100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Die große Schuhnot“

Im Weimarer Landtag werden Berichte verschiedener Art vorgetragen. Besonders bemerkenswert ist dabei die Knappheit von Schuhen, die es zu dieser Zeit gegeben haben muss. Schwer vorstellbar ist es  heute, dass der Thüringer Landtag über die Bereitstellung von Leder für einen einzelnen Schuhmacher in Neuengönna berät.

Deutsche Lederschuhe

Landtag für Sachsen-Weimar.

Weimar, 2. Dezember 1919.

Die 67. Landtagssitzung eröffnete Präsident Leber kurz nach 10 Uhr vormittags.

Am Regierungstisch: Staatsminister Baudert.

Da keine Gesuche eingegangen waren, trat man sofort in die Tagesordnung ein.

  1. Bericht des Siedelungsausschusses über Gesuch der Gemeinde Dorndorf an der Saale um Ueberlassung eines Wiesengrundstueckes vom Kammergut Dorndorf.

Berichterstatter Abg. Matthes (Dem.): Zur Begründung weisen Gesuchsteller darauf hin, daß in Dorndorf zumeist Arbeiterbevölkerung wohne. Zur Förderung der Ziegenhaltung bestehe der berechtigte Wunsch, etwas Wiesengrund zu besitzen. Sie beantragen der Gemeinde das zum Kammergut gehörige Wiesenstück – die Herrenweiden – käuflich zu überlassen, sie sind auch bereit, ein anderes Wiesengrundstück dafür abzutreten. Der Ausschuß hat die Wünsche als berechtigt anerkannt und empfiehlt dem Landtag, das Gesuch der Regierung als Material zu überweisen.

Der Ausschussantrag wurde einstimmig angenommen.

  1. Bericht des Petitionsausschusses über das Gesuch der Gemeinde Dippach um pachtweise Ueberlassung der Jagd im Aubelsberge.

Nach dem Bericht des Abg. Scholz wurde das Gesuch der Regierung als Material überwiesen.

  1. Bericht des Petitionsausschusses über ein Gesuch des Schuhmachers Rützel in Neuengönna um Bereitstellung von Leder für Schuhwerk

Abg. Frl. Schott gab den Ausschussbericht, der mit dem Antrag schloß, das Gesuch der Regierung als Material zu überweisen.

  1. Bericht des Petitionsausschusses über das Gesuch des Vorstandes der Stadt Eisenach um Beschaffung von Schuhwerk für die minderbemittelte Bevölkerung.

Den Bericht erstattete ebenfalls Abg. Frl. Schott. In dem Gesuch wird auf die große Schuhnot hingewiesen und der Landtag gebeten, auch für die ganze Bevölkerung Sachsenweimars schnellstens billiges Schuhwerk sicherzustellen. Der Ausschuß hat die Ansicht des Eisenacher Gemeindevorstandes und empfiehlt, das Gesuch der Regierung zur Berücksichtigung zu überweisen. Von der Stadt Eisenach ist noch ein weiteres Gesuch eingegangen, in dem zur Beschaffung billigem Schuhwerk um die Bereitstellung von Mittel gebeten wird. Es handelt sich um den Einkauf von 30.000 Paar Schuhe. Der Ausschuß schlägt vor, dieses Gesuch der Regierung zu Erwägung zu überweisen.

Staatsrat Paulssen gab die Zusicherung, daß die Regierung alles tun werde, um den berechtigten Wünschen gerecht zu werden, wies aber darauf hin, daß man in Weimar wiederholt billige Schuhe verkauft habe, da die früheren Bestimmungen noch aufrecht erhalten worden wären.

Abg. Lippold betonte, daß diese Kalamität der Stadt Eisenach über den Kopf gewachsen wäre, die Schuhverwertung hätte sozialisiert werden müssen.

Nach dem Schlußwort der Abg. Frl. Schott wurden beide Anträge angenommen.

[…]

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 4.12.1919

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00259206/JVB_19191204_283_167758667_B1_001.tif

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Schuh#/media/Datei:Sapatos_de_couro_marrom.JPG