100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Ein „Bändiger der Revolution“

In Weimar war Gustav Stresemann, der spätere Reichskanzler, Außenminister und Friedensnobelpreisträger, für einen Vortrag zu Gast. Die DVP, der Stresemann vorsitzt, lehnt die Revolution offen ab und positioniert sich als rechtsnationale und wirtschaftliberale Partei. Etwas überraschend, aber irgendwie logisch ist es da, dass Stresemann in Weimar den Franzosen Napoleon als „Bändiger der Revolution“ anpreist. Ein starker Mann soll es offenbar richten…

Gustav Stresemann

Aus Weimar.

Weimar, den 3. Dezember.

 * Die Jugendgruppe der Deutschen Volkspartei hielt gestern ihren ersten Vortragsabend ab, auf dem der Parteivorsitzende, der Abgeordnete Dr. Stresemann, über „Goethe und Napoleon“ sprach. Eine Tatsache ist es, daß der große Dichter den großen Feldherrn verehrt hat, und viel ist er darum angefeindet worden. Nun haben wir Deutschen sicher das Recht, Napoleon zu hassen, aber seiner Persönlichkeit müssen wir besser gerecht werden. Wir müssen uns bemühen, ihn nicht im Lichte der – englischen Legende zu sehen, sondern so, wie er wirklich war, als den ersten, der klar die Belange des Kontinents gegen das räuberische Inselvolk verfocht und dessen Lebensziel der Kampf für das selbstständige Europa gegen Albion war. Für Goethe mag allerdings diese Ueberlegung nicht ausschlaggebend gewesen sein in seiner Stellung zu Napoleon, obwohl er sicher, wie aus seinen Karlsbader Gedichten hervorgeht, sich auch über diese Bedeutung des Korsen klar gewesen ist, für ihn kamen an dem Kaiser in Betracht einmal dessen Stellung als Bändiger der Revolution, dann die Kongenialität der beiden größten Männer ihrer Zeit und schließlich eine Gleichheit im Wesen. Gerade heute, wo es den Briten wiederum geglückt ist, die selbstständige Macht niederzuzwingen, die ihnen ihrer Ansicht nach gefährlich wurde, wo sie wie einst gegen Frankreich so diesmal gegen uns Deutsche eine Mächtekoalition zusammengebracht haben, haben wir allen Grund, der Persönlichkeit Napoleons gerechter zu werden. Selbst ein so glühender Hasser wie Heinrich von Kleist sagt, wir dürfen ihn bewundern, wenn wir ihn besiegt haben. Wir können heute objektiver denken als die Männer, die gegen den Korsen fochten, und werden vor allem, wenn wir das tun verstehen, warum Goethe den ersten Napoleon verehrte. – Reicher Beifall lohnte den Redner für seine außerordentlich aufschlußreichen Darlegungen. Eingeleitet wurde war der Abend durch den Gesang Goethescher Lieder, die Frau Fanny Gebhardt-Burkert mit bestem Gelingen zu Gehör brachte, wobei sie in Frl. Therese Krieger eine verständnisvolle Begleiterin fand.

Quelle:

Thüringer Tageszeitung vom 3.12.1919

 

Bild:

https://fr.wikipedia.org/wiki/Gustav_Stresemann#/media/Fichier:Gustav_Stresemann.jpg