100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Der Schutz der Republik“

Unter diesem Titel bringt die sozialdemokratische Volksstimme aus Gotha eine Wortmeldung aus dem Reichswehrministerium. Der Aufbau der Einwohnerwehren wird gegen die Kritik der Entente verteidigt, wobei den französischen Sicherheitsinteressen kein Verständnis entgegengebracht wird. Die lokal aufgestellten Wehren sollen nach dem Willen der Regierung ein effektives Schutzinstrument sein, aber in der Praxis lässt ihre Einsatzbereitschaft sehr zu wünschen übrig.

Charles Nollet - Chef der Interalliierten Kontrolkommission in Deutschland

Genosse Bernhard Rausch, der politische Mitarbeiter Noskes im Reichswehrministerium, schreibt:

In dem Augenblick, in dem der Parteivorstand dazu auffordert, in Massen in die Einwohnerwehren einzutreten, zum Schutz der demokratischen Ordnung der Republik, fordern die alliierten und assoziierten Regierungen in ihrer Note vom 1. Dezember, daß die Einwohnerwehren ebenso wie die Sicherheitspolizei und die Zeitfreiwilligenformationen aufzulösen und die Polizeikräfte auf die im Versailler Vertrage festgesetzte Zahl zu vermindern seien.

In dieser neuen Note kommt, wie in den sonstigen Stilübungen des Tigers Clemenceau, ganz der brutale Machtstandpunkt des imperialistischen Siegers zum Ausdruck, ebenso aber auch die Tatsache, daß er seines Sieges nicht recht froh werden kann. Unsere Gegner wissen, daß der sogenannte Friedensvertrag von Versailles, wie einst der Frankfurter Frieden, eine neue unheilvolle Blutsaat ausstreuen muß, und deshalb sieht ihr böses Gewissen schon in jedem armseligen deutschen Gewehrlauf eine Gefahr. Nun ist nichts lächerlicher, als in den polizeilichen Sicherheitsmaßnahmen, die wir zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung Deutschlands notwendig treffen mußten, eine unmittelbare oder zukünftige Bedrohung Frankreichs und des Friedens in der Welt zu erblicken. An einen Krieg zu denken wäre jetzt und auf absehbare Zukunft für Deutschland heller Wahnsinn. Aber schon aus finanziellen Gründen verzichtet die deutsche Regierung gern auf jeden Mann, der nicht unbedingt nötig ist. Deshalb befindet sich die uns im Friedensvertrag vorgeschriebene Verminderung der Reichswehr auf 200.000 Mann, die binnen dreier Monate nach Inkrafttreten des Vertrages erfolgt sein muß, in vollem Gange, und unseren Gegnern ist kein Zweifel darüber gelassen worden, daß auch der ehrliche Versuch gemacht werden wird, in Zukunft mit 200.000 Mann Reichswehr auszukommen, obwohl immer wieder betont wurde, daß nach der Überzeugung aller maßgebenden Stellen diese Zahl selbst lediglich für die inneren Polizeizwecke nicht genügen wird. Da Österreich mit 6 Millionen Einwohnern 30.000 Mann zugestanden erhalten hat, müßte Deutschland entsprechend seiner Bevölkerungszahl ein Heer von 300.000 Mann haben.

Deshalb ist es ein ausgemachter Schwindel und eine plumpe Verdächtigung, die Einwohnerwehren, die Sicherheitspolizei und die Zeitfreiwilligenorganisationen, die lediglich als polizeiliche Ergänzung unserer unzureichenden militärischen Kräfte gedacht sind, als eine heimliche Entwicklung unserer militärischen Streitkräfte zu bezeichnen, die die Absicht verfolge, den Friedensvertrag zu umgehen. Die Entstehung dieser Organisationen hat sich in aller Öffentlichkeit vollzogen und ist den Vertretern der Entente überdies offiziell mitgeteilt worden.

Der in der Note zum Ausdruck kommende Geist des Mißtrauens entspricht jedoch vollkommen der Mentalität der Franzosen, deren Initiative sie auf Verlangen Fochs auch entsprungen ist. Die Engländer sind zwar nicht weniger gesonnen, den Sieg über Deutschland für ihre imperialistischen Zwecke restlos auszunutzen, aber sie sind immerhin klüger und deshalb großzügiger als die Franzosen. Über einige 10.000 Soldaten mehr oder weniger in Deutschland wäre mit ihnen wohl zu reden. Den Franzosen aber kommt es nicht lediglich auf die Sache an. Die gallische Eitelkeit und Rachsucht der französischen Bourgeoisie (die Arbeiterschaft in Frankreich ist nach den letzten Wahlen ohnmächtiger als je) will das Triumphgefühl des Siegers restlos auskosten und den gehaßten Feind röcheln hören, selbst wenn die eigenen politischen Interessen darunter leiden sollten. Deshalb ist mit den Franzosen ein ernsthaftes Verhandeln immer noch nicht möglich. Obwohl die Kontrollkommissionen unter Führung französischer Generale schon seit längerer Zeit in Berlin anwesend sind, konnten bisher nur unverbindliche Plaudereien mit ihnen stattfinden. Die Generale Dupont und Nollet hören sich wohl interessiert an, was man ihnen zu sagen hat, erklären aber ausdrücklich, daß sie nicht zu Verhandlungen gekommen seien, sondern lediglich zur Überwachung. Es wäre deshalb vollkommen verfehlt, sich über die harte Entschlossenheit unserer Gegner irgendwelchen Illusionen hinzugeben. Namentlich werden die Franzosen ängstlich und eifersüchtig darüber wachen, daß ihre militärischen Forderungen restlos erfüllt werden.

Nun mag es vielen unserer Parteigenossen nicht unangenehm sein, daß die Einwohnerwehren, in denen sie schon längst eine reaktionäre Gefahr erblickten, nunmehr durch das Machtgebot der Entente verschwinden sollen. Es ist zweifellos richtig, daß die Einwohnerwehren an vielen Orten so zusammengesetzt sind, daß von ihnen ein zuverlässiger Schutz der Republik nicht erwartet werden kann. Die Schuld daran liegt aber nicht in der Institution der Einwohnerwehren, sondern an der Interesselosigkeit der sozialdemokratischen Arbeiterschaft unseren militärischen Bedürfnissen gegenüber. Die Ermüdung durch den langen Krieg und die traditionelle Gegnerschaft gegen den Militarismus haben in den sozialdemokratischen Massen eine antimilitaristische Stimmung erzeugt, die anhielt, auch nachdem die Sozialdemokratie zur politischen Macht gelangt und dadurch vor die Pflicht gestellt war, auch die militärischen Konsequenzen aus dieser Tatsache zu ziehen und selber den Schutz der Republik zu übernehmen.

Es ist indessen ein Trugschluß, wenn man annimmt, daß durch die Auflösung der Einwohnerwehren, der Zeitfreiwilligenregimenter und der Sicherheitspolizei die Gefahr von rechts kleiner werden würde. In Zukunft werden wir dann lediglich auf das 100.000 Mann-Heer und verhältnismäßig geringe Polizeikräfte angewiesen sein. Dadurch wird die Reichswehr naturgemäß eine erhöhte Bedeutung erhalten und mehr noch als bisher von den verschiedenen politischen Richtungen umworben werden. Ein Söldnerheer aber ist eine durchaus undemokratische Heeresform und birgt dauernd die Gefahr einer die Republik gefährdenden Prätorianerwirtschaft in sich. Die Einwohnerwehren aber sind das, wozu die Massen des Volkes selbst sie machen, und ihre Mobilisierung in Ostpreußen hat bewiesen, welche hohe Bedeutung für den Schutz des Landes sie gegebenenfalls haben können.

Die militärischen Forderungen der Entente erhalten im gegenwärtigen Augenblick ein besonderes Gewicht durch die Tatsache, daß wahrscheinlich in nächster Zeit der Belagerungszustand überall da, wo er noch besteht, aufgehoben werden wird. Zweifellos wird das ein Experiment auf die innere Festigkeit unserer Staatsordnung sein. Dazu kommt, daß sich die eigentlichen Folgen des Weltkrieges erst ganz für uns fühlbar machen werden, wenn an die Erfüllung der entsetzlichen wirtschaftlichen Forderungen des Versailler Vertrages herangegangen wird, Forderungen, von deren Schwere und vernichtenden Konsequenzen sich nur wenige eine rechte Vorstellung zu machen vermögen.

So zeigt die letzte Note Clemenceaus mit greller Deutlichkeit, daß wir die Gefahrenzone noch längst nicht überwunden haben, und daß es für die Massen des deutschen Volkes heute mehr als je gilt, auf der Hut zu sein zum Schutz der Demokratie und Republik, gegen rechts nicht weniger als gegen links.

Quelle:

Volksstimme vom 9.12.1919

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Nollet#/media/Datei:Charles_Nollet-1924.jpg