100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Die Heim-Volkshochschule Tinz

Die Eröffnung der sozialistischen Heim-Volkshochschule in Schloß Tinz bei Gera zeigt, dass Thüringen ein Land der pädagogischen Reform ist. Der Wunsch ist die „Tinzianer“ – beiderlei Geschlechts! – auf selbstbestimmte Weise zu politisch aktiven Persönlichkeiten heranzubilden. Die mehrmonatigen Kurse ermöglichen die Herausbildung eines intensiven Wir-Gefühls unter den jungen Sozialistinnen und Sozialisten.

Das Tinzer Wasserschloß (von Richard Zscheked)

Heimvolkshochschule Schloß Tinz

Die Eröffnung der Heim-Volkshochschule in Schloß Tinz bei Gera steht bevor.

Die Heim-Volkshochschule in Schloß Tinz nimmt lernbegierige aufwärtsstrebende Menschen beiderlei Geschlechts für einige Monate auf, vereinigt sie, frei von des Alltags Unrast und Sorgen, zu einer Lebens- und Erlebensgemeinschaft, um sie nachher mit geweitetem Blick, mit gefestigtem Wollen wieder in ihren Beruf zu entlassen.

Die Heim-Volkshochschule in Schloß Tinz ist keine Parteischule. Sie ist aus dem Geist sozialer Verantwortlichkeit entstanden. Sie ist von Sozialisten geleitet. Sie wird die geistigen und sittlichen Werte des Sozialismus ihren Schülern durch Lehre und Beispiel vermitteln. Sie wird jedoch kein parteipolitisches Werkzeug sein, weder in dem Sinn, daß sie Parteibeamte oder Funktionäre heranbildet, noch daß sie sich in Parteikämpfe einmischt.

Die Heim-Volkshochschule in Schloß Tinz ist keine Fachschule. Sie vermittelt keine besondere berufliche Weiterbildung. Sie fordert keine Aufnahmeprüfungen ab und verleiht keinerlei Berechtigungsscheine.

Die Heim-Volkshochschule in Schloß Tinz ist keine Standes- oder Klassenschule. Wenn sie erwartet, daß die arbeitende Bevölkerung die Mehrzahl der Schüler stellt, so tut sie das mit Rücksicht darauf, daß die Arbeiterschaft heute auch in der Volksgesamtheit überwiegt. Ihr ist jedoch der Bauer, der Kaufmann, der Beamte ebenso willkommen.

Die Heim-Volkshochschule will Wissen vermitteln, aber nicht, um reich an gelernten Kenntnissen zu machen, sondern um Verstand und Urteil zu schulen, um zu geistiger Selbstständigkeit zu erziehen. Nicht so sehr Wissende, als vielmehr Strebende sollen die Schüler werden. Wer bequeme Unterhaltung sucht oder aufregende Sensationen, wird in der Volkshochschule nicht auf seine Rechnung kommen. Wer jedoch zu ernster geister Arbeit bereit und fähig und ausdauernd ist, wer mit anderen seinesgleichen den Weg beschreiten will, der zum Erfassen und Erleben unseres Kulturbesitzes und zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, der vom Wissen zum Wollen führt, den nimmt die Heim-Volkshochschule freudig auf.

Aufgenommen werden Männer und Frauen vom 18. Lebensjahre an.

Die Dauer eines Kursus ist für Männer auf 5, für Frauen auf 3 Monate vorgesehen.

Während ihres Aufenthaltes auf der Schule bilden die Schüler mit den Lehrern eine große Familie, eine Lebensgemeinschaft, die sich je nach Neigung und Interessen in kleinere Kameradschaften gliedert.

Kost, Wohnung und die nötigen Lehrmittel gewährt die Schule. Als Beitrag zu den Kosten sind von jedem Schüler hierfür 60 M. im Monat zu entrichten. Die nötige Wäsche ist mitzubringen.

Im Mittelpunkt der Aufgabe der Heim-Volkshochschule steht die Erwerbung und Anregung der Schüler zu eigener geistiger Arbeit. Diesem Ziel dienen Vorträge der Lehrer, Rede und Gegenrede zwischen Lehrern und Schülern, Anleitung zur freien Rede, zur Lektüre guter Bücher, zu selbstständigen Ausarbeitungen, ferner Wanderungen, Besichtigungen, Besuch von Theatern, Konzerten usw. Auch vernunftgemäße Erholung und sinnesfreudiger Genuß werden in körperlicher Betätigung, in Gartenarbeit, Gymnastik, Sport und Spiel, Gesang, in Festen und geselligem Beisammensein zu ihrem Rechte kommen.

Im Unterricht sollen besonders folgende Wissensgebiete behandelt werden:

Bau- und Entwicklung der Erde, ihrer tierischen und pflanzlichen Bewohner.

Das Menschengeschlecht und sein Werdegang.

Heimatkunde und Heimatverständnis. Land und Volk.

Deutsche Sprache und ihre bedeutendsten Schriftwerke.

Die geographischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Grundlagen der weltpolitischen Entwicklung.

Entwicklungsgeschichte der menschlichen Kultur.

Wirtschafts- und Gesellschaftslehre.

Sozialpolitik, Bürgerlehre.

Theoretischer und praktischer Sozialismus.

Als Lehrer sind wissenschaftliche Fachleute und Lehrer mit langjähriger Erfahrung auf dem Gebiete der Volksbildung tätig.

Frauen und Männer, die die Schule besuchen wollen, bekommen durch die Schulleitung einen ausführlichen Plan kostenlos zugestellt.

Auskunft: G. Hennig, Gera-Reuß, Ministerium, Zimmer Nr. 41.

Quelle:

Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach vom 29.12.1919

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00212318/WVZ_1919_10-12_1079.TIF?logicalDiv=jportal_jpvolume_00149255

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Tinz#/media/Datei:Richard_Zscheked_-_Tinzer_Wasserschloss.jpg