100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Der Neue im Amt

Nach über 10 Jahren im Amt tritt der Oberbürgermeister Weimars – Martin Donndorf – ab. Während seiner Amtszeit hat die Landeshauptstadt viel überstanden: Weltkrieg, Revolution, Nationalversammlung und nun die Einigung Thüringens. Wie wird sich der Nachfolger schlagen?

Stadtwappen Weimars

Wichtige Veränderungen Weimarer Gemeindevorstand.

Schon seit einiger Zeit wurden hier die Möglichkeiten eines Rücktrittes des Herrn Oberbürgermeisters Dr.  D o n n d o r f  erörtert, da er selbst gelegentlich lebhafter Gemeinderat Sitzungen Rücktrittsabsichten geäußert hatte, und man wußte, daß sein Gesundheitszustand nicht der beste war. Allerlei Vorkommnisse in letzter Zeit, die stark an der Gesundheit des gewissenhaften Mannes zehrten, mögen seinen Entschluß, aus dem liebgewordenen Amte zu scheiden, beschleunigt haben. Von Gemeindevorstandsseite wird folgendes mitgeteilt:

„In der vertraulichen Sitzung des Gemeinderats vom 9. Dezember 1919 wurde dem Gemeinderat vom ersten Vorsitzenden die überraschende Mitteilung unterbreitet, daß Herr Oberbürgermeister Dr.  D o n n d o r f  um seine Pensionierung eingekommen ist. Das Gesuch ist begründet mit dem Gesundheitszustand des Oberbürgermeisters. Der Gemeinderatsvorsitzende, Herr Staatsrat  P o l z , widmete Herrn Oberbürgermeister Dr. Donndorf aus den reichen Erfahrungen seiner langjährigen Zusammenarbeit mit dem Stadtoberhaupt herzliche Worte der Anerkennung und Dankbarkeit. Er kennzeichnete seine überragende erstaunliche Arbeitskraft und das feinsinnige Wesen Dr. Donndorfs mit treffenden Worten. Von sämtlichen Rednern, die dann zu Worte kamen, fand die Tätigkeit des Oberbürgermeisters volle, rückhaltlose Würdigung. Man war sich darin einig, daß dem Gesuch des Oberbürgermeisters, der, wie nicht nur das vorliegende ärztliche Zeugnis bescheinigt, sondern auch der Augenschein lehrt, tatsächlich vor seinem gesundheitlichen Zusammenbruch steht, entsprochen werden müßte. Die Ausschreibung der Stelle des Oberbürgermeisters von Weimar soll alsbald erfolgen.“

Unter normalen Verhältnissen hätte Dr. Donndorf wohl noch lange nicht daran gedacht, einen Posten zu verlassen, der ihm – wie jeder Eingeweihte weiß – ans Herz gewachsen war. Dr. Donndorf, der geborener Dresdner ist, der aber in Süddeutschland erzogen wurde, hing an seiner Vaterstadt wie kaum ein zweiter. Er wurde am 18. Juli 1865 geboren, besuchte das Gymnasium in Stuttgart, wohin mittlerweile die Eltern übergesiedelt waren, studierte in Tübingen, Leipzig und Berlin und trat dann als Ratsreferendar bei der Gemeindeverwaltung in Leipzig ein. Später wurde er Ratsassessor. Er wurde in Weimar im Jahre 1898 zweiter Bürgermeister, was er 13 Jahre blieb. Als solcher machte er sich so verdient und zeigte so gute Proben juristischer und verwaltungstechnischer Kenntnisse und Erfahrungen, daß man ihn bei dem Tode des Herrn Oberbürgermeister Papst im Jahre 1911 zum Ersten Bürgermeister wählte, wenn auch eine nicht geringe Gegnerschaft vorhanden war. Erst nach geraumer Zeit erhielt er den Titel „Oberbürgermeister“. Man sprach damals viel von einem Konflikt mit dem ehemaligen Großherzog, der aber später ausgeglichen wurde. Am 28. Dezember 1917 wurde Dr. Donndorf auf weitere 12 Jahre gewählt.

In der Zeit seiner amtlichen Tätigkeit hat Dr. Donndorf unermüdlich gearbeitet und die weitere Entwicklung der Stadt zu fördern gesucht. Der Krieg hat vieles verhindert und auch an das Stadtoberhaupt Anforderungen gestellt, die eine kräftigere Natur als die des letzteren nicht ohne Schaden ertragen hätte. Dazu kamen in letzter Zeit unliebsame Auseinandersetzungen in den Gemeinderatssitzungen, uferlose Debatten fruchtlose Art, die Vorkommnisse wegen der Kohlenversorgung u. a. m., was wohl geeignet war, dem Leiter einer Stadt wie Weimar die Freude an der Arbeit zu beeinträchtigen. Dazu kommt nun noch eine total erschütterte Gesundheit, so daß die Notwendigkeit des Rücktritts wohl begründet ist.

Dr. Donndorf ist erst 54 Jahre alt, er selbst gedachte noch lange an der Spitze unserer Stadt zu wirken und auch die Bürgerschaft wird die Kunde von dem Rücktritt mit großem Bedauern vernehmen. Hoffentlich wird auch der Gesundheitszustand unseres verehrten Oberbürgermeisters sich wieder heben und es ihm vergönnt sein, noch lange in den Mauern unserer Stadt in Ruhe und Frieden zu leben und sich auch weiter am öffentlichen Leben zu beteiligen.

Die hier umlaufenden Gerüchte, daß auch Stadtrat  E n g e l k i n g  die Absicht hat, von seinem Posten zurückzutreten, entsprechen, wie an zuständiger Stelle erklärt wird, nicht den Tatsachen.

Bürgermeister  K l o ß  ist wieder nach Weimar zurückgekehrt und hat seine Dienstgeschäfte im Rathaus wieder übernommen. Er wird nun zunächst genug Arbeit bekommen.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 10.12.1919

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Wappen_Weimar.svg#/media/Datei:Wappen_Weimar.svg