen Versammlung vom Freitag, den 12. Dezember, gehalten wurde.

Der in Bauhaus unter den Studierenden herrschende Geist beruht auf den Anschauungen der oben erwähnten zweihundertundacht Reichsdeutschen, 14 Deutschösterreichern, 2 Deutschböhmen, 2 Balten und zwei Ungarn. Die Leitung vermag nicht anzunehmen, daß die Stärke deutscher Gesinnung durch diese wenigen Deutschen fremde Staatsangehörigkeit, welche ihr kulturelles Deutschtum nach Deutschland getrieben hat, gefährdet werden könnte.

Leitung und Meisterrat des Staatl. Bauhauses.

Gropius, Engelmann, Feininger, Fröhlich, Itten, Klemm, Marcks, Thedy.

*

[…]

Was ist neue Kunst?

(Zu dem Aufsatz von Leonard Schrickel vom 14., 19., 20. Dezember 1919.)

Die Sachlage war kurz die: Die Stadtväter waren beleidigt, daß Schüler des Bauhauses die Bemalung eines Raumes im Rathause übernehmen sollten. Die Stadtväter hätten das Anerbieten ruhig ablehnen oder entrüstet von sich weisen können – wer wollte es ihnen verdenken, wenn sie das Rathaus vor „solchem Schmucke“ bewahren wollten? Aber sie machten die Angelegenheit zur Basis eines Angriffes auf das Bauhaus, als den Hort der von Schrickel so bezeichneten „anationalen Kunst“. Sie führten das große Geschütz medizinischer Betrachtungen auf (die der Kunst gegenüber eben Laienbetrachtungen sind) und begaben sich selbst mit ihren persönlichen Anschauungen auf den Kampfplatz, fahnenschwingend, schwerterklirrend, schilderasselnd. Auf den Fahnen stand die alte, Weimarer, vielmehr aber noch die alte Kunst überhaupt. Raffael wurde genannt.

Und hier möchte ich mit meiner kurzen Betrachtung einsetzen. Wenn Raffael als Vorbild für die Kunst unserer Zeit genannt wird, und von der gleichen Seite aus vaterländische Kunst, Volkskunst gefordert wird, so ist das zweierlei. Die Kunst Raffaels, um mit diesem Namen die Kunst der Renaissance zu bezeichnen, ist durch und durch undeutsch. Daß die Deutschen seit Dürer diese Kunst geliebt haben, daß sie nach französischen Einflüssen, nach klassizistischen und romantischen Epochen wieder und wieder darauf verfallen sind, sie zu lieben, das läßt sich zwar kulturhistorisch und volkspsychologisch erklären, nicht aber als vaterländische und völkisch ansprechen.

Deutsche Kunst ist weiter zu fassen, ist über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus zu verstehen, wie die deutsche Seele sich nicht in sie hinein binden läßt, sonst wäre ja nicht Beethoven, wäre auch nicht Rembrandt unser! Denn die waren deutscher als mancher Künstler, der in Raffael sein Evangelium findet.

Deutsch sein in der Kunst heißt aus dem Innersten heraus fühlend schaffen. Im Gegensatz dazu: Welsche Kunst ist immer eine Kunst der Pose. Betrachten Sie daraufhin Raffael, Tizian, auch Rubens! Der Deutsche verliert sich in seinem Stoff, seiner Aufgabe. Meister [Johannes] Itten, ein Lehrer am Bauhaus, sagte kürzlich: Bei Rubens heißt es immer „hier ist Rubens“ – beim deutschen Meister Franke heißt es „hier ist Grablegung, hier ist Anbetung“ usw.

Werde ich verstanden? […]

Allerdings! Es gibt viele Nachahmer und Mitläufer, Leute, die klug voraussehen und Leute, die aufpassen, wie der Meister sich räuspert und wie er spuckt – Leute ohne deutschvölkisches Wollen und Fühlen! – in der Kunst und überall. Die zu erkennen und zurückzuweisen ist Sache der Schule, die zur Kunst führen will. Sache der Lehrer, die die Jugendseele einführen sollen in die Schönheiten der alten Meister, und das vortrefflich tun. Sache des Publikums wird alles Urteilen darüber aber erst, wenn von dem deutschvölkischen Geist, der in der Kunst zu allererst sich da und dort blitzhaft vernehmbar macht, dem Publikum auch sein Teil wird.

Bis dahin werden die Rathauswände längst von zeitgemäßer Künstlerhand bemalt worden sein.

Prof. Dr. Ing. Paul Klopfer.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 23.12.1919

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Gropius#/media/Datei:WalterGropius-1919.jpg