100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Das heroische Zeitalter ist für uns vorbei.“

Georg Gothein (DDP), ehemaliger Finanzminister im Kabinett Scheidemann, macht sich zum Jahresende tiefergehende Gedanken über den Zustand des Landes. Den Versailler Vertrag nennt er einen „Gewaltfrieden“, dem man jedoch seinerseits nicht mit Gewalt entkommen könne. Stattdessen müsse sich Deutschland als Kulturnation neu erfinden und damit an eine reiche Vergangenheit anknüpfen.

Georg Gothein

Deutsche Kulturtaten, die Bürgen der Zukunft.

Von Reichsminister a.D. Georg Gothein.

Der Friedensvertrag von Versailles macht es uns Deutschen unsagbar schwer, zur Völkerverständigung beizutragen. Er ist ein Gewaltfriede, der uns von deutschem Volksstamm bewohnte Gebiete, der uns weite Landstriche deutscher Kultur entreißt, der uns unerträgliche Lasten aufbürdet und uns zur Ohnmacht verurteilt. Wohl müssen wir unbeirrt das Ziel im Auge behalten, diesen unseligen Frieden einer Revision zu unterziehen, die das furchtbare Unrecht, das mit ihm am deutschen Volke verübt wird, aus der Welt schafft. Wir müssen aber darauf verzichten, durch heroische Anstrengungen, durch eine Erhebung mit den Waffen das Joch abzuschütteln, das uns eine Welt von Feinden auferlegt hat. Denn dieser Weg, unsere Weltstellung wiederzugewinnen, ist hoffnungslos. Nicht nur, daß in irgendwie absehbarer Zeit die Stimmung dafür im Deutschen nicht anzufachen wäre, wir müssen uns auch sagen, daß in der Gegenwart wie in der Zukunft der Krieg ein Krieg des Materials wie der Waffen ist. Daß die Bestimmungen des Friedensvertrages uns der Waffen, wie der Möglichkeit, sie herzustellen, berauben. Das heroische Zeitalter ist für uns vorbei. Das mag für männliche Gemüter eine bittere Erkenntnis sein, aber sie ist notwendig. In der Politik ist nichts gefährlicher als Illusionen und Phrasen. Von ihnen müssen wir uns freimachen, wenn wir wirklich Realpolitik treiben, wenn wir Deutschland wieder aufbauen wollen. Das können wir aber nicht, wenn die Welt uns mißtraut; das können wir nicht, wenn wir in dem Gefühl des ungeheuren, uns angetanen Unrechts uns verbittert von der Welt abschließen, uns in Gram verzehren. Wir brauchen die Welt, wie sie uns braucht.

Wir Deutsche müssen alles daran setzen, wieder in friedlichen, freundschaftlichen Verkehr mit den anderen Völkern der Welt zu gelangen, das Ansehen zurück zu erringen, das wir früher genossen, das Mißtrauen zu beseitigen, das uns fast die ganze Welt zum Feinde gemacht hat.

Wir müssen moralische Eroberungen in der Welt machen, nicht nur damit, daß wir ihr zeigen, wie unsagbar arm sie wäre, ohne die hohen Kulturgüter, die sie dem deutschen Volke verdankt; sondern ihr ebenso zu Gemüte führen, daß sie dauernd verarmen würde, wenn sie in Zukunft die Kulturbetätigung Deutschlands entbehren müßte. Wir müssen sie fragen, ob sie es verantworten kann, ein Volk zu versklaven, dem sie die grundlegenden Forschungen auf dem Gebiet menschlichen Denkens, der Philosophie, verdankt! Es sei nur der eine Name „Kant“ genannt. Und wäre die Welt nicht arm ohne die Werke eines Goethe, Schiller, Herder, Lessing? Ist es nicht Weltliteratur, die sie in deutscher Sprache geschaffen haben? Haben nicht unsere großen Tondichter: Gluck, Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Mendelssohn, Schumann, Richard Wagner, Liszt – um aus der gewaltigen Zahl nur einige wenige zu nennen – der Welt die schönsten und reinsten Genüsse geschenkt?

Hat das deutsche Volk nicht auch auf dem Gebiet der bildenden Künste der Welt unendlich viel Schönes gegeben, von den Werken alter deutscher Baukunst von Bildhauern und Malern wie Peter Vischer, Holbein und Cranach an bis in die Jetztzeit! Wahre Kunst wie wahre Wissenschaft können nur international sein, wenn sie auch auf nationalem Boden erwachsen müssen. Wer von fremden Volk, von seinen Geistesleistungen nicht lernen will, der bleibt nach einem Goetheschen Wort „ein Narr auf eigne Hand“.

Wie die deutsche Wissenschaft nur in ständigem Geistesaustausch mit der ausländischen ihre hohen Leistungen vollbringen konnte, so fußt die des Auslandes auf deutscher Forschertätigkeit. Das gilt für die Rechtswissenschaft und die Fortbildung des Rechts, wie für die Sprachforschung, die Volkswirtschaftlehre, die Geschichtsforschung und Darstellung, wie für alle Naturwissenschaften und ihre Anwendung in Medizin und Technik. Erst durch die bakteriologischen Forschungen eines Virchow, Koch, Ehrlich ist die Hygiene, ist die erfolgreiche Bekämpfung der Seuchen möglich geworden. Deutsche Aerzte waren es, die die wissenschaftlichen Forschungen zur praktischen Anwendung brachten.

[…]

Aber zehren wir nicht etwa nur von dem Ruhm der Vergangenheit? Kann uns die Welt nicht vorhalten: „So, Ihr waret einmal das Volk der großen Denker und Dichter, aber Ihr seid traurige Epigonen, die eine große Vergangenheit leichtfertig verleugnet haben in dem öden Streben nach politischer Machtstellung! Ihr waret einmal das Volk sittlichen Empfindens, aber Ihr habt in diesem Krieg gezeigt, daß Ihr auch darin heruntergekommen seid!“

Nicht mit stolzen Worten sollen wir solchen Anschuldigungen begegnen. Offen sollen wir zugeben, daß der Krieg alles andere ist denn ein moralisches Stahlbad. Daß in ihm das Volk verwildert, daß auch von uns gar manches geschehen ist, worüber wir gern den Mantel des Vergessens breiten möchten. Aber nicht damit, daß wir ihnen vorhalten, wie im Krieg hüben und drüben gesündigt worden ist, wie jeder dem andern barbarische Handlungen vorzuwerfen berechtigt ist, werden wir jenen Vorwurf zu entkräften vermögen, sondern durch Taten müssen wir beweisen, daß wir die würdigen Nachkommen unserer großen Geistesheroen, der schöpferischen Männer auf allen Gebieten menschlicher Kultur sind.

Mit Taten, auf allen Gebieten der Wissenschaft, der Kunst, der Technik, der Sittlichkeit. Alle unsere intellektuelle und sittliche Kraft müssen wir anspannen, um der Welt klar zu machen, was wir leisten – nicht nur für uns, sondern ebenso für sie! Nicht nationalistisch soll sie die deutschen Leistungen verherrlichen, sondern ihre Stärke in ihren weiteren Taten suchen. In der hingebenden Arbeit an hohe wissenschaftliche Ziele, eingedenk des Wortes „deutsch sein heißt eine Arbeit um ihrer selbst willen tun“. Wie die Wissenschaft, so die Technik. Die Not der Zeit soll sie anspornen, das Höchste zu leisten; mit dem geringsten Aufwand von Kraft die größte Leistung zu erzwingen.

Wir müssen, soll die Welt an uns als Kulturvolk glauben, wieder das arbeitssame Volk von ehedem werden. […] Nur wenn wir durch weitestgehende Sparsamkeit und hingebende Arbeit unsere Finanzen sanieren, unsere Ausfuhr auf die frühere Höhe bringen, können wir hoffen, aus dem Sumpf des Elends herauszukommen.

Es ist ein verhängnisvoller Irrtum zu glauben, daß unsere wirtschaftlichen Leistungen uns die Welt zum Feinde gemacht haben. Gerade der freie Handel, die persönlichen Beziehungen zu den Wirtschaftskreisen der verschiedenen Völkerschaften sind am besten geeignet, die unseligen Folgen des Krieges, wie Völkerhaß und Leidenschaft zu bekämpfen. Aber freilich, es muß ein lauterer Wettbewerb sein, den wir anderen Völkern machen. Selbst den Schein des Dumping-Exports müssen wir vermeiden. Der ehrbare Kaufmann, der Treu und Glauben als die unverrückbare Richtschnur für seine geschäftliche Tätigkeit ansieht, ist geeignet, den deutschen Namen im Ausland wieder zu Ehren zu bringen.

Wir müssen wieder ein sittliches Volk werden, uns frei machen von allem nationalistischen Dünkel, von niedrigen Rasseinstinkten, wenn die Welt wieder an uns glauben soll: Wenn wir sie bereit finden sollen, das zu tun, ohne was eine dauernde Völkerversöhnung unmöglich ist: den Frieden von Versailles aus einem Gewalt- und Unterdrückungsfrieden in einen Frieden der Gerechtigkeit und Versöhnung umzuändern.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 30.12.1919

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Gothein#/media/Datei:GotheinGeorg.jpg