100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Der „wahre Geist“ Weimars wider das Bauhaus

Nach heftigen Angriffen auf das Bauhaus und dessen neuartiges Konzept meldet sich in der Weimarischen Landes-Zeitung erneut ein Kritiker des Bauhauses zu Wort. In der Stadt sei demnach kein Platz für den „Expressionismus“ der Bauhäusler, die besser im dekadenten München aufgehoben wären. Weiter unten gibt der Maler Fritz Fleischer als Antwort jedoch eine Anekdote zum Besten.

Selbstporträt Franz von Lenbachs

Zum Streit um die Kunstschule.

Es drängt mich, den Herren Schrickel und Groß nebst Frl. v. Freytag-Loringhoven hiermit einen Dank auszusprechen, dem sich gewiß viele Weimaraner anschließen. Denn es handelt sich im Streit um die Kunstschule nicht einfach darum, ob man überhaupt für oder wider jene aufdringlichen Versuche sei, die man jetzt „Expressionismus“ nennt. Vielmehr handelt es sich darum, ob das kleine, stille und durch seine Tradition geadelte  W e i m a r  der  g e g e b e n e  B o d e n  sei, auf dem sich solche Versuche mit ihrem Drum und Dran austoben dürfen und können. Wir wünschen hier kein München-Schwabing. Wir sind hier keine Großstadt, wo ein zahlreiches Publikum den Streit um eine neue Kunstrichtung oder Kunstverirrung mit ausfechten kann. Wir könnten es allenfalls vertragen, wenn etwa  e i n e r  der hiesigen Lehrer die expressionistische Richtung maßvoll verträte. Damit aber genug! Daß jedoch unsere spärlichen Mittel verausgabt werden sollen, hier einen Tummelplatz des sogenannten „neuen“ Geistes zu unterhalten und Experimente zu bezahlen auf Kosten ruhiger Weiterentwicklung – nein, meine Herren, das empfinden wir als Rummel oder Unfug! Und dies auszusprechen, muß uns erlaubt bleiben.

Wie man die temperamentvolle Rede des Meisterschülers Hans Groß als „undeutsch und verräterisch“ bezeichnen kann, ist uns unparteiischen Zuhörern ebenso unverständlich wie ihre angebliche „politische Agitation“. Der Mann hat sich die Leber leicht gesprochen: und dazu hat er im  F r e i h e i t s st a a t e  hoffentlich ein  R e ch t !

Die Leitung der Kunstschule läßt freilich durchblicken, was sie eigentlich ärgert: Groß habe eine „antisemitische Protestliste herumgereicht“ und ein andermal eine „deutschnationale Parteirede“ gehalten. Wenn die in der Zeitung „Deutschland“ Nr. 351 abgedruckte Rede mit dieser „Parteirede“ gemeint ist, so wissen wir genug. Und antisemitisch? Da muß doch wohl irgendein  G r u n d  o d e r  A n l a ß  vorliegen? Ist vielleicht unter den „208 Reichsdeutschen, 14 Deutschösterreichern“ usw. unserer Grundschüler ein bedenklich hoher Prozentsatz solcher Zugewanderter, gegen deren Andrang sich etwa jene „antisemitische Protestliste“ richtet? Wenn man protestiert, muß doch wohl etwas da sein, gegen das man protestiert! Demnach bleibt uns das Verbrechen der „antisemitische Protestliste“ unklar.

Wir Zuschauer hätten an sich keinen Grund zu besonderer Parteinahme oder gar Gehässigkeit. Die Kunstmarkt ihre Kämpfe auf ihrem Gebiet auskämpfen. Aber es kann wirklich empören, wenn man naseweises junges Volk über uns ältere Gebildete, die wir Museen und Landschaften von halb Europa gesehen haben, die Achsel zucken sieht, weil wir eben „zu alt“ seien, um diese angeblich „junge“ Kunst der verzerrten Linien zu verstehen. Das ist denn doch ein zu bequemer, ein zu flacher Standpunkt! Wir unsererseits erwarten in unserer ohnehin bitterlich aufgewühlten Zeit von einer neudeutschen Kunst eben keine Aufgeregtheiten, kein Händefuchteln, keine Grimassen, keine Rätselraten, sondern etwas, was die  e d e l st e n  U e b e r l i e f e r u n g e n  e d e l  f o r t s e tz t , nicht aber zerknittert und zerknüllt. Und selbst wenn uns ein wildes Linienwerk entsetzen muß, so wollen wir dahinter die  P e r s ö n l i ch k e i t  spüren und achten. Aber wir haben die peinliche Empfindung, daß man diese modernste Verblüffungstechnik  s y st e m a t i s ch  z ü ch t e t ; und um uns mit solchem manieristischen Strichegewirr, das noch in die Versuchswerkstätte gehört, auseinanderzusetzen, dazu ist uns die Zeit zu ernst, die Not zu groß, die Kunst zu heilig – und das Leben zu kurz.

Wenn der wahre Geist Weimars einmal heraufsteigen und sein Werk in vornehmer Zucht und Strenge wieder aufnehmen und fortsetzen wird, sind die jetzigen Luftblasen entweder verpufft oder haben sich gründlich umgewandelt.

E i n  K u n st f r e u n d.      

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Eine Antwort.

So oft ich die Urteile über die alte, neuere und die fast monatlich wechselnde neuste Malerei lese, welche besonders in der letzten Zeit, und ganz besonders in Weimar, von Menschen der verschiedensten Berufsstände verfaßt und mit dem Selbst- und Sicherheitsgefühl, welches in so hohem Maße nur dem Kunstlaien eigen ist, veröffentlicht werden, fällt mir eine Anekdote von Lenbach ein, die den Vorzug hat, wahr zu sein und die ich deshalb der Allgemeinheit nicht vorenthalten möchte.

Lenbach war einstens bei Kaiser Wilhelm II. zum Diner eingeladen. Der Kaiser sprach während der Tafel unausgesetzt über Malerei, über Unter- und Uebermalung, über Ausdruck, Kunstrichtungen usw. Dieses Gespräch wurde auch nach der Tafel unter Hinweis auf bestimmte Bilder, die zu diesem Zweck aufgestellt waren, fortgesetzt. Plötzlich richtete der Kaiser an Lenbach, der die ganze Zeit hindurch geschwiegen hatte, die Frage: „Ja, lieber Lenbach, warum sagen Sie denn gar nichts?“ Worauf Lenbach in seinem gemütlichen bayerischen Dialekt erwiderte: „Wenn Eure Majestät mich fragen würden, wer das dritte oder vierte Armeekorps führt, da könnte ich schon antworten, aber von Malerei verstehe ich ja nichts.“

Werde ich verstanden? –

F r i tz  F l e i s ch e r.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 28.12.1919

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_von_Lenbach#/media/Datei:Franz_von_Lenbach_-_Selbstporträt_(ca.1879).jpg