100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Die Folgen tragen die Hungrigen

Auch ein Jahr nach Kriegsende müssen Grundnahrungsmittel vom Staat zwangsverwaltet werden, wobei der wichtigste Effekt eine Preissubvention ist. Nun beginnt die Regierung diese Subventionen langsam zurück zufahren. Die Ernte war schlecht und das Geld wird andernorts (Reparationen etc.) gebraucht.

Berliner Suppenküche (von Hermann Scherenberg)

Steigerung des Brotpreises

Der Reichsrat hielt am Dienstag eine öffentliche Sitzung ab. Es wurde u. a. Bericht erstattet über den Entwurf einer Verordnung über Zahlung von Ablieferungsprämien für Brotgetreide, Gerste und Kartoffeln. Danach betrug die Ablieferung von Brotgetreide im vergangenen Jahre 2 030 000 Tonnen, im laufenden Jahre erst 1 100 000 Tonnen. Die Ursachen für den Rückgang sind sowohl in der verspäteten Ernte, wie auch in der Überlastung der Verkehrsmittel zu sehen. Es gibt nur ein Mittel, die die Zwangswirtschaft aufrecht zu erhalten, nämlich eine angemessene Erhöhung der Preise. Die Kosten für die Ablieferungsprämien belaufen sich schätzungsweise auf eine Milliarde, die durch Erhöhung des Mehlpreises eingebracht werden soll. Der Mehlpreis wird daher um 46,50 M für den Doppelzentner erhöht werden, so dass der Preis für ein Brot im Gewicht von 2850 Gramm auf 2,45 M steigen wird. Dadurch würde die große Masse der Bevölkerung sehr schwer belastet werden. Die Deckung der Kosten für die Ablieferungsprämien für Kartoffeln soll ebenfalls der Verbraucher tragen, und zwar soll der Preis für den Zentner um 2,50 M erhöht werden. Reichen diese Erhöhungen nicht zu, so wird das Reich für die Fehlbeträge aufkommen. Der Reichsrat stimmte den Beschlüssen des Ausschusses zu.

Endlich genehmigte der Reichsrat den Bericht des siebenten Ausschusses über den Entwurf eines Gesetzes gegen das Glückspiel. Danach wird die Veranstaltung des öffentlichen Glückspiels, gleichviel wo, und die Bereitstellung von Einrichtungen zur Veranstaltung des öffentlichen Glückspiels unter Strafe gestellt. Die Behörde braucht also nicht erst den Nachweis zu führen, dass ein Glückspiel stattgefunden hat, sondern es genügen bereits die Vorbereitungen dazu, um eine Möglichkeit des Einschreitens zu geben.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 20.12.1919

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00259220/JVB_19191220_297_167758667_B2_002.tif?logicalDiv=jportal_jparticle_00653676

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Suppenk%C3%BCche#/media/Datei:Berliner_Volksküche_1868_(IZ_51_H_Scherenberg).jpg